Was ist das für ein Gefühl, durchs eigene Museum zu gehen? Durch die Gänge zu spazieren und einen Zeitraffer seines Arbeitslebens zu sehen? „Da müssen sie Leute fragen, die sich zu Lebzeiten schon ein eigenes Mausoleum gebaut haben. Museen sind auch immer Mausoleen.“
Arnulf Rainer sitzt im gleichnamigen Museum auf einer Bank und lächelt schelmisch. Es ist der Tag vor der Eröffnung seiner Ausstellung „New, Unfigured, and Interesting“ und Rainer wird sie sich selbst das erste Mal ansehen. „Ich mische mich nie ein, wenn eine Ausstellung kuratiert wird“, erklärt er. Ein Kurator sei für ihn wie ein Regisseur. „Dem muss man völlige künstlerische Freiheit geben.“
Entstehungsgeschichte der "Zumalungen"
Rainer geht mit wachem Blick durch die Gänge des ehemaligen Frauenbads in Baden. Vor ihm sind übermalte Tierbilder, vor allem Schlangen, zu sehen, aber auch Pflanzen hängen auf den weißen Wänden. Im Vorraum liegen übermalte Bücher in Vitrinen aus Holz und Glas, einige von ihnen wurden noch nie gezeigt.
Neben Rainer steht Kurator Helmut Friedel. Er erklärt die Werke und lobt das Genie Rainers. Der lächelt freundlich und antwortet durchaus trocken, wenn es etwa um die Entstehungsgeschichte der „Zumalungen“ geht: „Ich wollte schwarze Bilder malen, da ich aber kein Material zu Hause gehabt habe, habe ich einfach Brettln genommen.“
"Ich liebe Bücher"
Vor einer seiner Übermalungen macht er Halt. Ein Löwe blinzelt unter kräftigen Farbstrichen hervor. Ein übermaltes Zirkusplakat, mehrere Jahrzehnte alt. Heute würde er Originale nicht mehr übermalen. „Es reicht die Kopie, weil die Reproduktionstechnologien so einen großen Fortschritt gemacht haben.“ Eine Erleichterung: Gerade die Übermalungen von Büchern hätten ihm viel Ärger eingebracht. „Viele Leute haben dann das Gefühl, man hat etwas zerstört. Das mag ich nicht. Dieses Missverständnis. Ich liebe Bücher. Ich mache das aus Begeisterung“, sagt er. Für ihn ist das Übermalen eine Art Bildverheiratung.
Wenn er so spricht, sind seine 82 Jahre praktisch nicht zu bemerken. Er trägt einen braungrauen Anzug mit weinrotem Hemd, die Haare sind so dicht, als wäre er 25. Während des Rundgangs macht er Scherze, beantwortet Fragen und unterbricht, wenn er anderer Meinung ist. „Als Mensch kann ich mich gar nicht so begreifen. Ich habe keinen Übersichtsblick und bin wie ein wandelnder Geistesschatten.“ Er sehe sich auch nicht so gerne im Spiegel an.
Schlangenfrauen u.a.
Seine Bilder betrachtet er nach Jahren mit Distanz. „Wenn ich die Sachen zehn bis 20 Jahre lang nicht gesehen habe, dann bin ich oft selbst erstaunt, was ich alles gemacht habe.“
Das Malen strukturiert nach wie vor seinen Alltag. Ein bis drei Mal pro Woche, jeweils am Vormittag, nimmt er den Pinsel in die Hand. Den Rest der Zeit verbringt er mit Materialsuche oder liest Kunstbücher. Seit einem halben Jahr beschäftigt er sich wieder mit Schlangenfrauen. Und benötigt deswegen dringend alte Zirkusbilder und Plakate. „Ich muss sie auch nicht besitzen“, fügt er schnell hinzu. Es genüge, wenn er sie kopieren kann.
In der neuen Ausstellung sind daher auch neuere Werke zu finden. Maximal DIN A1 groß. „Größere Formate würde ich physisch nicht mehr bewältigen.“ Er runzelt die Stirn. Rainer wird im Dezember 83 Jahre alt. Sobald das Wetter umschlägt, werden er und seine Familie daher nach Teneriffa fliegen. Dort passen das Klima und die Infrastruktur fürs Malen.
Der Rundgang ist beendet
Rainer ist zufrieden. Auch wenn er das so nicht zugeben will. „Na ja, ich kann ja nicht sagen: Schaut's was ich für ein toller Maler bin.“ Nervös sei er vor der Eröffnung nicht gewesen. Nur eine Sache bereitet ihm regelmäßig Bauchschmerzen: Dass sich ein Kurator aus jeder seiner zahlreichen Werkserien bedienen könnte. „Weil, was zeigen wir dann bei der nächsten Ausstellung?“ Arnulf Rainer hat eine Vision. So ein Museum, das könne ja 200 Jahre bestehen.
New, Unfigured, and Interesting ist der zweite Teil eines von Helmut Friedel kuratierten Ausstellungszyklus über Arnulf Rainer und schließt an die vorhergehende Ausstellung Rainer.Kosmos an. Die Ausstellung wurde vergangenen Samstag eröffnet und ist bis 8. April 2013 zu sehen. Am 9. November, 19 Uhr, führt Arnulf Rainer persönlich durch das Museum (Josefsplatz 5, 2500 Baden). Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, eine Anmeldung erforderlich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2012)
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