Hammerl: "Niemand will ein altes Talent entdecken"

12.01.2013 | 18:03 |  von ANNA-Maria Wallner (Die Presse)

Übermorgen hat das neue Theaterstück der Autorin Elfriede Hammerl Premiere. Anders als in aktuellen Geschlechterdebatten geht es darin noch recht typisch zu.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Frau Hammerl, müssen wir uns Sorgen um den modernen Mann machen?

Elfriede Hammerl: Ich glaube nicht, aber ich weiß, wieso Sie diese Frage stellen.

 

Der „schwache Mann“ ist derzeit in aller Munde. Ausgelöst wurde die Debatte in den USA von der Journalistin Hanna Rosin, die in ihrem Buch „The End of Men“ behauptet, junge Männer seien heute schlechter ausgebildet und bezahlt als gleichaltrige Frauen, sie seien die Verlierer der Wirtschaftskrise.

Allen Argumenten von Rosin kann man auch viel schlagendere Gegenargumente entgegenhalten. Aber auch hierzulande hatten wir unlängst Christine Bauer-Jelinek, die uns plötzlich erklärte, dass der Mann nicht der Feind ist. Das haben wir auch nie behauptet. Es ging immer um strukturelle Ungerechtigkeit und nicht darum, dass man ein neues Geschlechterklischee entwirft. Die eigentliche Frage ist, warum solche Aussagen eine derartige Öffentlichkeit bekommen. Das war auch an den Schwachsinnsthesen einer Eva Herrmann zu sehen: Immer wenn Frauen aufstehen und etwas sagen, was man als Abrechnung mit dem Feminismus lesen kann, wird das begeistert aufgenommen.

 

Das ist auch einer der Kritikpunkte, die die deutsche Feministin Alice Schwarzer an der Generation junger Feministinnen vorbringt.

Da hat sie aber recht. Das Alice-Schwarzer-Bashing ist ungemein modisch geworden. Natürlich hat sie ihre Fehler, sie ist ja kein Übermensch. Selbst wenn es Leute gibt, die mit ihr persönlich keine so erfreulichen Erfahrungen gemacht haben mögen, spricht das nicht gegen ihre Erkenntnisse. Wie viele unsympathische Männer haben Sachen gesagt, die man als richtig anerkennen muss?

 

Hanna Rosin behauptet, dass der Niedergang der Männer nicht aus feministischer Überzeugung, sondern ökonomischer Notwendigkeit eingeleitet wird: Weil Männer schon in der Ausbildung scheitern, müssen die Frauen einspringen. Das ist ziemlich weit entfernt von einer Gleichberechtigung.

Ja. Frauen wurden immer schon als Verschubmasse auf dem Arbeitsmarkt eingesetzt. In Kriegszeiten mussten sie auf Männerarbeitsplätzen einspringen, nachher wurden sie wieder an den Herd geschickt. Wenn sie gebraucht werden, werden sie geholt, aber sie werden quasi auf Abruf eingesetzt. Mit einem Niedergang der Männer hat das allerdings nichts zu tun.

 

In Ihrem neuen Stück „Sprechstunde“, das am Dienstag Premiere hat, geht es noch um typische Geschlechterrollen: Ein Paar über 50 trennt sich, weil der Mann eine jüngere Frau heiratet. Wurden nicht schon genug Geschichten nach Schema „Älterer Mann verlässt Frau für eine Jüngere“ erzählt?

Ich wollte sie auch erzählen. Was mich ärgert, sind diese Erfolgsstorys von alten Vätern, die man immer wieder lesen kann. Viele dieser alten Väter verkünden gedankenlos, das neue Kind sei das erste, auf das sie sich freuen und mit dem sie etwas anfangen können. Damit stopfen sie ihre älteren Kinder verbal in den Mistkübel. Das kommt auch in dem Stück vor. Es geht nicht darum, dass man immer originelle Settings findet, sondern die Frage ist, wie man mit dem Stoff umgeht. Ich bilde mir ein, dass ich die Geschichte doch wieder anders erzähle.

 

Wie geht die Geschichte also weiter?

Die Hauptfigur Dieter, ein bekannter TV-Moderator, will zu neuen Ufern aufbrechen und das neue Ufer junge Frau erweist sich als ziemlich anstrengend. Auch das neue Kind ist mühsamer als die großen Kinder, die die Erstfrau von ihm ferngehalten hat, wenn er es wollte. Aber die Geschichte endet nicht damit, dass er das Opfer ist. Seine Exfrau Marion wiederum ist damit konfrontiert, dass Frauen ihres Alters auf merkwürdige Typen stoßen, wenn sie auf Partnersuche gehen.

 

Wie leicht fällt es Ihnen, Ihre Theatertexte an Regisseur und Schauspieler abzugeben.

Diesmal bin ich sehr eingebunden in die Proben, und das macht mir große Freude. Beim Schreiben ist einem oft nicht klar, dass ein Wort oder ein Satz auch ganz anders betont werden könnte. Es macht einen Unterschied, wie man zum Beispiel ein simples „Was?“ sagt – erstaunt oder fordernd oder noch einmal anders. Nun habe ich die Möglichkeit, zu sagen, welches „Was“ ich beim Schreiben gemeint habe.

 

Ihr „Profil“-Kolumnistenkollege Peter Michael Lingens bedauert, dass Ihre Theaterstücke zu wenig besprochen und dadurch zu wenig bekannt werden. Seine Erklärung: Sie seien bereits zu alt, um vom Theaterbetrieb „entdeckt“ zu werden. Hat er recht?

