Martina Gedeck: "Der Mensch ist ein Rätsel"

09.02.2013 | 18:20 |  von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

In dem Film "Die Auslöschung" ist Martina Gedeck diese Woche im ORF zu sehen. Ein Gespräch über Alzheimer und Sterbehilfe und die Unmöglichkeit, einen Menschen wirklich zu kennen.

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Martina Gedeck ist eine Art Antistar. Sie spricht wenig über sich, aber gern über ihre Arbeit. Und die wird regelmäßig gefeiert: zuletzt für die Verfilmung von Marlen Haushofers Roman „Die Wand“, aber auch für den „Baader-Meinhof-Komplex“ oder „Das Leben der anderen.“ Am Mittwoch ist die 51-Jährige im ORF mit Klaus Maria Brandauer in „Die Auslöschung“ zu sehen.

„Die Auslöschung“ erzählt, wie ein Mensch mit Alzheimer aus dem Leben verschwindet. Eine Horrorvorstellung für Sie?

Martina Gedeck: Ich muss sagen, ich denke nicht darüber nach. Das bringt nichts. Ich habe genug, auf das ich mich konzentrieren muss, vieles, das mich interessiert, was ich noch machen will. Aber ich habe mich natürlich im Zusammenhang mit dem Film mit Alzheimer beschäftigt. Das musste ich notgedrungen, weil ich in meinem eigenen Leben keine Erfahrung damit habe.

 

Der Gedanke, dass am Lebensende im Zweifelsfall noch etwas Schlimmes auf einen wartet, ist doch beängstigend.

Ja, wobei ich sagen muss: An den schwierigen, schwer zu tragenden Dingen entwickelt man sich halt auch weiter. Die Vertiefung, die stattfindet im Wesen eines Menschen, hat ja oft mit Leid oder Schmerz zu tun. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich irgendwann nicht mehr gehen kann, rennen kann. Allein das kommt mir jetzt schon komisch vor. Aber der Punkt wird irgendwann da sein. Es ist eigenartig, dass man im Leben eigentlich ganz verschiedene Leben lebt. Als ich 20 war, habe ich mir auch nicht vorstellen können, dass ich jetzt hier sitzen würde.

 

...um über einen Film zu sprechen, der auch eine Liebesgeschichte ist.

Ist er. Das Schöne für mich war die Begegnung mit Klaus Maria Brandauer. Ich habe das bisher fast gar nicht erlebt, dass es eine solche Art von Zusammenspiel gibt und wirkliches Miteinander vor der Kamera. Das ist für mich ein richtiges Geschenk gewesen.

 

Muss man Dinge, die im Alter lauern, bedenken, bevor man eine Partnerschaft mit einem großen Altersunterschied eingeht?

Ich würde nicht darüber nachdenken, und ich habe es ja auch nicht getan. Auch meine Bekannten, die in solchen Beziehungen sind – da denkt keiner drüber nach. Vor allem: Man weiß es ja nicht. Das ist ja eigentlich auch eine Gnade. Und es kann ja auch gut gehen. Oder umgekehrt gehen: dass man selbst plötzlich krank wird, obwohl man jünger ist, oder dass man früh verstirbt.

Bei einer Krankheit wie Alzheimer tauchen Fragen auf wie: Wie lang ist ein Mensch der, den man kennt und liebt? Haben Sie sich mit solchen Fragen beschäftigt?

Für mich ist der Mensch immer ein unergründliches Rätsel. Für mich offenbart sich der Mensch nie als jemand, den ich abschließend festmachen könnte. Auch wenn ich glaube, einen Menschen gut zu kennen, weiß ich, dass ich ihn nicht kenne. Jeder Mensch fühlt sich selbst anders, als er gesehen wird. Das Kind versteht man nicht, obwohl es mit allem ausgestattet da steht und eine Persönlichkeit ist. Insofern schließt sich da für mich auch der Kreis. Ich finde, wenn Menschen sich nicht mehr in der gängigen Kommunikation mitteilen können, dann gibt es vielleicht andere Möglichkeiten als über den Verstand. Ich habe das nie erlebt, insofern kommt es mir ein bisschen albern vor, da spekulativ zu sprechen. Vor allem, wenn ich weiß, dass viele Leser dieses Schicksal erleiden und ganz anders darüber sprechen können. Ich kann nur sagen, ich würde es mir wünschen, dass viele es doch schaffen, den Kontakt und ihr Gefühl zum anderen zu halten. Aber es gibt sicher auch den Punkt, an dem man es nicht mehr schafft.

Dem anderen notfalls auch aus dem Leben zu helfen – ist das für Sie eine legitime Option?

Das muss jeder für sich entscheiden. Ich kann es dann sagen, wenn ich in der Situation bin. Dann können wir uns wieder unterhalten (lacht).

Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich im Fernsehen freigespielt hätten. Sind Filme wie die „Auslöschung“ ein Beispiel dafür, was Fernsehen kann?

Film hat mich schon befreit. Ich habe mich immer ausprobieren können, meiner Fantasie Gestaltung verleihen können. Dieses feinmechanische, zarte, filigrane Spiel, das man braucht, führt zu einer großen Wahrhaftigkeit. Vor der Kamera musst du einfach Farbe bekennen. Das Gesicht spricht, die Augen sprechen in die Kamera, da muss man lernen, sich nicht zu verstellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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