Toni Sailer: Ein Troubadour im Hochgebirge

31.01.2013 | 17:49 |  von Samir H. Köck (Die Presse - Schaufenster)

Eine feine Kompilation erinnert an den Olympiasieger und Popstar Toni Sailer.

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Gute Laune ist mehr wert als Geld. Heut liegt was Schönes für mich in der Luft“, sang Toni Sailer 1959, dreifacher Olympiasieger und siebenfacher Weltmeister, mit nicht zu wenig Glucksen in der Kehle im Filmschlager „Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt“. Die Zeile hat durchaus etwas Authentisches. Egal, was Sailer anging, er tat es vor allem mit viel Leidenschaft und verschwendete kaum einen Hintergedanken an Geld. Ähnlich wie der ohne jegliche Ausbildung auskommende amerikanische Entertainer Dean Martin grübelte er nicht lange, sondern machte einfach. In den Worten Sailers: „Da ist der Hang, und unten im Tal steht das Ziel. Also da muss ich runter, also werfe ich mich halt runter. Ich glaube, man muss bei allen Dingen, die man im Leben beginnt, mit dem Herzen dabei sein. Immer und überall.“ In seiner kurzen Karriere als Skifahrer gewann er 1956 in Cortina d’Ampezzo als erster Rennläufer Gold in den drei Disziplinen Slalom, Riesenslalom und Abfahrt. Drei Jahre später folgten noch drei Gold- und eine Silbermedaille bei der WM in Bad Gastein, dann trat Sailer mit nur 23 Jahren zurück. Dafür gab es mehrere Gründe. Die FIS machte Schwierigkeiten, wollte ihm den Amateurstatus aberkennen, weil er Filme drehte und Schlager sang.

Das Sportidol votierte letztlich für die Kunst. Bald war Sailer regelmäßig auf dem Cover des Jugendmagazins „Bravo“ zu finden und erreichte mit seinen sanften, dennoch unkitschigen Schlagern Topplatzierungen in der Hitparade. Dass da ein Tiroler den Lebensnerv der Jugend im gesamten deutschen Sprachraum getroffen hat, war schon erstaunlich genug. Doch sein immenser Erfolg in Japan ab 1957 übertraf alle Vorstellungskraft. Begonnen hatte alles mit einer Audienz beim damals erst 23-jährigen Thronprinzen Akihito. Der war ein großer Fan des „Kuroi inozuma“, des „schwarzen Blitzes“, wie Sailer genannt wurde. Der gleichnamige Streifen und der Nachfolger „Zwölf Mädchen und ein Mann“ waren in Japan erfolgreicher als „Vom Winde verweht“ und „Die Katze auf dem heißen Blechdach.“ Die Single „Ich bin der glücklichste Mann auf der Welt“ erreichte Platz zwei in Japan. Selbst die dortige Textilindustrie sprang auf den Boom auf, fertigte weiße Skihauben à la Toni Sailer und machte Riesenumsätze damit. Das exotische Idol Sailer drehte mit „König der silbernen Berge“ sogar noch einen Film in Japan. Doch statt sich seine immense Popularität dann zu versilbern, ging er plötzlich nach Berlin, um dort seinen bis dahin amateurhaften Schauspielkünsten ein solides Fundament geben zu lassen. Er tauschte das süße Leben eines Superstars gegen die anonyme Existenz eines Schauspielschülers. Nicht weniger als zehn Jahre verbrachte Sailer in Berlin-Steglitz, lernte zudem Englisch und Französisch. Als Theaterschauspieler feierte er bald mit Rollen in Boulevardkomödien, aber auch in Goldoni-Klassikern und  in Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ Erfolge u. a. am Stadttheater Luzern.

Die positive Kritik eines Journalisten der „Neuen Zürcher Zeitung“, der nach Luzern gekommen war, um den ehemaligen Skistar scheitern zu sehen, zählte Sailer zu den Highlights seines nicht gerade ereignisarmen Lebens. In Sigi Bergmanns Sailer-Hagiografie bedauerte Bruder Rudi diesen mangelnden Geschäftssinn mit Pathos. „Diese Entscheidung für Berlin war auch der Tod des Multimillionärs Toni Sailer. Man muss doch bedenken, er war nach dem Kaiser die bekannteste Persönlichkeit des japanischen Reiches. Er war ein Gott, aber als ein Gott musst du dich anbeten lassen, wenn ich das so salopp sagen darf. Und du musst einen Opferstock vor deinem Thron aufstellen. Wenn du aber auf die Schulbank zurückkehrst, wirst du von der Gottheit zum Taferlklassler. Ihm war das völlig egal.“

Innigkeit und Charisma. Auch seine Sängerkarriere lenkte Sailer mit Gefühl statt mit Kalkül. Die leichten Melodien von Franz Grothe, der in den Zwanzigerjahren Ohrwürmer wie „Frauen darf man nie fragen“ für Richard Tauber produziert hatte, passten perfekt zu Sailers Image als sensiblem Naturburschen. Willy Dehmels romantische Liedtexte tändelten stets mit einem letzten Geheimnis, das sich erst im Kopf des Hörers auf die je eigene Weise auflöste. Für die aufwendigen Arrangements waren Granden wie Bert Kaempfert, Carl de Groof und Hans Hammerschmidt verantwortlich. Hans Hammerschmidt, der bewährte musikalische Komplize von Hildegard Knef, komponierte Sailer 1964 den großen Hit „Am Fujiyama blüht kein Edelweiß“. Obwohl sein Stimmumfang eher bescheiden war, verstand es Sailer mit seinem innigen Gesang sein persönliches Charisma zu kommunizieren. Die vom Liebhaberlabel „Bear Family“ kurz nach dem Tod von Sailer herausgebrachte Kompilation „Der schwarze Blitz“ ist schönes Zeugnis für eine Ära, die nicht nur aus heutiger Perspektive beschaulicher und unschuldiger war. So unbeschwerte Lieder wie „Tiroler Hula-Hoop“ und „Immer wenn es schneit“ kann man auch heutzutage mit Gewinn hören. Im Lichte all der Tragödien im späten Leben Sailers machen gerade diese Lieder nicht bloß melancholisch, sondern mahnen, dass man das Leben genießen soll, solange sich die Gelegenheit dazu bietet.

TIPP
Als CD: „Der schwarze Blitz“, Toni Sailer, Bear Family Lotus
Als Buch: „Sonntagskind“ von Sigi Bergmann, Seifert-Verlag

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