Arik Brauer: Das harte Leben auf der Gassen

17.11.2012 | 18:10 |  von HELENE MAIMANN (Die Presse)

Aufgewachsen ist er im Arbeiterbezirk Ottakring, sozialisiert wurde er in einer Bubenbande auf der Straße, als jüdisches Kind überlebte er die NS-Zeit: Der Maler, Sänger und Dichter Arik Brauer.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Fünfe wird's, die beste Zeit, ist die Gassen voll Leut / kommt das Froschermandl um's Eck, was versteckt er denn in seine Säck“, singt Arik Brauer in einem seiner Lieder. Gassen voller Leute sieht man in Wien nur mehr in der Innenstadt und in den großen Einkaufsstraßen. Das sonstige Stadtleben hat sich längst in U-Bahnschächte, Lokale und Supermärkte verzogen. Verschwunden sind die Gassenkinder, die an den Ecken herumlungerten, Passanten an-stänkerten, über Zäune in verlassene Grundstücke eindrangen, um dort die ersten, aus gesammelten Kippen gebastelten Zigaretten zu rauchen. Die Wohnungen waren eng und düster. Die Welt draußen bunt und aufregend.

Arik Erich Brauer, geboren 1929, aufgewachsen in Wien-Ottakring, der proletarischen Vorstadt, hat seine Kinderjahre hier verbracht – dort, wo das Leben sein wahres Gesicht zeigt, wie er sagt. Es war ein hartes Training. „Wer als Kind Mitglied einer Bubenbande war, kann ohne Illusionen ins Erwachsenenleben treten.“ Als Kleinster musste er schlau sein und Strategien entwickeln, um nicht unterzugehen. Er konnte nicht ahnen, wie sehr ihm das kurz darauf beim Überleben helfen würde.

Vater Simon „Simche“ Brauer, ein Schuhmacher aus einer orthodoxen jüdischen Familie, stammt aus Wilna. Er liebt Schubert und deutsche Literatur, wendet sich vom Talmud ab und dem Austromarxismus zu, wie viele eingewanderte Juden. Als er endlich eine Familie ernähren kann, heiratet er Hermine Sekirnjak. Das Rote Wien ist die Heimat, der Sozialismus die Hoffnung der Brauers.

Sie leben in einer Zinskaserne am Ludo-Hartmann-Platz, Zimmer, Küche, Klo und Wasser auf dem Gang, wie Hunderttausende andere auch. Das Zimmer beherrscht ein riesiger Flügel, denn in der Familie wird ständig gesungen und musiziert. Die Eltern und die zwei Jahre ältere Schwester Lena schlafen auf Klappbetten, Erich in der Küche auf der Kohlenkiste. Das Haus steht heute noch, die Fassade ist unverändert, ebenso das Stiegenhaus, die Türen und Gangfenster, die Klos, die Bassena. Als ich mit Brauer und seiner Tochter Ruth im Frühling 2012 hierherkomme, hat sich nichts verändert. Ausgenommen die Heerscharen von Wanzen, gegen die seine Mutter von Zeit zu Zeit wilde Treibjagden veranstaltete, immer vergebens.


Farbige Figuren. Der Vater hat eine kleine Werkstätte. Erich verbringt dort drei Nachmittage pro Woche, sitzt auf dem Fensterbrett und zeichnet. Aber es zieht ihn hinaus ins wilde Leben. In jeder freien Minute treibt er sich herum, ein Gassenbub unter vielen. Viele Jahre später wird er Lieder über die farbigen Figuren schreiben, die seinen Kosmos bevölkern und seine malerische Fantasie antreiben: Spiritus, der einbeinige Säufer aus dem Keller. Surmi Sui, sein Volksschullehrer, ein illegaler Nazi. Die Spinnerin, halb verrückt und widerständig, die ihre Meerschweinchen im Kinderwagen spazieren fährt und später das KZ Ravensbrück überlebte. Der Huat-Onkel, auch nicht ganz klar im Kopf, der Hüte sammelte und mit einem meterhohen Hutturm herumging. Das Froschermandl, das einen lebenden Frosch verschluckte und wieder ausspuckte.

