Andrej Pejic: "Man bekommt eine dicke Haut"

17.11.2012 | 18:10 |  von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

Er wurde in Bosnien geboren, wuchs in Australien auf und wird weltweit gefeiert: Pejic modelt sowohl für Damen- als auch für Herrenkollektionen. Er spricht mit der "Presse" über Puppen und Geschlechterrollen.

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Designer wie Jean Paul Gaultier lieben ihn, Pärchen machen ihm unmoralische Angebote. Andere nennen ihn einen „Außerirdischen“ und kritisieren, dass Designer Damenmode schneidern, die ihm passt – Model Andrej Pejic (21) lässt jedenfalls niemanden kalt.

In Ihrer Heimatstadt Melbourne haben Sie gerade beim Pferderennen mit Ihrem Hut für Aufregung gesorgt. Wie das?

Andrej Pejic: Es war ein bisschen lächerlich. Die Firma, die mich eingeladen hat, hatte die Idee, dass ich den Hut ehren sollte, den Prinzessin Beatrice zur Royal Wedding trug und den Philip Treacy designt hat. Ich sollte einen ähnlichen tragen, aber die Organisatoren haben davon gehört und hatten Angst, es würde Treacy verärgern...

Tragen Sie öffentlich immer Damenkleider?

Meistens. Manches ist eher maskuline Damenmode, manches eher feminin, mädchenhafte Sachen mag ich nicht sehr. (Lacht.) Ich mag es, zu mischen.

Wann haben Sie zum ersten Mal Damensachen getragen?

Das ist eine meiner ersten Erinnerungen. Ich war zwei oder drei und hab Sachen aus dem Schrank meiner Mutter geholt. Ich hatte schon sehr früh diese Crossgender-Gefühle. Als Kind spielte ich mit Barbies, war mit den Mädchen zusammen. Dann kam eine Zeit, wo ich damit aufgehört habe. Die Gesellschaft erklärt dir, es ist nicht mehr süß, du bist kein Kind mehr, du musst dich entsprechend deines Geschlechts verhalten. Also habe ich versucht, mehr wie ein Bub zu sein. Aber es ist ziemlich schief gegangen. Also habe ich wieder angefangen.

 

Ist das für Sie ein Anliegen – dass man aufhört, Kindern zu sagen, wie sie sich einer Rolle entsprechend zu verhalten haben?

Es wäre schön. Frauen machen heute die gleichen Dinge wie Männer. Deshalb finde ich, dass es auch in anderen Dingen mehr Gleichberechtigung geben sollte, auch in der Mode. Und Eltern sollten ihre Kinder sich entwickeln lassen. Ich glaube nicht, dass man sie formen muss. Wenn ein Bub gern Kleider trägt, fürchten die Leute, dass er schwul oder wie ein Mädchen wird und verbieten es. Aber das funktioniert so nicht, im Grunde sind all diese Dinge schon vor der Geburt angelegt. Es ist nichts, das man ändern kann. Die Leute sollten sich weniger Sorgen machen.

Ihre ersten Jahre haben Sie zudem im Krieg verbracht. Haben Sie Erinnerungen daran?

Ich wurde zwei Monate vor dem Krieg in Bosnien geboren, dann sind wir nach Serbien gezogen. Ich bin in einem Flüchtlingscamp aufgewachsen und erinnere mich an die Nato-Bomben. Es war nicht gerade eine Kindheit voller materieller Dinge, aber eine glückliche. Ich habe keine traumatischen Erfahrungen.

 

Mit acht sind Sie dann nach Australien gezogen. Model zu sein war aber nicht Ihr Traum.

Nein, in der Schule war ich ziemlich akademisch. Ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die sehr gebildet ist. Der Gedanke war, dass Bildung der einzige Weg ist, wie wir unsere sozioökonomischen Grenzen überwinden könnten. Aber sogar meine Mutter hat festgestellt, dass das Modeln eine Chance war, die ich nicht gehen lassen konnte. Die Uni kann warten.

 

Was hätten Sie denn studiert?

Jus, das möchte ich immer noch. Vielleicht würde ich mich auf Menschenrechte spezialisieren. Das Modeln ist perfekt, wenn man jung ist. Man lernt viele Orte kennen, coole Leute, und man kann seinen Charakter bilden. Es ist, wie wenn man zur Armee geht. Man wird sehr schnell erwachsen. Man muss lernen, mit Kritik umzugehen, sich um sich selbst zu kümmern. Und man lernt, sein Ego in Zaum zu halten.

 

Apropos Kritik: Wurden Sie verletzt?

Ich habe gehört, ich sei ein Alien... Am Anfang war es schwierig, weil keiner wusste, was er mit mir tun sollte. Es gab viele Zweifel und gemischte Botschaften. Das war schwer in einem so jungen Alter, in dem man nur versucht, selbst herauszufinden, wer man ist, und gleichzeitig alle zufriedenzustellen. Aber man entwickelt eine dicke Haut. Und ich hatte das Glück, sehr schnell gefeiert zu werden. Die meisten Kids in meiner Situation enden obdachlos, auf der Straße oder in der Prostitution.

Und wo sehen Sie sich in 20 Jahren?

Auf einer kleinen Farm in Osteuropa, denke ich. Mit ein bisschen Geld und Hühnern. Ein abgeschiedenes Leben ohne Elektrizität. Und mit neun Katzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)

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