Wer gut sein will, darf nicht nur spenden

22.12.2012 | 18:01 |  von Eva Winroither (Die Presse)

Menschen in Not mit Geld zu helfen ist eine gute Sache. Doch einigen Menschen reicht das nicht – sie wollen mehr als nur spenden. Was macht diese guten Menschen aus? Wer sind sie?

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Irgendwann ist Geld herzugeben einfach nicht mehr genug. Irgendwann ist klar, dass es nicht mehr reicht, Monat für Monat einen Betrag an eine Hilfsorganisation zu überweisen. Irgendwann ahnt man, dass man selbst aktiv werden muss, um das Ziehen in der Magengegend zu bekämpfen, das einen befallen hat. Man spürt, dass es mehr sein muss. Wörter wie Ethik, Nächstenliebe und Nachhaltigkeit haben schon längst wieder an an Bedeutung gewonnen. Und das ist die gute Nachricht in der sonst eher schlechten Nachrichtenlage: Immer mehr Menschen, oft selbst vom Glück verwöhnt, sind bereit, ihr eigenes Leben umzukrempeln, um für andere da zu sein.

Pascale Vayer ist ein solcher Mensch. Die gebürtige Französin ist seit sechs Jahren Leiterin der Hilfsorganisation „Kleine Herzen“, die Waisenkinder in Russland und der Ukraine betreut. Ihre eigene Geschichte hat sie dazu gebracht, anderen zu helfen, erzählt die Frau, die mit ihrem Mann und drei adoptierten Kindern in Mauerbach bei Wien lebt.

Der Gedanke lässt einen nicht los. Als sie ihr zweites Kind in Russland adoptiert hat, ist sie gleich ein halbes Jahr im Land geblieben. „Damals habe ich viel Zeit im Waisenhaus meines Sohnes verbracht, habe gesehen, wie die Kinder dort aufwachsen, ganz ohne Liebe, weil der Betrieb einfach zu groß ist.“ Ein kleines Mädchen, ein Baby, war schließlich der Auslöser: „Sie hatte eine Haut so dünn, dass die Äderchen durchgeleuchtet haben.“ Doch das Mädchen war todkrank, es sollte bald sterben. „Dieses Unrecht“, sagt Vayer heute, „hat mich fertiggemacht. Jeder Mensch ist doch gleich viel wert. Warum musste ausgerechnet dieses Mädchen seine paar Monaten Leben hier verbringen?“

Geschichten wie diese sind immer wieder von „guten“ Menschen zu hören. Sie sind selbst glücklich, haben aber schon lange das Gefühl, es anderen zurückgeben zu müssen. Dann gibt es einen Auslöser – und all das, was vorher nur irgendwo im Hinterkopf herumgespukt ist, wird plötzlich zur großen Lebensaufgabe.

Der Zeitgeist spielt ihnen dabei in die Hände. Immer öfter wird Helfen als fixer Bestandteil von Karrieren gesehen. Soziales Unternehmertum ist im Vormarsch. Menschen jeden Alters kündigen ihre Jobs, wenn sie darin keine Nachhaltigkeit sehen oder glauben, dass sie Menschen auf eine andere Art viel mehr helfen können. Viele gehen dann auf Reise, ein paar Wochen, ein ganzes Jahr oder noch länger, und helfen NGOs rund um die Welt.

Mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein machen sie dann auf sich und ihre Anliegen aufmerksam. Schon längst kann ein Hilferuf eines Einzelnen über Social-Media die ganze Welt erreichen. Und oft ebnen solche programmierten Karrierebrüche nach dem Ende des alten Lebens den Weg für einen Neuanfang.

Karrierebruch.
Auch Pascale Vayer legt zuerst als Produktentwicklerin der Suchmaschine AltaVista eine steile Karriere in der IT-Branche hin, bevor sie sich selbstständig macht. Davor hat sie in Paris ihren Diplomingenieur gemacht, ging „der Liebe wegen“ nach Österreich. Hier wird sie sesshaft, beginnt, an die Gründung einer Familie zu denken – nicht auf konventionellem Wege: Sie wählt dafür die Adoption. Ihre drei Kinder stammen aus dem Kosovo, Russland und Kambodscha. Nun plant sie, ein viertes Kind, einen 14-Jährigen aus Russland, zu adoptieren. Alle, erzählt sie, der Ehemann und die Geschwister, würden sich auf den Buben freuen. Wenn Pascale Vayer von ihrem Leben spricht, klingt das tatsächlich nach Idyll und frisch gebackenen Keksen.

„Ich glaube, ich war schon immer Idealistin. Aber ich habe einen Mann, Kinder, ein Heim, genug zu essen. Ich bin verpflichtet zu helfen“, sagt sie heute. Außerdem hätten sie ihre Großeltern geprägt. „Mein Großvater hat auch immer gegeben und nichts verlangt.“

Mittlerweile erreicht sie fast 600 Waisenkinder durch diverse Projekte, die sie zum Teil gemeinsam mit Partnern umgesetzt hat. Dazu zählen etwa der Bau eines Kinderdorfes in der Ukraine sowie die Unterstützung diverser Heime für Kinder und Jugendliche in Russland. Wichtig ist Vayer aber etwas anderes, nämlich, den Kindern so viel Zuneigung wie möglich zu geben.

„Die Kinder haben zwar das Notwendigste zu essen, aber ihr Herz bleibt verkümmert“, sagt die Frau, deren Deutsch von einem starken französischen Akzent geprägt ist. Viele, ist sie überzeugt, würden genau deshalb kriminell. Zu Weihnachten hat „Kleine Herzen“ daher eine Aktion in die Wege geleitet und 600 Waisenkindern Geschenkspakete gebracht. Zu Vayers schönsten Projekten, wie sie sagt, zählt ein Spielplatz, den sie vor einem Waisenhaus aufgestellt hat. Seither kommen alle Kinder aus dem Dorf dorthin. Erstmals sind die Kinder, die keiner haben will, in das Dorf integriert.


Die Frage nach dem Warum.
„Wenn ich etwas gebe, dann bekomme ich das 10.000 Mal zurück“, sagt sie. Dafür ist sie bereit zu kämpfen, stellt ehrenamtliche Mitarbeiter auf, findet neue Sponsoren und Projektpartner, bittet um Geld. Nicht immer sei das einfach. Den Österreichern attestiert sie dabei trotzdem große Hilfsbereitschaft. „Irgendjemand hat immer geholfen“, sagt sie.

So hat sie etwa im Sommer fünf russischen Waisenkindern einen Urlaub in Österreich finanziert, hat in dieser Woche 200 Matratzen für ein Waisenhaus in der Ukraine organisiert, hat Balletttänzerin Karina Sarkissova im russischen Waisenhaus zum Tanzen gebracht. Bald wird ein bekannter russischer DJ dort mit den Kindern musizieren. Wie sie all die Leute dazu gebracht hat, ihr zu helfen? „Es ist nicht nur das Geld, das zählt“, meint sie. „Viele Leute wollen helfen. Sie wollen sehen, dass sich etwas bewegt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2012)

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