Aus dem Leben eines Studiomusikers: „Skandalisierung ist lächerlich“

13.11.2012 | 20:09 |  von Samir H. Köck (Die Presse)

Dieter Kolbeck zählt zu den Top-Session-Musikern des Landes. Nun veröffentlicht er sein erstes Studioalbum. Den Wirbel um die Kastelruther Spatzen versteht er nicht.

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„Diese Skandalisierung ist total lächerlich“, sagt Kolbeck zum Wirbel um die Kastelruther Spatzen. „Es ist international üblich, dass Bands bei ihren Aufnahmen, wenn es die Situation erfordert, Session-Musiker beschäftigen.“ Beispiele dafür gibt es in der Popgeschichte zur Genüge. Schon Beatles-Produzent George Martin engagierte bei besonders heiklen Aufgaben versierte Studiomusiker. Als E-Pianist ist Kolbeck seit mehr als zwei Jahrzehnten gefragter Groove-Architekt, Ideenspender oder simpel Ausführender eines notwendigen Feinschliffs.

Begonnen hat das musikalische Leben des 1965 in Bregenz geborenen Tastenvirtuosen eher zufällig. Als nicht extrem motivierter Schüler wurde er in eine Musikhauptschule gesteckt. Übers Singen entdeckte man die Musikalität des Knaben, der bis zu seinem zehnten Lebensjahr kein Instrument angerührt hatte. Jetzt sollte er Geige lernen. Dagegen rebellierte er.

Lieber wollte er Klavier lernen, schließlich war sein Onkel Barpianist in mondänen Häusern in der Schweiz. Beeinflusst war er zudem vom Musikgeschmack seines Vaters. Kolbeck: „Selbst zu Weihnachten hörten wir nur hochkarätigen Jazz: Dizzy Gillespie, Count Basie und Herbie Hancock.“ Als 15-Jähriger durfte er bei einem Konzert von Jazzlegende Fatty George bei einem Lied mitspielen. Schon seine erste Kombo Wellasgot (Vorarlbergerisch für: Weil es geht) widmete sich mit Hingabe der Jazz-Fusion. Kolbecks Lieblingsband war die Wiener Fusionband Ostinato. Das und weiterer musikalischer Bildungshunger lösten den Wunsch aus, nach Wien zu gehen.

Seine Zukunftshoffnungen waren hoch: niemals in Musicals und bei Galaabenden spielen, auf keinen Fall den Knecht bei damaligen Stars wie Steffi Werger machen, vielleicht bei Ostinato einsteigen. Die Realität sah anders aus. „Schon bald saß ich im Ensemble des Musicals „Blondl“ in St. Pölten. Weil für die Musiker kein Platz im Saal war, mussten wir im Keller spielen. Ich habe heute noch keine Ahnung, worum es in dem Musical ging.“ Zwei Jahre später kommt ein Anruf. Von der Agentur Steffi Wergers. „Ob ich einspringen könnte? Und schon bin wieder brav gesessen. Ich lernte sie zu schätzen, aber es war nicht das, was ich mir erträumt hatte.“

Sein Handwerk lernte Kolbeck autodidaktisch. Vom Wiener Konservatorium war er schnell enttäuscht. Sein Lehrer Rudi Wilfer meinte damals: „Ich zeig dir die Tricks, den Rest musst du selbst lernen.“ Kolbecks Universität waren Wiener Clubs wie der Rote Engel, das Andino oder der Tunnel. Als Peter Legats Band „Ruff'n'Tuff“ einen Keyboarder suchte, kam der Wendepunkt. Kolbeck war auch in Legats nächster Band Count Basic zu finden. „Ab da kam ich auch als Session-Musiker richtig gut ins Geschäft.“

Er spielte bei Europatourneen für Gloria Gaynor und die Temptations, daheim für Austropopper wie Georg Danzer, Hansi Lang und Rainhard Fendrich. Ein Highlight waren seine Pianopassagen beim Kruder-Dorfmeister-Remix von Madonnas „Nothing Really Matters“. Bald haben andere digitale Kombos angefragt. Kolbecks funky Piano-Licks sind seither höchst gefragt in der Wiener Downbeat-Szene. Fühlt man sich da nicht ausgenützt, wenn man zum musikalischen Stichwortgeber wird?

Kolbeck verneint. „Es ist einfach eine andere Arbeitsweise. Ich verfahre ja neuerdings selbst so mit mir“, schwärmt er von den Arbeiten an seinem allerersten Soloalbum. Was hat er nicht alles gemacht: Filmsoundtracks, Theatermusik, Austropop und Elektronik – jetzt ist die Zeit reif fürs Debüt. „Ein Konzert von Get Well Soon hat mir kürzlich klargemacht, dass ich das endlich in Angriff nehmen muss. Obwohl ich mich bei manchen Auftraggebern gut austoben kann, war ich schwerst undergroovt. Das ändert sich ab sofort.“

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2012)

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14 Kommentare

bitte

hat schon mal jemand überlegt, dass es möglicherweise selbst mit genialsten live musikern (und ich kenne verdammt viele typen, die mit einer klampfen 200 personen in einer skihütte zum abheben unterhalten) im studio möglicherweise zu viele und somit zu teure takes nötig sind?

wenn klar ist welche noten drauf sein müssen, dann ist es in jedem fall sinnvoller mit routinierten studioinstrumentalisten in kurzer zeit aufzunehmen. jeder tag mehr im studio kostet der produktion unsummen!

und überhaupt, heutzutage müssen die acts nicht mal mehr am selben ort aufgenommen werden. einer sitzt in gb, der andere in neuseeland und in den usa wirds gemastert....

ich seh kein problem.

