360 Grad: Wenn Brand in Alaska liegt

12.01.2013 | 18:02 |  von Norbert Rief (Die Presse)

Einer der besten Musher der Welt kommt aus Niederösterreich. Jetzt misst er sich acht Tage lang im härtesten Hundeschlittenrennen Europas.

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Die Hunde zerren an den Leinen, sie scharren im Schnee, bellen, springen hoch, jaulen – wenn es jemals Lebewesen gab, die es nicht erwarten konnten, bei Minustemperaturen 50 Kilometer weit zu laufen, dann sind es diese acht Hunde.

Nur mit Mühe können zwei Helfer die Tiere im Zaum halten. „Gut festhalten“, rät der Musher, „ruft ,go‘, und dann laufen die Hunde los.“ Wer jemals in einem Mercedes C 63 AMG das Gaspedal bis zum Boden durchgetreten hat, der hat eine Vorstellung, welche Kraft 336 Pferde freisetzen. Die acht Hunde stehen dem um wenig nach.

„Wir müssen sie einbremsen auf unter 30 km/h“, erklärt Helmut Peer. Denn hier geht es nicht um einen Sprint, sondern um Ausdauer. Die Hunde müssen in sieben Tagen etwa 330 Kilometer zurücklegen und dabei 8000 Höhenmeter bewältigen. Der „Alpentrail“ in Südtirol, der am Freitag gestartet wurde und am 19. Jänner in Sexten an der Grenze zu Kärnten endet, ist das härteste Schlittenhunderennen Europas, das europäische Gegenstück zum legendären Iditarod-Rennen in Alaska – nur hundeverträglicher. Und der Waldviertler Helmut Peer ist einer der Favoriten für den Sieg.


Mehrfacher Weltmeister. Der Musher pendelt das Tempo der acht Hunde auf etwa 25 km/h ein. „So kommen sie gut über die Strecke und sind am Ende nicht fix und fertig“, sagt Peer. Wenn etwas den Schlittenhundesport in Europa ganz wesentlich von jenem in Nordamerika unterscheidet, dann ist es die Einstellung den Hunden gegenüber. „Die haben drüben einen recht nüchternen Umgang“, drückt es Peer zurückhaltend aus. Übersetzt heißt das, dass eine Peitsche vor einigen Jahren noch zur Grundausstattung beim Iditarod gehörte.

Die brauchte Peer nie, um seine Hunde zu Höchstleistungen anzuspornen. Der 54-Jährige ist einer der besten Musher der Welt. Offiziell bestätigen ihm das mehrere Weltmeistertitel in verschiedenen Klassen; wie oft er Europameister wurde, weiß er gar nicht mehr genau. „14 oder 15 Mal.“ Mehrere Jahre lebte Peer in Kanada, er gewann das Canadian Open, das Houston Classic, das North American und wurde Vierter beim North-Pole-Championship in Alaska. Und das als Niederösterreicher.

„Eigentlich bin ich Tiroler“, erklärt Peer. Nur das Hobby eben, das mittlerweile ein Beruf ist, habe ihn in den Osten verschlagen. Als er 1996 etwas ernsthafter über seine Schlittenhundeleidenschaft nachdachte, nahm er sich eine Karte von Österreich zur Hand „und schaute, wo die meisten weißen Flecken sind“. Und die gab es oben im Norden Niederösterreichs, rund um die kleine Ortschaft Brand (nördlich von Schrems). Ein ideales Gebiet, um mit dem Schlitten über viele Kilometer frei und ungehindert durch die Landschaft zu fahren.


Iditarod als Olymp? Doch selbst das Waldviertel ist nicht leer genug, um für den Olymp der Musher zu trainieren, das Iditarod-Rennen in Alaska. Das Rennen geht auf einen Ausbruch von Diphtherie im Jahr 1925 in Nome an der Westküste des US-Bundesstaates zurück. Medikamente mussten in die Ortschaft gebracht werden, wegen des Wetters konnte aber kein Flugzeug fliegen, also holte man Schlittenhunde. Mit einer Staffel wurde das Serum in fünf Tagen von einem Ort in der Nähe von Fairbanks nach Nome gebracht. Üblicherweise benötigte man für diese Strecke 25 Tage.

Seit 1973 messen sich Musher und Hunde in Erinnerung an diese Tat auf Teilen der historischen Strecke des Iditarod-Trails durch Alaskas unberührte Natur. Gestartet wird mitten in der Hauptstadt Anchorage (heuer am 2.März), Fernsehstationen übertragen live, und die Berichterstattung über das Rennen gleicht der über die Tour de France in Frankreich. Beim ersten Start 1973 benötigte der Sieger noch 20 Tage für die 1800 Kilometer, 2011 gewann der Alaskaner John Baker mit der neuen Rekordzeit von acht Tagen, 18 Stunden und 46 Minuten.

„Der Olymp? Ich weiß nicht“, meint Peer. „Für mich ist das nichts.“ Die Langstrecke sei eine „enorme Schinderei“ für Mensch und Hunde, außerdem seien seine Tiere nicht für diese Art von Rennen trainiert und auch nicht dafür geeignet. In Alaska setzt man auf den Siberian Husky (schwarz-weiß mit blauen Augen), in Europa hat sich, unter anderem wegen des milderen Klimas, der europäische Schlittenhund durchgesetzt, eine Mischung aus Jagdhund und Husky.

Peer hat 14 davon zu Hause in Brand im Waldviertel. „Man muss schon ein eigener Typ sein“, sagt er, „Schlittenhunde zu haben ist eine Lebensphilosophie.“ Eine, die nicht von allen verstanden wird. „Wennst viele Hunde hast, giltst ja für manche als asozial.” Aber oben im Norden in der kleinen Ortschaft kennt man ihn und seine Hunde und weiß, dass er gar nicht asozial ist.

Der Alpentrail in Südtirol ist eine der heurigen Herausforderungen für den Österreicher. Die Chancen, sich in Europa zu messen, sind in den vergangenen Jahren immer weniger geworden. Einerseits, weil das Interesse an den Rennen langsam nachlässt – Mitte der 1990er-Jahre kamen zu einer Weltmeisterschaft in Bad Mitterndorf noch 50.000 Menschen –, andererseits aber macht das Klima Probleme. Dieses Wochenende sollte beispielsweise in Werfenweng ein internationales Schlittenhunderennen stattfinden, doch der Regen ruinierte die Rennstrecke.

Also doch wieder die USA? „Ich war sechs Winter in Alaska, das war eine Supererfahrung für ein ganzes Leben. Zahlen kann man die Flüge mit Hunden und Ausrüstung dort hinüber mittlerweile nicht mehr.“

Bleibt also das Waldviertel. „Wenn ich im Winter die Hunde einspann, wenn sich die auf das Laufen freuen, der Schnee knirscht, und du wirst durch den Wald gezogen, ganz allein, da ist nichts, du hörst keinen Motorenlärm, nur die Hunde – mehr brauch ich nicht.” Da ist Brand so gut wie Nome.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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