Louise Jacobs: Bittere Jugend, frisch gebrüht

02.02.2013 | 18:13 |  von Karl Gaulhofer (Die Presse)

Lernschwäche, Magersucht, Psychose: Kaffee-Erbin Louise Jacobs scheiterte an den Erwartungen ihrer Familie – und rettete sich schreibend selbst.

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Mit achtzehn war Louises Leben fast schon am Ende. In einer psychiatrischen Klinik magerte sie auf Haut und Knochen ab, wog nur noch 38 Kilo. Auch die anderen Patienten hungerten, fraßen und erbrachen, schnitten sich die Arme auf. Mit ihrem Scheitern erstritten sie die Aufmerksamkeit der Ärzte. „Ich war umgeben von gebrochenen Menschen, die gar nicht mehr rauskommen wollten“, erzählt Louise heute, zwölf Jahre später, in Berlin. Sie kam heraus, aus eigener Kraft. Zerbrechlich, verletzlich wirkt sie noch immer. Doch über die Hölle der Jugend spricht eine willensstarke Frau, die ihren Weg gefunden hat.

Niemals wird sie Firmen gründen, kaufen, fusionieren. Sie hat – was in ihren Kreisen das Mindeste wäre – nicht einmal studiert. Sie schreibt, malt, ist frei wie der Cowboy, der sie immer werden wollte. Soeben erscheint ihr drittes Buch, eine Aufarbeitung des pubertären Martyriums. Schon mit einer Familiengeschichte hat sie ihren diskreten Clan ins Feuilleton gehievt. Stur und mit Erfolg. Eine echte Jacobs eben.

Gut kaschierter Reichtum. Louise Jacobs ist Miterbin von einem der größten Vermögen Deutschlands. Ihr Großvater baute nach dem Krieg die erfolgreichste Kaffeerösterei des Landes auf. Doch ihre Eltern, die in der Schweiz leben, waren peinlich darauf bedacht, den Reichtum vor den sechs Kindern zu verbergen. In der Garage des Hauses bei Zürich stand ein Passat. Die Mutter kochte selbst, zu Weihnachten spülten alle gemeinsam das Geschirr ab. Von Glanz und Glamour keine Spur. „Ich muss meinen Eltern zugutehalten, dass ich damit nie in Berührung kam“, räumt Jacobs ein.

Nein, sie erzählt nicht vom goldenen Käfig, aus dem nur Kranke ausbrechen. Auch nicht vom goldenen Löffel, von dem die Prinzessin nichts mehr essen wollte. Selbst der wohlfeile Trost, dass Geld nicht glücklich macht, bleibt dem Leser von „Fräulein Jacobs funktioniert nicht“ verwehrt. Darin liegt der praktische Wert der literarischen Diagnose: Was das Mädchen erlebte, kann jedem besseren Mittelschichthaushalt blühen. Es geht um den üblichen Druck wohlwollender Eltern: Mach die Schule, mach das Gymnasium, mach was aus deinem Leben. „Die Maßstäbe standen immer im Raum.“

Doch die Hürden des Systems erwiesen sich rasch als zu hoch. Weil ihre Gedankenwelt eine Flut von Bildern ist, erlebte Louise geschriebene Worte als Fremde, Zahlen als Feinde. Legasthenie und Dyskalkulie lautete die Diagnose schon in der Volksschule. Immer neue Therapeuten mühten sich eifrig, ihr die Lernschwäche auszutreiben, machten das Kind zum Casus: „Die wollten mir meine Art des Denkens klauen.“ Den Bach, der sich an der Quelle noch fröhlich wand, sollte die pädagogische Gewalt begradigen.

Das Kind versuchte die Flucht, zuerst aus seinem Geschlecht. Es wollte ein Bub sein, raufte auf dem Schulhof, tobte auf dem Fußballplatz, sprang mit den Skatern um die Wette. Doch die zähe Plage um den Aufstieg in die nächste Klasse fraß bald jeden Freiraum auf. Nur auf Reisen zur Ranch in Vermont fühlte sich Louise noch frei. Als sich mit 16 die Möglichkeit auftat, dort ein Jahr auf einer Highschool zu verbringen, „war ich voller Hoffnung, die alte Louise abzulegen“. Die neue wollte tüchtig lernen, Hockey spielen, sich integrieren.

Doch der Versuch misslang. Dass sie mit dem coolen Footballspieler Schluss machte, weil sie sich für Sex noch nicht reif fühlte, stempelte sie „zum fremden Vogel“. In der Isolation meldete sich der „Selbsthass gegen das schwache, therapierte Ich“ zurück – und wandte sich gegen den Körper. Nichts mehr essen, sich reduzieren auf die Träume im Kopf. Sich tödlich schwächen und so letzte Stärke beweisen: „Es gehört ja ein extremer Wille und totale Kontrolle dazu, den Urtrieb der Nahrungsaufnahme zu stoppen.“

Der Mut, gesund zu sein. Wie kommt man da raus? Die Botschaft für Magersüchtige klingt fast paradox: Zwar liegen die Ursachen immer im Umfeld. „Viele lügen sich etwas vor, weil sie den Fehler bei sich suchen“ – und glauben, sich so selbst heilen zu können. Aber den großen Schritt muss jeder allein gehen: „Es braucht die Bereitschaft, gesund sein zu wollen.“ Bei Louise erwachte sie, als ihr ein Klinikarzt an den Kopf warf, sie sei ein Angsthase, der vor dem Leben die Flucht ergreift. Da wurde ihr klar: „Ich habe doch Ziele, ich will etwas schaffen.“ Louise schaffte 50 Kilo, wurde entlassen und setzte sich erstmals gegen ihre Eltern durch: Nein, kein Internat, die Matura würde sie in Berlin machen. Hier lebt sie noch heute, als alleinerziehende Mutter eines zweijährigen Sohnes. Er trägt nicht den großen Namen. Ob er diese Lust oder Last übernehmen will, soll er später selbst entscheiden.

An den Ärzten übt Jacobs Kritik: „Ich war für sie ein Objekt“, das notfalls „durch Medikamente gefügig gemacht wird“. Gegen Vater und Mutter hegt die Autorin aber keinen Groll: „Ich finde es arm und kindisch, wenn Erwachsene ihren Eltern den Rucksack vorwerfen, den sie schleppen. Vielleicht habe ich die Auseinandersetzung gebraucht, um diese Energie zu entwickeln.“

Das viele Geld blendet die Kaffee-Erbin nun selbst aus, sie lebt vom Verlagshonorar. Das Schwelgen im Luxus kennt sie zwar aus anderen Teilen ihrer Familie, aber „es macht mich traurig, weil es total hohl ist“. Als nächstes schreibt sie einen Westernroman. Vorigen Sommer hat sie die Green Card beantragt. Ihr Traum bleibt eine Farm in Montana, die große Freiheit der Cowboys. Wie gewünscht funktionieren wird Fräulein Jacobs nie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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