Dahl: "Kritik an Jelinek? Eine Feminismus-Frage"

17.11.2012 | 18:11 |  von REGINA PÖLL (Die Presse)

Der schwedische Krimiautor Arne Dahl schätzt das Habsburgische, kritisiert Ikea und andere wachsende Konzerne und wünscht sich stattdessen stärkere Regierungen in einem starken Europa. Ein "Presse"-Interview.

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Sie waren kürzlich für eine Lesung bei der „Kriminacht“ in Wien. Die Stadt haben Sie aber schon gekannt . . .

Arne Dahl: Ja, und sie ist beeindruckend. Sie ist hektisch, mitteleuropäisch, und dann natürlich das Habsburgische . . .

 

Wäre Wien denn ein guter Schauplatz für einen Ihrer Krimis?

Früher oder später werde ich nach Wien kommen und jemanden in dieser Stadt umbringen. Als Autor natürlich. Sonst spielen meine Geschichten in Schweden oder Berlin oder anderswo.


Sehen Sie Parallelen zwischen Österreich und Schweden?

Beides sind eher kleine Staaten, nicht so sehr nach der tatsächlichen Größe, sondern im Selbstempfinden. Österreich ist so etwas wie der kleine Bruder von Deutschland, oder? Und Schweden tickt ähnlich, im skandinavischen Raum. Wir haben aber weniger Romantik dort als in Deutschland oder Österreich. Kürzlich war ich bei Ikea in Innsbruck für eine Lesung. In Schweden würde man das nicht tun, bei Ikea einfach mal lesen oder zuhören, auf Ikea-Sesseln sitzend.


Möbel spielen auch in Ihrem Krimi „Gier“ eine Rolle, den Sie zuletzt auf den deutschsprachigen Markt gebracht haben. Genauer gesagt geht es um Giftstoffe in Möbeln.

Ja, das ist eine Art Warnung vor Umweltproblemen, was sich gut in die ganze Geschichte von „Gier“ rund um die heutige Kriminalität eingefügt hat. Es hat aber nichts mit Ikea zu tun.

 

Wie würden Sie den Lifestyle der Schweden heute beschreiben?

Inzwischen ist er sehr amerikanisch. Früher war Deutsch unsere zweitwichtigste Sprache. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist es damit aber vorbei, und die Präsenz des US-Amerikanischen ist seither gestiegen und gestiegen. In Schweden ist sie auch sicher stärker als in Österreich.

 

Beeinflusst das die schwedische Literatur?

Es ist wohl einer der Gründe, warum wir in Schweden so viele Krimis schreiben: Wir lesen viele Bücher aus den USA, auf Englisch, und das sind zu einem Gutteil Krimis. Ich selbst war auch dadurch beeinflusst, ich bin aber stärker europäisch orientiert, wenn Sie an die „A-Gruppe“ aus meiner ersten Krimiserie denken: Das hat viel eher mit Europa und Schweden zu tun als mit den USA oder deren Stil.

 

Was gefällt Ihnen an diesem Stil beziehungsweise an den USA, was nicht?

Ich wünschte, sie würden sich der Welt, auch Europa, stärker öffnen – politisch, ideologisch. Aber ich liebe Musik und Kinofilme aus den USA. Sie haben auch sehr gute Fernsehserien. Die kommen dann im Original nach Schweden. Tolle Serien oder Bücher gäbe es natürlich auch aus Mittel- oder Osteuropa, aber im Original versteht sie in Schweden nur eine Minderheit. Das breite Publikum dafür fehlt. Das betrifft auch Bücher aus Österreich.

 

Sind österreichische Autoren in Schweden überhaupt bekannt, und wenn ja, welche?

Dem ganz breiten Publikum sind sie eher unbekannt, für die kleinere kulturelle Elite gilt das natürlich nicht. Da kennt man sehr wohl einen Thomas Bernhard oder eine Elfriede Jelinek, ich habe sie natürlich auch gelesen . . .

 

Und ist sie in Ihren Augen eine würdige Literatur-Nobelpreisträgerin? Sie arbeiten ja auch als Experte für die Schwedische Akademie, die den Preis vergibt.

Ich habe unter anderem ein Journal für die Akademie vergeben, bin aber kein Mitglied, also nicht in die Preisverleihung involviert. Aber Jelinek hat mich gleich, als ich sie das erste Mal gelesen habe, erstaunt damit, wie viele Nuancen von Dunkelheit es da gibt. Es war „Die Klavierspielerin“, und da war es wirklich dunkel. Aber das ist gut: Es braucht auch Dunkelheit im Leben, nicht immer, aber immer wieder. Und der Preis für Jelinek? Aber ja!

 

Die Vergabe an Jelinek wurde aber auch heftig kritisiert damals, 2004.

Das ist doch auch eine Feminismus-Frage. Ich bin sicher, dass es eine andere Debatte gewesen wäre, wäre es um einen Mann gegangen.

