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Videopionier Rossacher: Theater ist der neue Rock'n'Roll

14.10.2012 | 18:19 |  von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

Filmemacher Hannes Rossacher ist 60. Über Kitsch und Popkultur, das Ende von "DoRo" und sein neues Leben. Verändert hat sich auch sein Erscheinungsbild.

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Allein anhand der Dekorationsobjekte in seiner Wohnung könnte man Hannes Rossacher stundenlang erzählen lassen. Im Eingangsbereich seiner Altbauwohnung beim Wiener Türkenschanzpark hängt ein signiertes Plakat vom Freddie-Mercury-Tribute-Konzert. Oder auch ein riesiger präparierter Fisch mit leuchtend blauer Flosse, der von Rap-Drehs in Miami stammt. In seinem „Projektraum“ liegen auf Tischen, säuberlich in unzähligen Ablagen, hunderte Fotos: „DoRo“, das Musikvideo-Duo Rudi Dolezal und Hannes Rossacher, mit Queen, mit den Rolling Stones, mit Austropoppern.

Dazu gesellen sich, gut positioniert, rosa Flamingos, knallbunter Katholizismus- und Hindu-Kitsch und Elvis im goldenen Rokokoschrank. Er stamme ja, sagt Rossacher, aus einer Familie von Antiquitätenhändlern. Das hat sich zwar nicht ganz auf seine Berufswahl durchgeschlagen, wohl aber auf ein ausgeprägtes Gefühl für Licht und Raum, wie sein überlegt eingerichtetes Refugium – großes Büro, Ein-Zimmer-plus-Küche-Wohnbereich – zeigt. Und auch irgendwie in seinem Faible für Altes, gemischt mit Popkultur-Trash.

Wie in der Wohnung eines 60-Jährigen sieht es jedenfalls nicht aus, und doch: Morgen, Dienstag, feiert Hannes Rossacher selbigen Geburtstag. Sein Leben ist unstet wie eh und je; insbesondere wieder, seit sich „das Projekt Kleinfamilie“ zerschlagen hat. Nicht umsonst hat sein Privatbereich nur noch Hotelzimmerformat. „Ich bin 200 Tage im Jahr unterwegs, so bin ich es gewohnt.“

Wobei sich der berufliche Fokus Rossachers durchaus gewandelt hat. „DoRo“ ist passé, „das hat sich totgelaufen“. Eine Rolle spielte dabei wohl die zwischenzeitliche Pleite der erfolgreichen und international aktiven Musikvideoproduzenten, zurückzuführen auf einen missglückten Börsengang. „Eine Erfahrung, die man im Leben nicht gern macht. Aber als es vorbei war, konnte ich mich wieder auf den Grund besinnen, warum ich überhaupt in der Branche bin: um selbst Regie zu führen“, sagt Rossacher. „Heute drehe ich scheinbar an einem kleineren Rad, aber im Endeffekt ist es viel befriedigender.“

So arbeitet er viel für eine Berliner Firma, er hat seine Leidenschaft für den Dokumentarfilm entdeckt und für Multikameraprojekte – vom Salzburger „Jedermann“, von Rammstein-Konzerten, vom Cirque du Soleil in Las Vegas. Musikvideos, seine einstige Spezialität, hätten heute „gar keine Relevanz mehr“. MTV ist zum Bezahlfernsehen geworden, „und Viva sendet nur noch Kramuri. Ich schäme mich dafür, dass ich an der Gründung beteiligt war.“ Musik komme heute über andere Ebenen ins Bewusstsein der Käufer: Filme, Extremsportarten, Videogames. Wenn Rossacher dem Musikvideo nachtrauern sollte, zeigt er es zumindest nicht. Stattdessen hat er auch das Theater für sich entdeckt, das er mit neuen Zugängen fürs Fernsehen filmt. „Das ist eine der tollsten Bereicherungen meines Lebens. Im Theater ist für mich heute mehr Rock 'n' Roll als im Rock 'n' Roll. Es ist inhaltlich anspruchsvoll, verflochten mit der Gegenwart, mit vielem unterfüttert.“ Der Popkultur abgeschworen hat er freilich nicht. „Ich empfinde sie als endlosen Webteppich. Das möchte ich auch in meinen Dokumentationen zeigen: Woher etwas kommt und wohin es geht.“

Verändert hat sich auch Rossachers Erscheinungsbild. Immer noch langhaarig wie damals in den Siebzigern, als nach einer Programmreform „erstmals Leute wie ich plötzlich den ORF betreten durften“, ist er schmal geworden. „In meiner Branche ist ja Kokain eine beliebte Erfrischungssubstanz, bei anstrengenden Drehs pilgert gegen Mitternacht die Karawane zu den Nassräumen“, erklärt er bei großen Bechern Nescafé in seinem Wohnraum zwischen rosa Stoffblumen und afrikanischer Kunst. „Ich habe damit nie angefangen, weil ich zu Suchtverhalten neige. Also habe ich das Kokain des armen Mannes verwendet, um mich zu putschen: Zucker.“

Zur Person

Hannes Rossacher wurde am 16. Oktober 1952 in Steyr (Oberösterreich) geboren. Er studierte an der Filmakademie und begann seine Karriere im ORF, gemeinsam mit Rudi Dolezal, bei der Jugendsendung „Ohne Maulkorb.“ Unter dem Namen „DoRo“ entstanden Musikvideos und Filme für die Popgruppe Queen oder für andere internationale Stars wie die Rolling Stones. Heute arbeitet Rossacher vor allem an Pop-Dokumentationen und Multikameraprojekten. Er lebt in Wien und hat eine Tochter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2012)

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1 Kommentare
Gast: Tricho
15.10.2012 22:59
1 0

Nett

Habe ihn letztens in Berlin in einer S-Bahn gesehen. Netter und vollkommen unkomplizierter Typ, der viele Verdienste um die Medienlandschaft hat, aber leider zu wenig gewürdigt wird. Ein wahrer Künstler.