Aber die wichtigste Figur ist Simsanreut, der Chef seiner Kinderbande, der den vielseitigen Erich schätzt („Brauer-Burli, zeichne den Greißler Stangelmeier mit offenem Hosentürl!“) und dessen privilegierter Sklave er ist, denn die Kleinen sind die Sklaven der Großen. Die Foltermethoden sind grausam: Kanalzuzeln (das Opfer wird mit dem Gesicht an ein Kanalgitter gebunden und angepinkelt). Hartnussen (ein Draht wird um den Kopf gebunden und mit einem Nagel zugedreht). Frisch wickeln (dem Opfer werden Brennnesseln in die Unterhose gestopft). Brauer bewährt sich. Er wird immer wieder als Stänkerer ausgeschickt, um die Märzpark-Buben herauszufordern, „grässliche Ungeheuer mit messerscharfen Fingernägeln und im Wind fliegenden, meterlangen Rotzglocken“. Gekämpft wird mit Riemen, Stöcken und Fahrradketten, aber nur so lang, bis die Polizei auftaucht. Dann heißt es, kurzfristige Bündnisse mit dem Feind zu schließen und davonzurennen. Und keine Angst zu haben, wenn der Wind weht durch die Gasse.

Als im März 1938 die Nazi-Herrschaft beginnt, sind die Gassenjahre vorbei. Die Brauer-Kinder werden aus der Schule geworfen, der Vater aus der Wohnung. Er flüchtet nach Riga und stirbt in einem KZ. Die Mutter, nicht jüdisch, kämpft um die Ausreise. Das Geld reicht nicht. Erich Brauer gilt als Volljude und muss den gelben Stern tragen. Mit dreizehn sucht er sich einen Arbeitsplatz, der ihn vor der Deportation schützt. Die Tischlerei der Kultusgemeinde nimmt ihn als „freiwilligen Anlernling“, als er beweist, dass er hervorragend sägen und trotz seiner Schmächtigkeit schwere Türen schleppen kann. Brauer sieht die Menschen aus den Sammellagern im zweiten Bezirk verschwinden. Er muss Möbel für SS-Bonzen produzieren, hält mit zusammengebissenen Zähnen durch. Als ihm im Winter 1945 sein Überlebenspapier, die Kennkarte, entzogen wird, taucht er als U-Boot unter.


Überleben im Schrebergarten. Sein früherer „Chef“ Simsanreut wird als renitenter Schlurf in eine Strafkompanie an die Ostfront gesteckt, desertiert zu den Russen und kommt erst 1956 aus Sibirien nach Ottakring zurück. Brauer überlebt in einem Schrebergarten am Wilhelminenberg. Und wird im Juli 1945, drei Monate nach Kriegsende, in die Kunstakademie am Schillerplatz aufgenommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)

Mehr aus dem Web

3 Kommentare

Hochachtung

Sowohl vor dem ausgezeichneten Artikel als auch vor Brauer, den ich immer für einen wundervollen Menschen gehalten habe. Arik, bis hundert Jahr...!

5 0

wow

Mal was Ungeschminktes!

Beschämend

Wenn ich solche Lebensgeschichten lese, dann bekomme ich Angst und fühle auch Dankbarkeit.

Dankbar dafür, dass ich nach diesem Wahnsinn geboren wurde, beschämt über das Leid von so vielen in dieser Wahnsinnszeit und Angst darüber, wie ich mich in dieser Zeit wohl selbst verhalten hätte - angepasst, Mitläufer oder im Widerstand?

Heute zu leben und andere aus dieser Zeit zu verurteilen ist zu einfach, wenn ich selbst zu jeder Zeit genug Essen am Tisch habe oder mir eine Pizza per Telefon oder Internet bestellen kann.

Ich bin beschämt über das Leid und die Leistung, die Basis für mein heutiges bequemes Leben sind.

+++

AnmeldenAnmelden