Bohnen kochen im Verein: „Stadtflucht“ ins Weinviertel

16.01.2013 | 18:12 |  von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

Martin Rohla, Erfinder der Saint Charles Apotheke und nunmehr Biobauer, sammelt Städter im „Verein für Kochen und Muße im Grünen“.

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Es klingt – man verzeihe das Wort – nach einer ziemlich romantisierten Bobo-Idee. Wenn Martin Rohla in dem, was er tut, nicht so handfest wäre. Und konsequent. Statt über Massentierhaltung zu lamentieren, kommt bei ihm Wild auf den Tisch. Am Samstag, dem Infotag für seinen im Entstehen begriffenen Verein, ein Wildschwein. Erlegt am 27.Dezember in Schleinbach. Zubereitet von Motto-am-Fluss-Koch Mario Bernatovic: als Gulasch.

Bernatovic ist eines der Mitglieder des Gründungskomitees der „Stadtflucht Bergmühle“. Wie auch Tobias und Julia Moretti, Ali und Kaja Quester, die bekanntlich von Baustoffen zu Fischen gewechselt sind, Wein-PR-Beraterin Dorli Muhr und Weinkennerin Martina Pöll. Das Ziel: Ein Verein, in dem man kochen (mit den Produkten der Bergmühle), essen und Zeit im Grünen verbringen kann. Mit Kindern, betont Rohla, „und ganz entspannt“. Vor Kurzem hat man die Idee auf Facebook publik gemacht, „seither ruft dauernd wer an. Das bekommt eine Eigendynamik, die sensationell ist“.

Aber vielleicht erzählt man den Weg zur „Stadtflucht Bergmühle“ am besten chronologisch. Eigentlich ist Martin Rohla Unternehmensberater. Er hat BWL studiert, sein Leben lang verschiedene Geschäfte gemacht, „nur angestellt“, sagt er, „war ich nie“. Eines dieser Projekte – weil es familienbedingt gerade eine Apotheke zu verwerten galt – war die Saint Charles Apotheke in der Gumpendorfer Straße.

Jene Apotheke, die heute ihre Kräuter von einem Hof in der Semmering-Gegend bezieht und mit Cosmothecary (Naturkosmetik), Alimentary (Restaurant) und Complementary (Yoga, TCM) gleich ein schickes Mini-Imperium fürs urbane Mariahilfer Publikum um sich versammelt hat. Das, sagt er, habe schon „supergut“ funktioniert, das Thema Nachhaltigkeit war bei ihm in den Fokus gerückt. 2007, 2008 kam dann der Punkt, an dem er seiner Frau erklärte: „Wenn wir noch einmal in unserem Leben etwas verändern wollen, dann jetzt.“ Rohla trennte sich „von operativen Tätigkeiten“, fand in Kronberg in der Nähe von Wolkersdorf im Weinviertel einen Hof. Mit Platz für die Pferde (seiner Frau), einer gepachteten Jagd (für ihn) und, als ein Nachbar zu verkaufen beschloss, 30 zusätzlichen Hektar Land. „Da habe ich mir gedacht, ich mach lieber selbst noch etwas Spannendes, als an einen konservativen Bauern zu verpachten.“ Rohla wurde Biobauer: Ging bei der Arche Noah in die Schule, macht gerade die Ausbildung zum landwirtschaftlichen Facharbeiter, legte sich einen Stand am Karmelitermarkt zu, sah sich an, was wächst: Bohnen und Kartoffeln fühlen sich wohl. Steirereck oder Motto am Fluss kaufen bei ihm ein.


Was fehlte, war die Optimierung der Grundidee: From the field to the fork, vom Feld direkt auf die Gabel. Italienische Agriturismo-Betriebe seien das Vorbild für die künftige Nutzung des Areals um seinen Fischteich: Die eigenen Produkte (und die der Nachbarn) werden am Wochenende verarbeitet. Aber warum nur im Verein? „Weil ich das lustig find'“, sagt der Vater dreier Kinder. „Und weil es den Nebeneffekt hat, dass man hier Leute treffen kann, die man kennt und mag.“ 250 Interessierte haben sich für Samstag schon angemeldet. „Es könnte“, überlegt er, „ein Superchaos werden. Aber das macht nix. Alles ganz entspannt.“

Auf einen Blick

Martin Rohla ist Unternehmensberater und Biobauer und hat sich auf alte Sorten spezialisiert. Im April startet sein Verein „Stadtflucht Bergmühle“: Ein fixer Koch verarbeitet die Produkte, Mitglieder können mitkochen und essen (20 Euro), Mario Bernatovic lädt Gastköche ein. Am Samstag (19. 1.) gibt es ab 13 Uhr einen Infotag. Anmeldung notwendig (stadtflucht@bergmuehle.at). Eine Mitgliedschaft kostet pro Saison 120Euro (200 für Paare).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2013)

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