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August Schmölzer: "Man hat Sehnsucht, man will mehr"

22.12.2012 | 18:01 | von Friederike Leibl (Die Presse)

Schauspieler August Schmölzer erzählt der "Presse", was ihn richtig zornig macht, warum er manchmal die Ruhe sucht und wieso es bereichernd sein kann, richtig unsympathische Rollen zu spielen.

Sie spielen in „Ludwig II.“ den Psychiater Bernhard von Gudden. Welche Art von Beziehung hatten er und der König?

August Schmölzer: Von Gudden arbeitete nach einer neuen Form der Psychoanalyse, er folgte dem „No restraint“-Prinzip, also keine Gewalt. Zuvor wurden Patienten ja furchtbar behandelt. Aber man darf nicht vergessen, Ludwig war ein König von Gottes Gnaden. Niemand durfte ihm in die Augen schauen, ansprechen sowieso nicht. Und dann entwickelte sich zwischen König und Psychiater ein Gesprächsverhältnis, das muss für diesen Mann ungeheuer gewesen sein. Das wäre heutzutage so, als würde der Papst anrufen und sagen, „Gustl, ich hab a Problem, hast Zeit.“

 

Wie kann die Gesellschaft mit Menschen umgehen, die anders sind, auffällig?

Die Menschen leiden zunehmend an einer Vereinsamung, obwohl alles in Richtung Pluralität geht: Medien, Kommunikation. Wir sind vernetzt, es scheint, als wären wir mit der ganzen Welt gut Freund. Trotzdem habe ich das Gefühl, je mehr wir das sind, desto einsamer sind wir. Ich merke das oft in Hotelbars, da fangen die Leute um zwei Uhr früh zu reden an. Wir dürfen und können unsere Emotionen nicht mehr zeigen. Wenn ich heute weine, heißt es sofort, um Gottes Willen, was ist mit dem Menschen los?

 

Welche Emotionen löst die Weihnachtszeit bei Ihnen aus?

Die Weihnachtsbeleuchtung und diese Musik, ich kann sie nicht mehr hören, diese wunderbaren Lieder, weil sie einem an jeder Ecke um die Ohrwascheln geschmissen werden. Es graust mir davor. Man macht mir meine Kindheitseindrücke von diesem wunderbaren Fest kaputt. Auch die zu vielen Lichter ärgern mich. Je kälter es wird und je einsamer es wird in uns, desto mehr Lichterln brauchen wir draußen.

 

Im Jahr 2010 blieben in Wien manche Straßen aus Spargründen dunkel, es gab keine Weihnachtsbeleuchtung.

Sensationell.

 

Aber die Leute haben sich beschwert, es hat geheißen, wenn es schon bergab geht, dann soll es doch etwas Tröstliches geben.

Genau. Wenn es bergab geht, dann so richtig, wie in den 20er-Jahren. Ein Tanz auf dem Vulkan. Lieber schön a Bankl reißen, als ein bisschen nachzudenken und dadurch etwas zu verändern.

 

Wie verbringen Sie Weihnachten?

Es gibt einen Moment, an dem ich das Handy ausschalte, zu Fuß zum Friedhof gehe und dort Gräber besuche, von Freunden, von meinem Vater, und mich an die Leute erinnere. Dann schaue ich bei lieben Freunden vorbei, trinke ein Glas Wein mit ihnen. Später koche ich mir etwas zu Hause. Meine Freundin wird diesmal nicht da sein. Dann drehe ich mir ganz laut den „Messias“ auf, trinke einen guten Wein und schlafe irgendwann bedüdelt ein.

 

Der Ablauf ist ritualisiert?

Nein, das hat sich in den vergangenen Jahren einfach so ergeben. Wenn meine Freundin da wäre, würde es vielleicht ganz anders ablaufen. Und wenn Kinder da wären, würde es sich sicher auch ganz anders anfühlen. Es ist aber nicht so. Deshalb bevorzuge ich diese Ruhe.

 

Hätten Sie gern Kinder?

Es hat sich einfach nicht ergeben. Aber wenn es sich ergibt, ich hätte nichts dagegen.


Es gibt viele Menschen, die ein Bedürfnis nach Alleinsein artikulieren, es aber dann gar nicht oder nur schwer aushalten.

Es ist auch schwer. Mein Glück ist, dass ich sehr viel unterwegs und mit vielen Menschen zusammen bin, oft unter gewaltigem Druck. Ich habe lernen müssen, dass man irgendwann dasitzt, mit hängender Zunge, und sich fragt: So, und was ist jetzt? Das Telefon klingelt nicht, niemand redet mit mir, keiner fordert mich. Und da kann ich mittlerweile sagen, ich bin dankbar für diese Zeit.

 

Waren Sie im Laufe Ihrer Karriere einmal länger ohne Engagement, haben Sie sich je Sorgen gemacht?