Ja, ich bin zu alt und zu wenig exotisch. Auch der Theaterbetrieb ist ein Markt, und nach den Kriterien dieses Markts habe ich nicht mehr so gute Karten. Niemand will ein altes Talent entdecken. Alle wollen sie die 20-Jährigen, die die große Welterkenntnis bringen. Dabei ist doch auch eine gewisse Lebenserfahrung ein Qualitätskriterium.

 

Noch einmal Lingens. In einem anderen Text über Ihr jüngstes Buch „Kleingeldaffäre“ (2011) meinte er, Sie hätten das Potenzial, die wichtigste Schriftstellerin des Landes nach Elfriede Jelinek zu werden. Allein die Tatsache, dass Sie als Journalistin begonnen haben, mache das unmöglich. Hat der Journalismus so einen schlechten Ruf?

Nein, das nicht, aber man steckt damit in einer Schublade. Für das Feuilleton bin ich „die Hammerl, die immer schon über Feminismus geschrieben hat“. In Österreich werden meine Bücher gern in der Kinder-Küche-Ecke rezensiert. Ironischerweise kommen dort nämlich auch Feministinnen hinein. Es gibt eine Reihe von Hürden in diesem Kulturbetrieb, die man entweder überspringt – oder auch nicht.

 

Ab wann und warum haben Sie sich dem Thema Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen gewidmet?

Meine Mutter hat mich in Sachen soziale Ungerechtigkeit stark geprägt. Die konnte sich da sehr empören.

 

Was haben Ihre Eltern gemacht?

Meine Mutter war Hausfrau, notgedrungen, das war die Generation. Mein Vater war in der Materialverwaltung der Bundesbahn. Aber meine Mutter war für mich die wesentlich prägendere Person. Mein Vater war wie viele Väter damals in der Kindererziehung kaum präsent. Und ich kann mich erinnern, dass es mich schon als Kind gestört hat, wenn in den Kinderbüchern die Mädchen auf eine bestimmte Art und Weise geschildert wurden. Die waren immer brav und folgsam. Später wurde mein eigenes Unbehagen, was Rollenklischees betraf, durch die zweite Frauenbewegung in den 1970er-Jahren öffentlich bestätigt.

 

Und dann begannen Sie, auch darüber zu schreiben.

Das war mehr ein Zufall. Ich bekam bei einer kleinen Zeitung, die längst eingegangen ist, eine Frauenkolumne. Der Chefredakteur hatte sich das eigentlich anders vorgestellt, er wollte, dass ich über Hausfrauenthemen schreibe und nicht kritisch über die Situation von Frauen, wie ich das tat. Dann wurde ich relativ rasch vom „Kurier“ abgeworben, und auch das war eher ein Missverständnis. Die haben mich engagiert, um mit einer Frauenkolumne mehr Leserinnen zu bekommen. Aber offenbar haben sie die Inhalte meiner Kolumne nicht wahrgenommen, und als ich genauso im „Kurier“ weitergemacht habe, sind sie draufgekommen, dass ich ein Kuckucksei bin. Das hat mir dann durchaus Probleme gebracht.

 

Was war die kontroversiellste Auseinandersetzung?

Nach meinem ersten Auftritt in einer Fernsehdiskussion, in der ich mich für die Fristenlösung ausgesprochen habe, hieß es im „Kurier“, der gegen die Fristenlösung war, ich solle in Zukunft vor jeder Fernsehdiskussion fragen, ob ich überhaupt teilnehmen darf.

Bedauern Sie es, dass Sie 1999 nicht für das Liberale Forum ins Parlament gezogen sind?

Ich finde es enorm schade, dass das Liberale Forum den Einzug nicht geschafft hat. Für mich persönlich war es eine Chance zu erkennen, dass meine wahre Stärke doch im Schreiben liegt.

 

Ihre Tochter ist Jahrgang 1982, also 30. Wie lebt und arbeitet sie heute?

Meine Tochter hat das Problem, dass ihr die Mutter immer um die Ohren geschlagen wurde. Das war manchmal eine Überdosis Feminismus. Sie bezeichnet sich aber als Feministin und hat ein scharfes Auge für Schieflagen und Missstände. Ich beobachte, dass sich auch in ihrer Generation auf der Beziehungsebene gar nicht so viel geändert hat. Und dass der Stellenwert funktionierender Beziehungen für junge Frauen ein höherer ist als für junge Männer. Insgesamt treten junge Frauen und Mädchen heute selbstbewusster auf, aber dahinter sehe ich immer wieder alte Unsicherheiten.

Steckbrief

1945
am 29.4. in Prebensdorf (Stmk) geboren, studiert in Wien (Germanistik, Theaterwissenschaften), ohne Abschluss Einstieg in den Journalismus.

seit 1984
Kolumnistin im „Profil“, sie schreibt u.a. auch in „Stern“, „Vogue“ und „Kurier“ – und immer wieder Erzählungen, Romane („Müde bin ich Känguruh“, „Hotel Mama“), Drehbücher und Theaterstücke (2012: „Liftstopp“).

1997
Mitinitiatorin des Frauenvolksbegehrens.

2011
Kurt-Vorhofer-Preis. Roman „Kleingeldaffäre“ (Deuticke), der im März in einer Bühnenfassung von Regisseurin Karin Koller am Turmtheater Regensburg aufgeführt wird.

2013
Am 15.1. hat ihr neues Theaterstück „Sprechstunde“ in der Freien Bühne Wieden Premiere. Zwölf Termine von 16.-31.1., 1. und 2.2., 19.30 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

1 Kommentare

was

für eine unglaublich d..... Frau ist die den Bitte?!


AnmeldenAnmelden