Zuletzt hat Mo Yan den Preis bekommen. Können Sie sich vorstellen, dass bald auch ein Krimiautor zum Zug kommt? Wäre die Zeit reif dafür?

Ich denke schon. Der Brite John le Carré wäre ein möglicher Kandidat! Immer mehr von uns Krimiautoren verbinden auch die Hochkultur, die sich oft noch gegen uns sperrt, mit der Populärkultur. Es gibt aber auch noch viele, die Krimis mehr oder weniger wegen des Geldes schreiben. Eine Art Mission bräuchte es aber schon, denke ich, wenn man Krimis schreibt.

 

Was ist Ihre Mission? Sind es höhere moralische Ansprüche, die auch in „Gier“ immer wieder Thema sind?

In „Gier“ geht es ganz stark auch um die Finanzkrise, um Spekulanten, das Nicht-genug-Kriegen. Da müssen wir wirklich aufpassen. Denn als Erstes trifft so etwas die Schwächsten und Schwachen in der Gesellschaft.

Bräuchte es mehr oder weniger Europa gegen die Krise? In „Gier“ lassen Sie sogar einen Nationalstaat „verschwinden“.

Die Nationalstaaten sollten schon bleiben, auch längerfristig. Sie sollten aber doch wirtschaftlich und politisch enger zusammenrücken. Denn auf der anderen Seite stehen immer mehr Unternehmen, die weltweit mehr Mitarbeiter haben als manche Staaten Einwohner. Und diese Konzerne haben dann ihre eigenen Regeln, in vielerlei Hinsicht. Ein Unternehmen soll aber nicht alles vorgeben können, lieber wären mir starke und dabei kluge Regierungen.

 

Nationale und europäische Politik und Wirtschaft beschäftigen Sie immer wieder. Auch in Ihren nächsten Büchern?

Das neueste Buch, das es zwar schon in Schweden, aber noch nicht auf dem deutschsprachigen Markt gibt, handelt eher von Geschichte, von Schuld und Sozialismus. Es hat mit der Sowjetunion zu tun und mit Dingen, die bisher nicht entdeckt wurden. Lassen Sie sich überraschen! Wut ist auch ein Thema darin.

Das klingt fast biblisch, Wut ist neben Gier ja auch eine der sieben Todsünden. Lassen Sie sich von diesen Themen leiten, wenn Sie schreiben? Würden Sie sich als religiösen Menschen bezeichnen?

So würde ich es nicht ausdrücken, ich kann aber auch nicht sagen, ich wäre Atheist. Man braucht wohl moralische Grundsätze, wonach etwas wichtiger ist als die ökonomische Frage. Ich jedenfalls brauche das fürs Schreiben, und darüber hinaus das Gefühl, sauer auf etwas oder enttäuscht von etwas zu sein. Das ist ein guter Antrieb für mich.

 

Gibt es ein höheres Ziel, das Sie mit Ihren Büchern verfolgen? Wollen Sie etwas verändern?

Ich habe inzwischen mehr als zwanzig Bücher geschrieben und festgestellt, eigentlich nichts zum Besseren verändert zu haben. Aber vielleicht ist es gelungen, Licht auf die eine oder andere Ungerechtigkeit zu werfen. Das lasse ich in meinen Büchern gern die „A-Gruppe“ machen, ein Ermittlerteam. Ein Team ist mir auch lieber als ein einzelner Kommissar, obwohl der typisch für einen Krimi wäre. Ich bevorzuge aber viele Charaktere, die voneinander lernen und aneinander wachsen – wenn ich schon allein und ein einsamer Autor bin, während ich diese Charaktere entwickle.

 

Sie haben auch schon Schreiben unterrichtet. Was bringen Schreibwerkstätten?

In Schweden gibt es das in ausgeprägter Form erst seit wenigen Jahren, in den USA ist es schon lange eine große Sache. Eine Zeit lang bestand die Gefahr, dass am Ende jeder Teilnehmer mehr oder weniger die gleiche Geschichte beziehungsweise auf die gleiche Art und Weise schreibt. Heute ist das Bewusstsein dafür da, dass man den jeweils eigenen Stil, das eigene Potenzial fördert. Unter diesen Voraussetzungen können Schreibwerkstätten schon sehr helfen, wenn man mit jemandem übers Schreiben reden kann, statt in diesem Prozess einsam zu sein.

 

Warum Ihr Pseudonym?

Ich hatte schon ein paar Bücher hinter mir oder in Arbeit, bei denen ich unglaublich lange mit Fragen beschäftigt war wie: Was ist der perfekte erste Satz? Was der perfekte zweite Satz? Und so weiter. Mit dem Pseudonym für die Krimis hat sich das irgendwie aufgelöst. Vielleicht ging es darum, wieder ein freierer Autor zu werden. Ich hätte das Geheimnis, dass Arne Dahl Jan Arnald ist, auch aufrechterhalten. Aber nach ein paar Jahren ist es durch ein Foto in der Zeitung aufgeflogen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)

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