"Hochgetauscht": Vom Luftballon zum Auto

19.01.2013 | 18:39 |  von Eva Winroither (Die Presse)

Jakob Strehlow wollte wissen, wie weit man mit etwas kommt, das nichts wert ist.Begonnen hat er mit einem Luftballon, mittlerweile hat er ein Auto.

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Nein, an Selbstvertrauen scheint es diesem jungen Herrn nicht zu mangeln. Auf Facebook bezeichnet er sich als eine „Person des öffentlichen Lebens“, auf seiner Homepage www.tausch-wunder.de steht als Ergänzung: „Bekannt aus TV und Presse“. Das gefällt 7900 Facebook-Fans.

Dabei ist der 18-Jährige relativ unscheinbar. Braune Haare, braune Augen und so schmächtig, dass er als Filmfigur auf dem Pausenhof wahrscheinlich regelmäßig gehänselt worden wäre. Doch der Eindruck täuscht. Hinter dem schmalen Gesicht verbirgt sich ein kluges Bürschen, das mit seinem Schulprojekt halb Deutschland kennt. Jakob Strehlow aus Schleswig-Holstein an der nördlichen Spitze Deutschlands hat sich „hochgetauscht“. Von einem grünen Luftballon zu einem Auto. Nächstes Ziel: Aus dem Kleinwagen will er einen Minibus machen.

Begonnen hat alles vor mehr als einem Jahr in seinem Heimatort in Grundhof nahe Flensburg. Jakob, schon damals sehr aktiv in der Jugendarbeit tätig, musste für seine Ausbildung zum Jugendbetreuer eine Aufgabe lösen und „so viel wie möglich“ aus einem einfachen Aufkleber machen. Er wird ihn gegen einen Pullover eintauschen. „In der Schule habe ich mir dann gedacht, warum kann ich das nicht auch mal in Groß starten?“, sagt der junge Mann, der übrigens zur Waldorfschule geht. Einen Luftballon wählt er aus, weil der „praktisch nur aus Luft besteht und nichts wert ist“. Das war im Jänner 2011.

Der damalige Chef seines Vaters hilft über den schwierigen Start hinweg. „Für den Luftballon bekam ich ein noch in der Originalverpackung verpacktes Multifunktionswerkzeug“ (einen Leatherman, Anm.), schreibt Strehlow, ein leidenschaftlicher Handballspieler, auf seiner Homepage. Diese ist von Anfang an sein wichtigstes Kommunikationswerkzeug. Als nächstes meldet sich eine Firma, die den Leatherman gegen eine Videosoftware tauscht. Er hätte auch eine Webcam, eine alte Verkehrsampel oder einen Teddybäranzug für Mädchen haben können, sagt Jakob. Die Ampel hätte ihm sogar gefallen, aber eine Blitzumfrage im Netz hätte ergeben: „Die wollte einfach niemand haben. Die hätte ich nicht weitertauschen können.“ So ist es dann ein Fahrrad geworden. Dabei hilft ihm die Bekanntheit, die seine Seite mittlerweile erreicht hat, und dass alles für einen „guten Zweck“ ist – nämlich für seinen Jugendverein.

Rosenbeet und Studio. Für das Fahrrad nimmt er eine Wasserpumpe (anstatt eines Rosenbeets), Tausch fünf ist die Pumpe gegen einen Kombidämpfer. Der wechselt – dank der mittlerweile deutschlandweiten Berichterstattung – gegen ein Tonstudio den Besitzer.

Zugute kommt ihm dabei auch der weltweit Trend zum Tauschen. Mit der Wirtschaftskrise als Auslöser gibt es zahlreiche Menschen, die sich für alternative Wirtschaftssysteme interessieren. Besitz hat in unserer konsumüberlasteten Welt einen völlig neuen Wert bekommen. Nicht jeder muss jetzt immer alles haben, manchmal ist auch teilen oder nur vorübergehend besitzen in Ordnung. „Es gibt immer Dinge, die für den einen einen Wert haben, für den anderen aber nicht mehr“, sagt Strehlow. Darauf baut er.

Um der Flut an Tauschangeboten gerecht zu werden, gründet er eine eigene Tauschbörse auf Facebook. „Tauschbook“ hat mittlerweile fast 2400 Follower und zahlreiche Postings. Eine Freundin hat dort ihr altes iPhone gegen einen Computer getauscht. Er selbst seinen alten Schreibtischsessel gegen eine Kiste Cola. Bei seinem eigenen Projekt wird das „hochtauschen“ freilich immer schwieriger. Von 180 Angeboten wollen 40 kaufen, andere machen einen Rückzieher oder wollen ihn wieder auf ein Fahrrad „runtertauschen“, beklagt er auf seiner Seite. Hinzu kommt der Frust über geplatzte Deals und manche Antworten auf Anfragen. „Lernt man an Ihrer Waldorfschule auch etwas Nützliches oder nur, den eigenen Namen zu tanzen?“, soll eine Berliner Künstleragentur geschrieben haben.

Trotzdem schafft er es nach vier Monaten, sein Tonstudio gegen ein Auto, einen Ford Fiesta, zu tauschen. Den möchte er in einen Kleinbus umwandeln. „Ein Auto kann der Jugendverein nämlich nicht brauchen“, sagt er. Der 18-Jährige hat schon früh gelernt, sich durchzusetzen. Seit er 13 ist, ist er in der Jugendarbeit tätig. Aber in seinem Heimatort gibt die Gemeinde kaum Geld für so etwas her. „Also mussten wir uns darum kümmern, dass Sponsoren Geld lockermachen“, sagt er. Der Traum vom Haus für seinen Jugendverein, den er einmal gehabt hat, muss er nun trotzdem aufgegeben. Weil er keinen geeigneten Tauschpartner findet, schreibt er der Firma Ford über Facebook mit dem Angebot, das Auto gegen einen neuen Bus zu tauschen. Deren Benefit? „Eine gute PR-Aktion für euch“ schreibt Jakob Strehlow, „bekannt aus TV und Presse.“

Beim Auto steckt er fest. Doch Ford will den Deal nicht annehmen. Jakob kann das so gar nicht verstehen. Er bittet seine Fans, sich für ihn einzusetzen und Tauschpartner zu finden.

Im Februar muss er nun seine Abschlussarbeit in der Schule präsentieren. Sollte der Bustausch bis dahin nicht zustande kommen, wird er „trotzdem weitermachen“, aber nicht mehr so viel Zeit investieren. Außerdem arbeitet er schon an einem Buch über sein Projekt. Auch um Geld zu verdienen. Im Moment ist er mit 250 Euro noch im Minus, die er für Handy und Fahrten ausgegeben hat. Was er in Zukunft machen will? Seine Matura und dann Sozialarbeit gepaart mit Sport- und Eventmanagement studieren. Er will wieder Aktionen planen. Klar, so viel Talent sollte man auch nicht ungenutzt lassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2013)

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2 Kommentare

Das ist doch

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