"Taub könnte ich nicht mehr schreiben"

02.02.2013 | 18:12 |  von HANNES GAMILLSCHEG (KOPENHAGEN) (Die Presse)

Der dänische Bestsellerautor Jussi Adler-Olsen spricht mit der "Presse" über den Star-Fußballtrainer Josep Guardiola und wiederkehrende Schreibblockaden.

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Herr Adler-Olsen, der ehemalige FC-Barcelona-Trainer Pep Guardiola geht nach München, was wird das werden?

Jussi Adler-Olsen: Oh, das wird wunderbar. Das muss man sich vorstellen: Die Bayern spielen Tiki-Taka. Wer soll sie da noch schlagen? Ich habe eine Wohnung in Barcelona, und als Barça gegen Leverkusen spielte, saß ich in der ersten Reihe. 7:1, fünf Tore Messi, alle brüllten vor Freude, selbst meine Frau, die von Fußball überhaupt nichts versteht. Aber als Leverkusen ein Tor schoss, standen die 100.000 im Camp Nou auf und klatschten Beifall. Das ist Guardiolas Geist, und den bringt er nach München mit.

 

Ich frage Sie zu Guardiola, weil ich einmal las, dass Sie am liebsten auf dem Sofa lägen, um sich die Champions League anzuschauen, statt Bestseller zu schreiben.

Aha, Sie haben von meiner Faulheit gehört. Ja, ich bin faul, aber ich habe von meinem Vater gelernt. Der hat sein Leben lang gearbeitet, und als ich ihn fragte, warum, er hatte doch alles, da sagte er: Damit protestiere ich gegen meine Faulheit. Zwei Dinge halten den Menschen lebendig, Neugier und Kreativität, und ich habe beides in Fülle.

 

Dennoch: Sie sind 62, hätten Sie Ihren Erfolg nicht lieber mit 40 gehabt und könnten sich jetzt zur Ruhe setzen?

Mit 40 hätte ich nicht tun können, was ich jetzt tue. Ich war 39, als ich meinen Sohn bekam, der schlief nie. Ich wachte mit ihm auf dem Bauch die Nächte durch, schaute MTV, Nothing Compares 2U and all that stuff. Ich las eine Menge Zeug, das ich nicht mochte, und lernte unheimlich viel davon. Vorher war ich ein großer Egoist, jetzt lernte ich, an andere zu denken. Als ich 17 war, sagte mein Vater: Jussi, tu, was dir Spaß macht, du hast viele Talente, nutze sie, eins nach dem anderen. Das hab ich getan und habe immer Spaß gehabt.

 

Jetzt sind Sie ein Autor mit Millionenauflage und globaler Verbreitung, hat dieser Erfolg Sie verändert?

Ich glaube, ich kann sagen: Ich habe mich nicht verändert. Sicher, ich kann jetzt zu Hause bleiben und muss nicht ins Büro gehen, ich kann bis Mittag in Pyjamas rumlaufen. Aber ich hatte das Glück, dass schon mein erstes Buch ein Erfolg war, nicht toll, aber ich konnte davon leben. Dann schrieb ich zwei weitere internationale Thriller und lebte sehr gut davon. Eines Tages kam Rumle Hammerich, der Regisseur, der die Beck-Filme gedreht hat, und fragte mich: Jussi, warum schreibst du nicht eine Krimiserie. Nein danke, sagte ich, ich hasse Krimis. Er schaute mich an: Aber interessiert bist du doch.

 

Dann erfanden Sie das Sonderdezernat Q?

Dann erfand ich Carl Mørck, einen Typen, den sein Job anwidert, der alles tut, was man im Polizeikorps nicht tun darf und nur darauf wartet, dass er gefeuert wird. Ihm gab ich Assad zur Seite, der verdankt sein Leben einem Taxifahrer. Ich wohne ziemlich weit vom Flughafen entfernt, und auf der Heimfahrt kann man lange Gespräche führen. Und dann kam Rose hinzu, weil ich Chaos brauchte, und dafür sorgen die Frauen. Ich habe die Ambition, dass jedes Buch ganz anders sein soll als die anderen, auch wenn sich durch alle zehn Bände ein roter Faden zieht. Das ist, was mich antreibt.

 

Und der finanzielle Erfolg?

Geld ist nicht mehr wichtig, wichtig ist, was man damit anfängt. Ich habe zwei Firmen gegründet, eine baut ein Null-Energie-Haus, mit Erfolg, die andere schafft Software-Jobs für smarte Jungs. Ich baue gern auf. Aufhören ist niederreißen. Oft brauche ich mehr Zeit für alles andere als fürs Schreiben, vor allem die Promotion ist aufwendig, wenn ich wieder in einem neuen Land lanciert werde. Im vergangenen Jahr fehlte mir im August noch das halbe Buch, und bis Oktober musste ich das Manuskript abliefern. Aber dann setze ich mich hin und schreibe Tag für Tag elf Stunden am Stück. Das ist toll, da fühlt man, dass man arbeitet.

 

Schreibblockaden kann man sich dann keinesfalls leisten.

