Wie war es mit der Familie zusammenzuarbeiten bei den Dreharbeiten zu "Meine Schwester"?
Maresa Hörbiger: Das erste was mir dazu einfällt ist, dass meine Schwester Christiane und ich noch nie vorher beruflich etwas zusammen gemacht haben, weder im Theater noch beim Film. Das war schon mal eine unglaubliche Premiere für uns.
Eigentlich kaum zu glauben ...
Ja, wir werden auch ständig gefragt, warum das nicht schon früher der Fall war, aber so hatten wir eben jetzt das Erlebnis und waren noch nicht daran gewöhnt. Ich kann meiner Schwester Christiane nur beipflichten, wenn sie sagt, wir mussten uns erst in die Augen schauen, um zu sehen, ob wir uns auch in den jeweiligen Rollen sehen können, das war ja nicht so leicht.
Glaubt man sich die Rollen gegenseitig eher, wenn man sich gut kennt?
In dem Fall war es sicher schwerer, weil wir noch nicht miteinander gearbeitet hatten. Genau genommen waren zwei Barrieren zu überwinden, einmal die private, schwesterliche Barriere, und dann die Barriere, die man eigentlich immer hat, wenn man sich auf sein Gegenüber neu einstellen muss und dabei trotzdem seine Rolle zu wahren hat. Dabei hat uns aus meiner Sicht ganz besonders der Regisseur und Drehbuchautor des Films, mein Neffe Sascha Bigler, geholfen, der natürlich sehr vertraut war mit den Rollen.
Der Film hat etwas sehr Surreales und Finsteres.
Ja, der Film hatte auch etwas von einem Thriller, aber gleichzeitig spürte man auch den morbiden Charme des alten Wien, diese Sehnsucht nach den längst vergangenen Zeiten mit den altmodischen Filmen. Es gibt heute noch ein ganz bestimmtes Kino in Wien, das im Film auch vorkommt, wo sich die älteren Herrschaften völlig der Nostalgie ergeben.
Wie war es, so eine richtig böse Frau spielen zu dürfen?
Ich hatte einmal das Vergnügen, obwohl ein Vergnügen war es anfänglich nicht, ein Stück mit dem Titel "Am Ziel" von Thomas Bernhard spielen zu dürfen. Und da gibt es eine ältere Frau, die wirklich ein Monster ist, böser kann man sich's kaum vorstellen.
Ihre Schwester Christiane Hörbiger steht sehr im Fokus der Öffentlichkeit. Stören Sie diese ständigen Vergleiche zwischen Ihnen und Ihrer Schwester?
Sie stören mich nicht, weil ich erstens einen anderen Weg gegangen bin, und zweitens habe ich aus unserem Elternhaus ein sogenanntes "Hörbiger Haus" gemacht und das "Theater zum Himmel" gegründet. In diesem Theater habe ich mir ein kleines Team aufgebaut und etwas vollkommen Eigenes geschaffen.
Woher hatten Sie den Mut so etwas auf die Beine zu stellen?
Das frage ich mich jetzt eigentlich auch. Im Nachhinein überlege ich, ob es wirklich Mut war.
So ein Haus hat sicher eine enorme Kostenseite, die es auch erst einmal zu bewältigen gilt?
Es war sehr wohl eine Kostensache und ist auch nichts, um damit reich zu werden. Aber nachdem ich ein Stück Idealismus in mir gefunden hatte, wollte ich ihn auch ausleben und tue es immer noch. Bei mir treten viele Schauspieler auf, von Gert Voss über Otto Schenk und Erika Pluhar bis Michael Heltau und etlichen anderen, worüber ich sehr froh bin, da ich keine großen Gagen bezahlen kann.
Sind Sie eine gute Prinzipalin?
Ich weiß es nicht, Bürokram ist nicht gerade meine Stärke, aber ich habe eine sehr gute Geschäftspartnerin Katharina Stockinger, die genau das kann, was ich nicht kann, und da lernen wir von einander vice versa. Ich versuche mich künstlerisch auszuleben und kümmere mich um die Engagements der Künstler und die Programmgestaltung, und Kathi hat neben der Geschäftsleitung des Theaters jahrelang in meinem Haus Kindertheater gemacht, und nun das Junge Ensemble Hörbiger gegründet.
Tut es Ihnen leid, dass Sie erst so spät mit dem Filmen begonnen haben? Sie hätten ja auch eine lukrative Filmkarriere machen können.
Ja, das stimmt, aber es war so. Und was ich jetzt sage, ist auch nur ganz subjektiv aus meiner Sicht, und nicht etwa aus der meiner Schwestern. Ich habe von meiner Kindheit an gewusst, was ein Defizit für Kinder bedeutet. Ich möchte das jetzt gar nicht dramatisieren, aber für mich war es schon sehr wichtig, dass ich ein bisschen unter dem Schutz des Burgtheaters war. Natürlich ging es auf und ab, aber dafür konnte ich auch immer bei meinem Kind bleiben, solange bis es erwachsen war. Das ist jetzt natürlich auch schon einige Jahre her. Grundsätzlich hätte ich mir schon vorstellen können, früher mit dem Filmen anzufangen, aber nicht Jahrzehnte früher.
Wollten Sie wegen des Kindes aus organisatorischen Gründen lieber nicht auf Reisen gehen?
Ja, denn ich wusste ganz genau, was es bedeutet als Kind zurückzubleiben, wenn die Eltern nicht da sind. Und ohne Kind auf Reisen zu gehen ist nun mal ein Zurückbleiben für das Kind, das ist gar keine Frage. Sicher kam anschließend auch eine Zeit, in der mein Sohn Manuel sich weiß Gott gewünscht hätte, dass ich weniger daheim gewesen wäre, aber ich habe den Übergang eben nicht so schnell gefunden.
