Müllmänner & Elvis-Fans: Reisecker reist durch Österreich

06.01.2013 | 18:39 |  von Christine Imlinger (Die Presse)

Michael Reisecker sucht im VW-Bus nach skurrilen und originellen Menschen in Österreich. Demnächst startet seine Miniserie im ORF.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Grias di, ich bin der Reisecker Michi, ich bin Dokumentarfilmer. Und da in der Brille drinnen, da ist meine Kamera“, so fangen Michael Reiseckers Gespräche an. Begegnungen mit einem Gamsbartbinder etwa, oder mit einem Kärntner, der sein Haus zu einer Elvis-Gedenkstätte umfunktioniert hat. Mit einer Wiener Fußpflegerin oder mit einem Stallzubehörverkäufer auf einer Landwirtschaftsmesse, der nebenbei Forschungsfilme in der Antarktis dreht.

Der Dokumentarfilmer – wobei, Dokumentationen seien es nicht, was er mache, sagt er und spricht von einem Roadmovie – fährt mit einem VW-Bus durchs Land, sucht das Außergewöhnliche – kreative Köpfe oder die Menschen, die man in den Dörfern liebevoll Spinner, Aussteiger nennt – und porträtiert sie. Lässt sich Geschichten erzählen und bastelt sich so ein Österreich-Bild. Ab 16.Jänner zeigt ORFeins sechs Folgen „Reiseckers Reisen“ im neuen Mittwochabendprogramm. Einige seiner Bundesländerporträts wurden vorigen Sommer bereits ausgestrahlt, ebenso ein USA-Special zur Präsidentschaftswahl vorigen Herbst.

Dabei war alles ganz anders geplant: Erst war der Innviertler Tourismusschüler, dann Kfz-Mechaniker, dann nebenbei Abendschüler, dann FH-Student, dann Forscher bei einem Kunststoffkonzern. „Aber irgendwie ist mir dabei der Sinn verloren gegangen.“ Also kündigte er den lukrativen, sicheren Job, wurde Skilehrer, weil er zu den Menschen und in die Natur wollte. „Davor hatte ich ein paar Monate Pause und dachte mir: Jetzt schau ich mir Österreich an.“ Also kauft er „um 1000Euro und ein Fassl Bier“ einen alten VW-Bus, frisiert ihn auf, findet via Google die Brillenkamera, mit der er jetzt unterwegs ist, und startet 2009 seine erste Runde gegen den Uhrzeigersinn entlang der Grenze Österreichs.

Warum mit einer Kamera? Zum Ausprobieren, weil ihn die Filme des bayerischen Dokumentaristen Franz Xaver Gernstl schon immer fasziniert hätten, sagt Reisecker. Außerdem wolle er seine Begegnungen so vielen Leuten wie möglich zugänglich machen und Vorurteile zertrümmern. Zum Beispiel, dass man bei Tirolern nicht so einfach an die Tür klopfen und mit ihnen reden könne, so stur und unzugänglich seien die. „Blödsinn. Von 200Leuten, mit denen ich bis jetzt gedreht habe, haben vielleicht zwei oder drei Nein gesagt“, erzählt er. Die Brille mit der eingebauten Minikamera stehe dabei nicht im Weg, lasse es zu, dass seine Protagonisten unverstellt plaudern. Wobei er seine Gesprächspartner stets auf die Kamera hinweist.


Eine fixe Route hat er nicht, fährt von Ort zu Ort, fragt den Wirt oder eine Wurstverkäuferin, wo er Spannendes finden könnte. Termine macht er nicht und wenn, dann kommt er drei Stunden früher als vereinbart, „dann sind die Leute nicht geschminkt und hergerichtet, sondern spontan und so, wie sie halt sind“, sagt er. „Es geht um ein Einfangen der Wirklichkeit, auch wenn es nur Momentaufnahmen sind und man freilich nicht weiß, ob einer Leichen im Keller hat.“ Aber irgendeine Geschichte habe jeder zu erzählen, er wolle sich diese anhören und wiedergeben. Und so zeichnet er mit fünf, sechs Porträts pro Folge ein Bild von Menschen in Österreich, die ihr kleines Glück gefunden haben. Der türkischstämmige Müllfahrer der MA48 in Wien, das Pärchen, das auf dem Tandem um die Welt fahren will oder der Jurist, der – ohne Medienrummel – einen Gnadenhof betreibt.