Tümlich kommt von so tun als ob


Eine entscheidende Rolle für die Verwechslung von Volksmusik und Kitsch spielen die Medien. Grand Prix der Volksmusik, Schlagerparade der Volksmusik und viele andere Sendungen der volkstümlichen Unterhaltung vermischen ja ganz bewusst beide Begriffe, impliziert das Wort Volksmusik doch Volksverbundenheit und die Legitimation, im Namen des Volkes zu singen. Die volkstümliche Musik meidet generell den Widerspruch zur Masse oder herrschenden Meinung. Tümlich kommt - habe ich nachgelesen - von so tun als ob. Nicht das Volk tut hier allerdings "als ob", sondern eine verkaufsinteressierte Industrie in bester Kumpanei mit öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern, indem sie ein Surrogat an verlogenen Glücksgefühlen und abgefeimten banalen Musikklischees verbreiten.

Insofern erscheint diese Diskussion lediglich ein PR Gag für quotenarme Südtiroler Nebenerwerbsbauern zu sein.

Oder gibt es biologisch angebauten Kunststoff?

Re: Tümlich

Das ist doch alles völlig wurscht. Jeder soll hören was ihm gefällt, - niemand singt "im Namen des Volkes" (das ist schon länger her!)
Ich kann mit den Kastelruthern auch nichts anfangen, aber bei den Verkaufszahlen von "quotenarmen Nebenerwerbsbauern" zu schreiben geht an der Wirklichkeit arg vorbei.
Die Einschaltquoten von Musikantenstadln und Ähnlichem zeigen jedenfalls dass es einen grossen Markt dafür gibt, und damit hats sich schon!

schreker

Also, wenn er Klavier gelernt hat, kann er gar nicht besonders musikalisch sein...

Ist Betrug im Spiel?

Bei CD-Produktionen ist es üblich andere Musiker ersatzweise spielen zu lassen.
Aber: Haben die für die ordnungsgemäße GVL/LSG-Meldung verantwortlichen Tontechniker und Produzenten die wirklich spielenden Musiker gemeldet und vor allem keinesfalls die ersetzten Künstler der Musikgruppe?

Es ist eine Charaktersache wie man mit den eigenen Fans umgeht. Aber die Musiker landauf-landab sollte man wirklich nicht betrügen.

Die Frage lautet daher:
Kassieren Mitglieder der Kastelruther Spatzen ungerechtfertigt nicht unerhebliche Beträge von der GVL/LSG, welche anderen Musikern damit weggenommen wurden?
Es stellt sich damit die Frage: Ist da Betrug im Spiel? Wenn Ja, dann ist es selbstverständlich ein Fall für die Staatsanwaltschaft.

Franz Groihs/ HITfabrik Musicbusiness-Company

Über Geschmack kann man nicht streiten

Volksmusik hat eben auch ihre Anhänger, ob sie einem gefällt oder nicht.
Tatsache ist, dass Aufnahmen mit Studiomusikern eine gängige Praxis aller Musikrichtungen ist.
Wozu also die Aufregung?

Re: Über Geschmack kann man nicht streiten

Volksmusik hat eben auch ihre Anhänger:
sie verwechseln volksmusik mit volkst(d)üm(m)licher musik.

Re: Re: Über Geschmack kann man nicht streiten

Mit Experten wie Sie es sind kann man natürlich nicht diskutieren.

Bevor ich mir diese "Musik" antue

besorg ich mir ein Samurai-Schwert und begeh Harakiri.

Dennoch: für mich sind die Studioaufnahmen einfach Betrug.
Mal im Ernst: wer bitte liest im Booklet nach, wer da wirklich gespielt hat?

Zwegn' meiner ...

... brauchen's nichts zu beweisen. Interessiert mich so und so nicht.

skurriles

Warum wurde der Artikel über die "Kastelruther Spatzen" in die Rubrik "Kultur" eingeordnet?

Viel passender wäre doch die Rubrik "Skurilles" im "Panorama".

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Re: skurriles

Weil es keine Kategorie "Dinge, die die Welt nicht braucht" gibt?

Ein mieser Marketing Gag!

Mozart, Bach, Haydn und Händel werden immer nur von anderen Musikern gespielt und sind ewig! Die Musik der Spatzen liegt in einigen Jahren genau dort wo sie hingehört, live oder nicht!

Re: Ein mieser Marketing Gag!

Sie verwechseln Komponisten und Musiker.

Wenn ich eine Platte mit den Philharmonikern (ich weiß, ein gewagter Vergleich) oder dem Artemis - Quartett kaufe, dann will ich auch nicht, dass "aus Kostengründen Studiomusiker spielen".

Aber wenn es in diesem Genre so üblich ist, soll mir das wurscht sein. Wahrscheinlich ist es bei der 2 glatt - 2 verkehrt - Musik ohnehin wurscht, wer spielt....

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