Wann genau der Leica-Shop in der Wiener Walfischgasse mit Gregor Schlierenzauers Bildern am Dienstag eröffnet wird, möchte man dort lieber gar nicht so präzise sagen. Die Erfahrung mit Schlierenzauer hat vorsichtig gemacht, und für einen möglichen Massenansturm wäre kein Platz (daher gleich an dieser Stelle: Am Mittwoch, vor der Galanacht des Sports, gibt es eine Autogrammstunde). All das sind die eher weniger stillen Momente im Leben des Tiroler Skisprungstars. Die anderen, die wirklich stillen, hat er für die Fotoausstellung ausgesucht. „Ich habe versucht, den Gegenpol zum Rummel zu finden.“
So sieht man, was dem 22-Jährigen in seinem Spitzensportlerleben unterkommt, wenn er weit und breit der Einzige mit einer Kamera ist. Der Blick aus dem Hotelzimmerfenster auf das abendliche Oslo. Das Bett in Hinterzarten, das eher an Schulskikurse erinnert. Ein Mädchen mit Hut, eine Welle hinterm Kiel eines Bootes im Urlaub auf Zypern. An- und Abflüge, ein brennender Himmel daheim in Fulpmes.
2010, erzählt er, habe er zu fotografieren begonnen, mit einer Fünf-Dollar-Snapshotkamera, „die war mein ständiger Begleiter“. 2010, das war sein erstes Jahr nach der Schule, „wo ich mir gedacht hab, jawohl, jetzt nur noch Spitzensport, jetzt geht es richtig los. Ich bin dann eines Besseren belehrt worden, weil das allein einfach nichts für mich ist.“ Er sei ein Mensch, der viel nachdenkt, sagt er. „Da brauche ich Abwechslung. Ich kann nicht 24 Stunden drüber nachdenken, wie ich einen halben Meter weiter springen kann.“
Also habe er mit Modedesign begonnen. Und mit der Fotografie. Auf die Idee gekommen ist er durch die vielen Shootings mit ihm. „Ich habe schon mit vielen tollen Fotografen zusammenarbeiten dürfen, und dann immer wieder deren Kameras in die Hand genommen. Es taugt mir, weil ich den Kopf vom Skispringen, vom Sport frei krieg. Und es ist ein cooles Tool, um das Leben abseits vom Skispringen ein bissl zu zeigen.“
Das Tool ist im konkreten Fall seit einem Jahr eine Leica M9. „Bei der taugt mir, dass man wirklich damit arbeiten und sich befassen muss.“ Auf seinen Reisen ist sie immer dabei. „Andere Athleten bleiben eher im Hotel. Ich gehe lieber raus und sammle Eindrücke.“ Mitunter hilft ihm seine Leica auch im Umgang mit dem Rummel – wenn er, der Bestaunte, Fotografierte, den Spieß umdreht und zur Kamera greift. Ein Gegenangriff? Das klinge, meint er, zu gefährlich. Aber der Innauer Toni habe es im Katalog schon auf den Punkt gebracht. Schlierenzauer sei als Sportstar, liest er vor, „öffentliches Objekt und Attraktion, wo immer er sich zeigt“. Hinter der Kamera könne er „diese oft anstrengende Existenzform“ verlassen, werde selbst zum Beobachter. „Ein bissl“, sagt Schlierenzauer, sei das schon auch so.
Der Leica Store (mit Galerie) in der Walfischgasse 1 lädt morgen, 31. Oktober, zum Tag der offenen Tür. Um 14 Uhr signiert Schlierenzauer sein neues Fotobuch und gibt Autogramme.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2012)
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