Da helfen mir zwei Dinge. Erstens die Musik. Ich lege eine CD ein, setze den Kopfhörer auf und beginne zu schreiben. Das kann Mozart sein, Filmmusik, Hendrix, egal. Aber nur eine CD in der Endlosschleife den ganzen Tag. Ohne Kopfhörer geht gar nichts. Wenn ich eines Tages taub würde, könnte ich nicht mehr schreiben.

 

Und zweitens?

Habe ich meine Tricks. Ich sitze immer am selben Schreibtisch, mit einem Laptop von 1992 und vorsintflutlicher Software. Wordperfect von 1997. Mit den neuen Schreibprogrammen blufft man sich selbst. Das sieht alles so schön aus, feine Schrift auf weißem Grund, tolles Layout, und du merkst nicht, dass das, was du schreibst, Scheiße ist. Bei mir ist alles hässlich, weiße Buchstaben auf blauem Grund. Da muss der Text gut sein, sonst ist das nicht auszuhalten. Und dann höre ich immer eine halbe Seite zu früh auf. Die schreib ich am nächsten Tag fertig, und schon bin ich in Gang.

 

Sie sind seit 40 Jahren mit Ihrer Frau zusammen. Welchen Einfluss hat sie denn auf Ihre Bücher?

Seit 42! Einen enormen! Sie mistet den Bullshit aus. Ich schreibe einen Teil des Buchs, dann beginnt sie zu lesen, Kapitel für Kapitel, und dann setzen wir uns hin und gehen sie gemeinsam durch. Wenn sie sagt: Diese Person sagt mir nichts, dann kommt sie weg. Das ist hart, wenn das im dritten Kapitel passiert und ich bin schon in Abschnitt 38. Aber ich vertraue ihrem Urteil blind.

 

Ihre Bücher haben im Dänischen prägnante Titel wie „Die Frau im Käfig“ oder „Die Fasanentöter“ oder „Journal 64“. Aber in der deutschen Fassung wird dann „Erbarmen“ oder „Erlösung“ oder „Verachtung“ draus. Warum diese Abkehr vom Original?

Da hat der Verlag sicher auf Stieg Larssons Erfolg geschielt, dessen Bücher im Deutschen ja auch Ein-Wort-Titel wie „Verblendung“ oder „Verdammnis“ bekamen, auch wenn sie eigentlich „Männer, die Frauen hassen“ hießen oder „Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte“. Aber das wird jetzt geändert, der fünfte Band heißt im Dänischen „Der Marco-Effekt“, und so wird er auch im Deutschen heißen. Das andere ist ja Unfug, die Titel haben nichts mit dem Inhalt zu tun, und die Leser können sie nicht unterscheiden.

 

Ob Sie es wollen oder nicht, Sie sind Teil der skandinavischen Krimiwelle. Haben Sie nette oder giftige Worte über Ihre Kollegen?

Nein, tut mir leid, ich habe gar keine, denn ich habe keinen von ihnen gelesen, keinen Stieg Larsson, keinen Mankell, keinen Jo Nesbø. Absichtlich nicht, weil ich immer Angst hätte, dass sie mich inspirieren. Wir alle haben dieselben Helden, wir alle sind Kinder von Sjöwall/Wahlöö, die in den 1970ern den Kriminalroman neu erfunden haben mit ihrem Sozialrealismus und ihrem politischen Inhalt. Von ihnen haben wir gelernt, jetzt ist halt Skandinavien trendy. Aber Trends verändern sich, nun kommen die Japaner. Aber ich habe vor, mich am Tisch festzukrallen.

 

Fünf Bände aus dem Sonderdezernat Q sind erschienen, zehn sind geplant. Schreiben Sie am sechsten?

Ich sollte. In 14 Tagen fange ich an, ich muss. Jetzt schreibe ich an der Synopsis, aber ich weiß noch nicht, wie ich alle Probleme löse. Dann kommen fünf Monate, in denen ich nur schreibe.

 

Wissen Sie schon, wie es danach weitergeht?

In großen Zügen ja, die Bände sieben bis neun erzählen die Geschichten von Carl Mørck, von Assad, von Rose. Aber über die Fälle, die sie lösen sollen, bin ich noch unschlüssig, ich habe elf „Cases“ im Köcher, mal sehen, was herauskommt. Dann zum Finale das große Feuerwerk. Aber wenn ich zwischendurch merken sollte, dass die Leute meine Geschichten nicht mehr lesen wollen, höre ich auch früher auf. Doch ehrlich gesagt: Ich glaube, dass das Interesse noch fünf Jahre anhält. Mein Plan heißt: Jedes Jahr ein Buch.

 

Im Oktober kommt der erste Film in die Kinos. Wie viel haben Sie damit zu tun?

Gar nichts. Ich habe die Rechte für die Verfilmung der ersten vier Bücher verkauft. Was die draus machen, ist nicht meine Sache. Das würde ich nicht wieder tun, aber ich lerne ständig dazu, auch beim Schließen von Verträgen. Der Film ist eine dänische Produktion mit Nicolaj Kaas in der Hauptrolle, der in Dänemark genauso populär ist wie Mads Mikkelsen. In Deutschland wird das natürlich synchronisiert. Aber ich könnte mir gut eine deutsche Fernsehversion vorstellen, die in Hamburg spielen könnte, dort ist es ja schon fast skandinavisch. Mit Peter Lohmeyer als Carl Mørck: Das würde mir gefallen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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