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Leigh Bowery: Die Kunst der Selbstdarstellung

11.10.2012 | 17:36 |  Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Das Werk von Leigh Bowery oszilliert zwischen Inszenierungsdrang und Extravaganz. Eine Wiener Retrospektive macht seine Nachwirkung deutlich.

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Sie haben Seltenheitswert und sind umso wirkungsvoller – die raren Momente plötzlicher Erkenntnisfindung, die der Volksmund als „Aha-Erlebnisse“ kennt. Denn etwas Erhebendes wohnt ihnen inne, im Kleinen wie im Großen: Einmal erschließt sich vielleicht einfach die Bedeutung einer oft gebrauchten Redewendung, ein andermal erlaubt ein übersehenes Detail Einblicke in historische Zusammenhänge. Oder freilich es erschließt sich mit einem Mal, gleichsam rückwirkend, ein als bekannt angenommener Kosmos von Neuem. In diesem Sinne mag eine erste kurze Begegnung mit der Arbeit von Leigh Bowery nicht notwendigerweise die Aha-Erkenntnismaschinerie in Gang setzen (wiewohl sie jedenfalls nicht unbemerkt bleiben dürfte, wenn sie im Kontext einer thematisch angelegten Ausstellung auftaucht).

Leigh Bowery: Retrospektive

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Eine umfangreiche Werkschau, wie die Wiener Kunsthalle sie demnächst zeigt, ist aber sehr wohl angetan, neue Sichtweisen zu eröffnen und im konkreten Fall einen großen Teil der ästhetischen Exzentrizitäten im „Swinging London“ ab den frühen Achtzigerjahren zu erklären. Im Besonderen die für ihre herausragende Kreativität gelobte Modeszene der Stadt erweist sich, aha!, nach Bowery-Beschau als große Schuldnerin dieses unheimlich einfallsreichen Performance-Künstlers, Entertainers und „Queer Art“-Pioniers.

Nebel statt Sunshine

Jeder Versuch, Bowerys Arbeit auf einen knappen Nenner zu bringen, ist zum Scheitern verurteilt: Zu vielgestaltig und interdisziplinär ist sein Œuvre, als dass es sich einer vereinfachenden Kategorisierung anbieten würde. Die Ursache ist zweifellos in Bowerys gänzlich unkonventioneller Persönlichkeit zu suchen – der von der Kunsthalle gewählte Titel für die Retrospektive, „Xtravaganza“ (in gespiegelten Lettern), ist also treffend, wenngleich ein wenig plakativ, gewählt. Der junge Leigh war schließlich ohne Zweifel zu extravagant, als dass es ihn in seiner Heimatstadt Sunshine, einem Vorort von Melbourne, hätte halten können. Mit 19 Jahren machte er sich auf nach London, wo eben die erste Welle des Punk abgeklungen war und Margaret Thatcher weiterhin mit eiserner Hand regierte.

Die pulsierende Underground-Club-Kultur der Metropole stellte eine fantastische Parallelwelt und damit den idealen Nährboden für Leigh Bowerys Ausdrucksvermögen dar. Angela Stief, die für die Kunsthalle Wien die Bowery-Retrospektive kuratierte, hält hinsichtlich seiner Wirkungsabsichten fest: „Als er 1980 in London ankommt, notiert er in seinem Tagebuch drei Punkte: Erstens wollte er selbst Mode machen. Zweitens wollte er sich in den Clubs unter bekannte Persönlichkeiten mischen. Und drittens wollte er im Idealfall auch selbst bekannt werden.“

Seine Designambitionen – Bowery hatte in Australien einen Kleidermacher-Lehrgang absolviert – gerieten bald zum Mittel, um die anderen beiden Punkte auf seiner Londoner To-do-Liste abzuhaken. Innerhalb weniger Jahre wurde er zum fixen Bestandteil der Partyszene und begann, selbst Soirées zu veranstalten: Legendär wurde seine donnerstägliche Club-Nacht „Taboo“, die Bowery Anlass bot, seine unglaublichen Kostümfantasien auszuleben. Boy George, der der Veranstaltung mit seinem Musical „Taboo“ im Jahr 2002 eine Hommage widmete, erinnert sich in einem Gespräch mit dem „Interview“-Magazin an das von Bowery vorgegebene Motto: „Richtet euch so her, als ginge es um euer Leben – oder lasst es ganz bleiben.“ Wie sehr Boy George diese Devise zugutekam, verdeutlicht nicht zuletzt der Verlauf seiner eigenen Karriere.