Und er? Er hat es nach den vielen Jobs offenbar auch gefunden. „Es ist fast eine Sucht, in das Leben der Leute zu schauen, herumzufahren und mit ihnen zu reden“, sagt er. Und plant schon weiter. Nach den Länder- und Regionenfolgen denkt er über anlassbezogene Specials – Salzburg zu den Festspielen zum Beispiel – nach, oder über ein Roadmovie in Spielfilmlänge. An einem solchen arbeitet er schon, an einer Doku über die Reise mit einem Freund, der im Rollstuhl sitzt, zu den Filmfestspielen in Cannes. Diesmal aber ohne Brille und mit einer ganz gewöhnlichen Kamera.

Auf einen Blick

Seit Michael Reisecker irgendwo in den Bergen Neuseelands die Erkenntnis getroffen hat, dass er um die Welt reist, er aber noch nie im Burgenland oder in Vorarlberg gewesen ist, bereist er Österreich im VW-Bus, inklusive Brillenkamera auf der Nase und Aufnahmegerät im Rucksack. Und weil weder Forscher noch Skilehrer der richtige Job war, wurde das Filmen zur Profession.

Ab 16.Jänner zeigt ORFeins „Reiseckers Reisen“ wöchentlich im Mittwochabendprogramm (22.50 Uhr).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

4 Kommentare

hey frau imlinger, du bist toll!


Bin gespannt.

Uebrigens, wen es interessiert der Mann im Bild ist Fritz Sendlhofer. Salzburger. Den habe ich schon in der BBC Serie "The Hairy Bikers" gesehen (da fahren 2 Englaender mit dem Motorad um die Welt und fressen die ganze Zeit). Er hat da Kasnocken oder so etwas fuer die beiden gekocht. Der Mann lebt zurueckgezogen auf einer Almhuette. Damals hat er nicht viel gesagt, aber ich glaube das lag an Kommunikationsschwierigkeiten.

Bin gespannt.

Uebrigens, wen es interessiert der Mann im Bild ist Fritz Sendlhofer. Salzburger. Den habe ich schon in der BBC Serie "The Hairy Bikers" gesehen (da fahren 2 Englaender mit dem Motorad um die Welt und fressen die ganze Zeit). Er hat da Kasnocken oder so etwas fuer die beiden gekocht. Der Mann lebt zurueckgezogen auf einer Almhuette. Damals hat er nicht viel gesagt, aber ich glaube das lag an Kommunikationsschwierigkeiten.

empfehlenswert

Wer "Gernstl unterwegs" kennt und schätzt und "Reiseckers Reisen" noch nicht kennt: Unbedingt anschauen.
Während Gernstl mit Kamera- und Tonmann unterwegs ist, macht Reisecker alles alleine. Mit in einer Brille eingebauten Minikamera, einem Rucksack umgeschnallt mit Aufnahmegerät und einem meist an seiner Kleidung befestigten Mikro.
Gerade bei dieser Aufnahmetechnik ist - wie bei jedem Film oder Video - die Nachbearbeitung durch Filmemacher und Cutter entscheidend. Und da haben sich die zwei Richtigen gefunden.
Gernot Grassl, erfahrener Cutter, Musiker, Sänger, holt alles raus, was in Bild, Ton und Atmosphäre da ist. Schneidet situationsbedingt, einmal à la Videoclip, einmal Doku-üblich. Immer passend und mit mitreissenden Sound unterlegt.
Die Art, wie Michi Reisecker mit den Menschen kommuniziert, ist so direkt und die Herzen der "Befragten" und der TV-Zuseher öffnend. Also anschauen und Meinung bilden...

AnmeldenAnmelden