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Vom Bremsen der Straßenbahn: Wie Al Jarreau Wien hört und sieht

22.10.2012 | 16:48 |  von Samir H. Köck (Die Presse)

Jazz-Ikone Al Jarreau sang bei „Hollywood in Vienna“ und ist nächsten Montag Gast im Wiener Konzerthaus. Mit der "Presse" spricht er über Wien, Filmmusik und Vorurteile gegenüber Deutschen.

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„Ach, Wien!“ seufzt Jazz-Ikone Al Jarreau und beginnt aufzuzählen, was er an dieser Stadt so mag. Er schildert detailliert die Düfte der Würstelstände, schwärmt von den prächtigen Museen und vom Multikulti am Naschmarkt. In all den Jahrzehnten, in denen er erfolgreich in den Jazzclubs und den goldenen Sälen in der Stadt gastierte, hat er sich immer die Zeit für kleine Stadtspaziergänge genommen. Wie es sich für einen Künstler gehört, fallen ihm Dinge auf, die anderen verborgen bleiben.

So schlägt Jarreaus Herz für öffentliche Gebäude. „Es ist erstaunlich“, sagt er, „aber in Wien haben sogar Amtsgebäude eine Art Charme. Aber was ich am allerliebsten habe, das sind die Geräusche der Straßenbahnen. Wenn die bremsen, dann entsteht ein Geräusch, das etwas Musikalisches hat.“ Es sind diese scharfen Ohren, die den 1940 in Milwaukee, Wisconsin, Geborenen zum Sänger gemacht haben. Bezüglich seines beruflichen Werdegangs hatte er zunächst gänzlich andere Vorstellungen. Jarreau studierte Psychologie und arbeitete einige Jahre in einer Rehabilitationseinrichtung. Für die Musik war nur an den Wochenenden Zeit.

Während seiner Militärzeit in San Francisco begann er mit dem damals noch gänzlich unbekannten Pianisten George Duke im kleinen Half-Note-Club zu singen. Jarreau erinnert sich gerne an seine Zeit im San Francisco der Sechzigerjahre. „Das Half Note lag nur einen Atemzug von Haight/Ashbury entfernt, dem Ort, wo damals eine Rockszene aufblühte, die die Welt verändern sollte. Die jungen Leute jener Ära hatten wirklich eine eigene Stimme. Und sie kamen alle aus der Nachbarschaft: Janis Joplin, Grateful Dead, Grace Slick, Sly Stone, Jefferson Airplane, Country Joe & The Fish. Viele Fans dieser Musik mochten glücklicherweise auch Jazz.“

Heute, wo permanent von Krise geredet wird, haben Erinnerungen an eine Zeit des Aufbruchs schon beinah etwas Utopisches. Wie sieht er die Rolle des Künstlers in der Gegenwart? „Ich befürchte, als Künstler, egal ob jung oder alt, hast du in der heutigen Zeit kaum noch Einfluss. Derzeit gibt es keine Subkultur mehr, die wirklich Druck macht. Hip-Hop war die letzte Bewegung, die was verändert hat.“

Zu den oft gesampelten Musikern des Hip-Hop zählt Joe Zawinul, der 1959 nach New York ging, um in der Welthauptstadt des Jazz Karriere zu machen. Heute würde er wohl besser in Wien bleiben. Jarreau: „Die neue Heimat des Jazz ist Europa. In den USA ist er leider eine ziemlich schleppende Angelegenheit geworden.“ Selbst in der Filmindustrie sind jazzige Soundtracks rar geworden. Die Zeit der großen Filmkomponisten, die aus dem Jazz kamen, etwa J. J. Johnson, Quincy Jones und Lalo Schifrin, scheint vorbei zu sein. In Wien, wo die Vergangenheit immer schon die bessere Gegenwart war, zelebriert man um so leidenschaftlicher die Soundtracks von Filmklassikern. So feierte „Hollywood in Wien“ an zwei Galaabenden die spannungsreichen Soundtracks des heute fast 80-jährigen Lalo Schifrin. Der gebürtige Argentinier hat für Kassenschlager wie „Mission Impossible“ und „Dirty Harry“ die Filmmusik komponiert.

Jarreau sang zur Freude des Publikums ein Lied aus dem Streifen „The Fox“, das er seit 1968 in seinem Repertoire hat. „An die Handlung des Films kann ich mich kaum noch erinnern, aber der Song ,On That Night‘ ist sofort Teil meiner DNA geworden.“ Ein Vorgeschmack auf nächsten Montag, wo er schon wieder im Konzerthaus singen wird. Diesmal gemeinsam mit der NDR-Big-Band. Kann eine deutsche Big Band wirklich Groove entwickeln? Jarreau lacht: „Die werden so swingen, dass die Luster im Saal wackeln werden.“ Nachsatz: „Aber keine Angst, fallen werden sie nicht. Schließlich haben sich meine hohen Töne längst vom Acker gemacht.“

Zur Person
Al Jarreau wurde 1940 in Milwaukee geboren. Er studierte Psychologie und arbeitete neben seiner Jazzkarriere u. a. als Rehabilitationshelfer mit Behinderten. In Wien war er heuer Teil der Gala am Vorabend des 20. Life Ball, am Sonntag und gestern sang er bei „Hollywood in Vienna“. Am 29. Oktober spielt er mit Joe Sample und der NDR-Big-Band im Wiener Konzerthaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2012)

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