Fantasie und Schockwirkung

Während Leigh Bowery Mitte der Achtzigerjahre die Londoner Club-Szene dominierte, traten in New York ähnlich schillernde Persönlichkeiten in Erscheinung: Die „Club Kids“ um Michael Alig waren in puncto Exzentrizität seelenverwandt, so war es nur logisch, dass diese amerikanischen Verkleidungskünstler mit Leigh Bowery in der Fernsehshow von Joan Rivers 1990 einen gemeinsamen Auftritt hinlegten, der legendär wurde. Dort fasste Bowery auch seine Motivationen zusammen: „Es geht uns wohl nicht so sehr um Mode, sondern um das Ausleben unserer Fantasien durch Verkleidung. Und manchmal auch darum, die Menschen absichtlich zu schockieren.“ Exakt dieser bedingungslos verfochtene Ansatz ließ Bowery letztlich über die Grenzen der Club-Szene hinaus relevant werden. „Er ging weit über herkömmlichen ‚Drag‘ hinaus, und es ging ihm auch nicht um die reine Verkleidung“, unterstreicht Angela Stief. „Was ihn auszeichnete, waren ein skulpturales Arbeiten mit dem eigenen Körper und gerade wegen ihrer Heterogenität extrem authentische Auftritte.“

Bowery, der einen Balanceakt zwischen den Polen von Voyeurismus, Narzissmus und Exhibitionismus absolvierte, beeinflusste zudem zahlreiche Gegenwartskünstler. Als eine Muse möchte Stief ihn aber nicht verstanden wissen: „Sein Drang, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, rückt ihn sicherlich in die Nähe von Begriffen wie ‚Diva‘ oder ‚Star‘. Doch er war mehr als das; und er war auch nicht eigentlich eine ‚Muse‘ für andere. Ich würde ihn vielmehr als einen Inspirationsgeber bezeichnen.“ Der namhafteste unter den von Bowery beeinflussten Künstlern ist fraglos Lucian Freud, für den er wiederholt posierte und von dem eine Arbeit in Wien zu sehen sein wird. Da Bowery sich nie darum kümmerte, selbst seine Performances oder Selbstinszenierungen zu dokumentieren, spielen auch Fotografien eine wichtige Rolle: Am bekanntesten sind hier die „Sessions“ von Fergus Greer. Eine filmische Auseinandersetzung mit Bowery erfolgte durch Charles Atlas. Und obwohl er, wie Angela Stief meint, „von der klassischen Kunstszene schwer übersehen wurde“, wählten namhafte Experten doch eine Bowery-Performance in der Anthony-d'Offay-Galerie in London unter die 250 maßgeblichsten Kunstwerke der vergangenen 25 Jahre (siehe „Defining Contemporary Art“, erschienen bei Phaidon): 1988 stellte er sich sieben Tage lang den Betrachtern hinter einer einseitig verspiegelten Wand – während das Publikum ihm bei ständigen Outfitwechseln zusehen konnte, war Bowery in einem hermetischen Raum nur mit seinem Spiegelbild konfrontiert.

Mode und Konformität

Diese schonungslos betriebene Wut der Selbstinszenierung erklärt zugleich Bowerys nachhaltigen Einfluss auf Entertainer wie Boy George, Anthony and the Johnsons oder zweifellos auch Lady Gaga. Spuren hinterließ seine Arbeit auch im Schaffen avantgardistischer Modemacher. „Bowery hat sich vom Modesystem an sich aber immer stark distanziert; es war ihm viel zu konform“, hält Angela Stief fest; umgekehrt tut sich die Modewelt mitunter schwer, Bowerys Einfluss anzuerkennen (siehe Kastentext). In der Kunstwelt ist der Diskurs um intermediale Beeinflussung und Querverweise weiter gediehen, sodass hier die Vorzeichen für eine positive Rezeption Bowerys, vor allem im angelsächsischen Raum, gut stehen. „Er muss aber viel mehr gezeigt werden“, unterstreicht die Kunsthalle-Kuratorin im selben Atemzug. Dass in Wien nun dem 1994 im Alter von nur 34 Jahren verstorbenen Künstler eine große Ausstellung gewidmet ist, kann in diesem Sinn nur begrüßt werden. Und dass sie außerhalb des unlängst zu Ende gegangenen „Summer of Fashion“-Schwerpunktes eröffnet, ist im Sinne einer unverstellten Wahrnehmung von Bowerys Werk umso stimmiger.

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