Ärgert man sich als Kind, wenn die Leute in der eigenen Mutter immer den Star sehen, und man selber weiß, dass sie nie Zeit für einen hat?
Ja, dann ärgert man sich schon. Die Leute haben tatsächlich immer gesagt "die tolle Paula Wessely". Ich habe mir damals gedacht, OK, für die Leute mag das so sein, aber wir haben sie halt zu wenig gehabt und nicht wirklich eine Beziehung zu ihr aufgebaut. Was ich mit meinem Sohn allerdings sehr wohl getan habe.
Nicht jeder könnte so offen über seine Kindheit sprechen, dazu gehört schon einiges.
Ja, ich musste auch erst lernen darüber zu sprechen. Denn es tut schon manchmal weh sich wirklich anzuschauen wie es war. Aber im Endeffekt ist es dann doch gut diesen Schritt getan zu haben. Es gibt einen tollen Satz von Bertolt Brecht, der heißt "Realität ist gut". Und ich habe mich auf meine Weise nach diesem Satz gerichtet.
Sie haben eine große Ähnlichkeit mit Ihrem Vater Attila Hörbiger.
Das stimmt, wenn ich Bilanz ziehe, dann habe ich mich mit meinem Vater sehr wohl identifiziert, mit seiner großen Lebensfreude und seiner Wandlungsfähigkeit. Es gibt ein Foto, das ich ausgestellt habe, bei dem ich immer wahnsinnig lachen muss, es zeigt ihn als er schon sehr alt war, wo er die gleiche Frisur hat wie ich jetzt. Diese weißen Haare, den kurzen Pony frech nach oben gekämmt, und immer wenn ich dieses Foto anschaue, denke ich mir, jetzt sehe ich schon aus wie mein Vater.
Fast wie eine Punkfrisur.
Ja, es ist ein bisschen eine Punkfrisur, und ich bin so glücklich damit, weil ich jetzt endlich wenigstens durch meine Frisur zu meiner Frechheit komme, was eigentlich auch immer mein Wunsch war. Ich wollte sagen, was ich denke, und mittlerweile bin ich soweit, dass ich es mir leisten kann unangepasst zu sein. Auch, wenn manche Leute genau das Gegenteil gesagt haben und die Frisur furchtbar fanden, wie zum Beispiel dieses ganze bürgerliche Feld auf dem Opernball. Die haben sich total erschrocken bei meinem Anblick. Ich genieße es heutzutage regelrecht gegen das Konservative in Wien ein bisschen zu revoltieren, und hoffe, dass es nicht lächerlich wirkt.
Haben Sie das Theaterleben Ihrer Eltern auch weitergeführt, um nichts Vertrautes aufgeben zu müssen?
Das ist sicher richtig, aber ich habe auch immer gedacht, dass es noch etwas anderes geben müsste. Und als ich dann das Elternhaus geerbt habe, wollte ich etwas machen, das noch niemand aus meiner Familie gemacht hat, und gründete mein kleines Unternehmen. Und das macht mich so glücklich, weil ich merke, da gibt es noch ein anderes Talent, die Freude ein kleines Team auf Augenhöhe zu führen und mit ihm etwas zustande zu kriegen, was nicht unmittelbar mit mir selber als Darstellerin zu tun hat, sondern einfach mit anderen Menschen. Außerdem konnte ich so im Haus bleiben, auch wenn es manchmal schwierig ist Privates und Theater miteinander zu verbinden, aber ich mache es, weil ich weiß, dass es natürlich einen gewissen Reiz für die Zuschauer hat.
Die sind vermutlich neugierig?
Ja, genau, aber dann gibt es irgendwann einen Punkt, an dem alle schon mal da waren und geschaut haben, und wenn der Moment vorbei ist, muss man sich künstlerisch beweisen. Aber ich glaube, das ist uns gelungen, weil das Theater einfach ausverkauft ist, was mich freut.
In einem Interview sagten Sie, dass Sie Ihrem Vater seinen Lebenswandel nicht so hätten durchgehen lassen wie Ihre Mutter. Haben Sie ihm auch mal die Meinung gesagt?
Da sprechen Sie etwas an, von dem ich jetzt so bereue, dass es nicht stattgefunden hat. Ich hätte so gerne gehabt, dass es diese Aussprachen gegeben hätte, aber ich war damals einfach zu eingeschüchtert.
War es so schlimm?
Damals habe ich das gar nicht als so schlimm empfunden, nur, wenn ich jetzt darüber nachdenke, hätte ich mich wahnsinnig gerne mit meinem Vater und auch mit meiner Mutter auseinandergesetzt. Aber die haben das irgendwie nicht zugelassen, ich habe mich zwar mit meinem Vater über Religion usw. ganz gut unterhalten, aber es gab nie eine wirkliche Konfrontation. Dabei lernt man sich viel näher kennen, wenn man den Mut dazu hat, sich auch mal die Meinung zu sagen. Aber weil es nie zu spät ist, versuche ich wenigstens jetzt im Leben Mut zu haben. Meine Schwester und ich wurden schon oft gefragt, ob wir uns früher auch gestritten hätten, und da war ich in der Rückschau wirklich erstaunt, dass wir tatsächlich nie gestritten haben. Was wäre schließlich dabei gewesen? Dann hätte man sich eben hinterher wieder versöhnt.
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