Sorgen hab ich mir Gott sei Dank nie machen müssen, aber natürlich hab ich mir schon manchmal gedacht, es ist kein wirklich gutes Engagement da. Mein Vater hat mir etwas ganz Wunderbares beigebracht. Er hat gesagt, wenn du irgendetwas willst, dann musst du dir den Schilling dazu verdienen. Das hat bei mir bewirkt, dass ich Angst habe vor Sozialzuwendungen wie der Teufel vor dem Weihwasser. Und dass ich durchaus sage, ja, die Rolle spiele ich, auch wenn sie mich vielleicht nicht zum großen Künstler macht. Sie bringt mir das Geld, das mir ein Leben ohne Angst ermöglicht.

 

Sie spielen nicht nur Sympathieträger.

Es hat nur dann einen Sinn, sogenannte negative Rollen zu spielen, wenn man nachvollziehen kann, warum der Mensch so geworden ist. Das ist das Spannende daran.

 

Gibt es bei jeder negativen Persönlichkeit einen Moment, an dem Umkehr möglich ist?

Manchmal schon. Es gibt ein Kinderporträt von Adolf Hitler. Ein irrsinnig lieber, kleiner Bub. Wann hat das begonnen? Ich glaube nicht, dass das genetisch bedingt ist. Es hat sicher viel mit der Kindheit zu tun. Die ersten drei Jahre sind das Wichtigste im Leben eines Kindes. Auf dem Kind muss ein unheimlicher Druck gelastet haben.

 

Wenn etwas schiefläuft in diesen Jahren, ist dann alles verloren?

Ich habe mir einmal die Frage gestellt, warum bin ich so? Und dann gräbt und gräbt man, und dann wird es schmerzhaft. Man kommt auf Dinge drauf. Das tut sehr weh. Das muss man bis ins Letzte auseinanderdividieren. Wäre ich unter gewissen Umständen mit diesen Problemen woanders gelandet, hätte mein Leben auch einen anderen Verlauf nehmen können.

 

Was war Ihr Schmerz?

Der Schmerz war meine Kindheit. Ich war sehr oft krank und hatte das unbewusste Gefühl, warum darf ich nicht leben, warum darf ich nicht gesund sein? Wenn Sie in den ersten fünf Lebensjahren so viele Krankheiten haben, dass Sie halb tot sind, dann können Sie sich diese Frage nicht rational stellen, aber es ist das Gefühl in einem, darf ich nicht da sein? Wissen Sie, was ein Hinterling ist? Wenn ein Schwein einen Wurf hat, ist ein Hinterling das kleinste, schwächste Ferkel, so habe ich mich gefühlt. Zu schwach, zu klein, zu angstvoll. Ich hatte immer das Gefühl, der Letzte zu sein. Ich habe mir bei allem gedacht, es ist zu wenig. Man hat Sehnsucht, man will mehr. Ich habe als Kind auch nie Sport betreiben können.

 

Machen Sie jetzt Sport?

Laufen, Rad fahren, Weißwein trinken.

Der Hinterling ist ganz verschwunden?

Den Hinterling gibt es nicht mehr. Ich bin mittlerweile sehr dankbar dafür, dass ich dieses Leben durchgemacht habe, so schwer es auch war, weil es mich dazu gebracht hat, über mich selbst nachzudenken. Dieser Drang, trotzdem etwas zustande zu bringen, auch wenn es nicht gewollt war vom lieben Gott, oder wem auch immer. Zu sagen, ich habe ein Recht, das zu tun und zu sagen, ich will!

 

Wie ist das Gefühl, wenn man für einen Preis nominiert ist und leer ausgeht?

Es hat die Zeit gegeben, da hab ich mir gedacht, wieso kriegt der den Preis und der? Dann hab ich mir gesagt, es ist halt so, und habe mich auf meine Arbeit konzentriert. Mittlerweile ist es mir relativ egal, das sage ich aus ganzem Herzen. Eine Nominierung freut einen, das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Vor zehn, zwanzig Jahren war mir das nicht so egal. Auch das Eingeladenwerden. Ich war zum Beispiel noch nie zur Verleihung des Nestroy-Preises eingeladen. Das ist mir auch nicht mehr wichtig. Heute ist mir der Theaterabend wichtiger, den ich spiele.

 

Sind Sie privat auch so gelassen?

Das würde ich Ihnen nicht erzählen, das ist der falsche Ort. Würden wir uns besser kennen, würde ich Ihnen sagen, dass ich sehr traurig sein kann, dass Dinge sehr wehtun können, dass ich weinen kann. Ich habe gelernt, es nicht zu verdrängen, sondern es anzupacken.

Eine gewisse Form von Prominenten-Charity kann Sie richtig zornig machen.

Der Großteil dieser Charity-Geschichten, bei denen es nur um Essen und Trinken geht, ist eitel, selbstverliebt und Selbstzweck,, und ich möchte damit nichts zu tun haben. Bei meiner Initiative „Gustl58“ gibt es zwei Grundsätze: Jeder Euro geht zu hundert Prozent an die Menschen, denen wir helfen wollen. Und das zweite: keine Öffentlichkeit mit Leuten, denen wir helfen konnten. Keine Fotos, keine Geschichten.


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