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Peter Seewald: "Ich bin kein rechter Knochen geworden"

23.02.2013 | 17:26 |  (Die Presse)

Der Münchner Autor Peter Seewald, einst Revoluzzer und jüngster Redakteur beim Nachrichtenmagazin »Spiegel«, trat nach der Begegnung mit Joseph Ratzinger wieder in die Kirche ein. Der Ex-Kommunist wurde zum publizistischen Sprachrohr von Benedikt XVI., sie haben mehrere Bücher verfasst.

Sie gelten als Papst-Vertrauter. Hat Sie die Meldung von seinem Rücktritt überrascht?

Peter Seewald: Ich war schockiert, wie Millionen anderer Menschen auch. Der Papst hat mir zwar bei unseren letzten beiden Gesprächen eröffnet, dass er sich ausgeschöpft fühlt und kräftemäßig nicht mehr in der Lage sieht, ein erfülltes Pontifikat auszuführen. Aber ich habe gehofft, dass er sich schnell wieder erholen wird. Er hat seine Kräfte nie besonders hoch eingeschätzt. Schon bei seiner Berufung zum Bischof von München hat er gemeint, dass sein gesundheitlicher Zustand nicht der allerbeste sei. Da war er 50 Jahre alt.


Das klingt so, als wäre er wehleidig.

Im Gegenteil. Er ist kein Hypochonder und schon gar niemand, der klagt oder lautstark jammert. Er ist seit fast 70 Jahren im Dienst der Kirche und war in der Zeit seines Pontifikats nie krank. Papst Benedikt ist quasi ein Vorbild für jeden Arbeitnehmer.


Im Bayerischen Rundfunk haben Sie gemeint, der Papst habe depressiv auf Sie gewirkt.

Bei unserem Gespräch im letzten Sommer war er schon sehr, sehr niedergeschlagen. Damals hatte er aber auch gerade sein Jesus-Buch vollendet. In so einer Situation fällt auch jeder Schriftsteller zuerst einmal in ein Loch. Joseph Ratzinger war aber immer ein Mann, der sich schnell regenerieren konnte.


Es kursieren wilde Verschwörungstheorien. Haben Sie mit dem Papst jemals über Mobbing und Machtspiele gesprochen?


Das war kein großes Thema. Mittlerweile gewinnt man jedoch den Eindruck, als gäbe es im Vatikan nur Hauen und Stechen. Das ist Unsinn. Natürlich gibt es unterschiedliche Flügel und nach wie vor die Mentalität, der Vatikan müsse von Italienern dominiert werden. Aber dort tun durchaus ehrbare Menschen ihren Dienst.


Sie sind in der Bischofsstadt Passau aufgewachsen und mit 18 Jahren ganz bewusst aus der Kirche ausgetreten. „Hohl“ und „verlogen“ fanden Sie Kirche damals.

Wenn man sich dem dialektischen Materialismus zuwendet und aktiv als Kommunist unterwegs ist, dann passt es nicht, Mitglied der katholischen Kirche zu sein. Allerdings war das Erscheinungsbild der Kirche in dieser Zeit für einen 18-Jährigen auch alles andere als anziehend. Was hat sich seither geändert? Meine Perspektive. Ich habe angefangen, mich wieder mit der Kirche zu beschäftigen, als ich gesehen habe: All das, wovon ich als Linksradikaler geträumt habe, hat nicht zu einem zivilisatorischen Fortschritt führt. Ganz im Gegenteil. Die kommunistische Ideologie, alle Experimente, sind gescheitert.


Und in dieser Zeit treffen Sie als Journalist auf den deutschen „Panzerkardinal“ Joseph Ratzinger. Wie war die erste Begegnung?


Ich kenne bis heute niemanden, der es einem so leicht macht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er ist nicht nur einer der bedeutenden intellektuellen Köpfe dieser Welt, er ist auch eine Persönlichkeit, in deren Nähe man sich wohlfühlt. Während des Gesprächs habe ich gemerkt: Der hat all diese Dinge auch selbst durchdacht und durchlebt. Joseph Ratzinger gab mir Antworten, die mich überzeugten.


Auf welche Fragen?

Auf die Grundfragen der menschlichen Existenz. Woher komme ich? Wozu bin ich da? Was hält die Welt zusammen? Jeder ist auf der Suche und spürt eine Grundsehnsucht in sich, auch wenn er ihr nicht nachgeht.


Seither sind Sie Katholik, kein Linker mehr?


Ich bin nach wie vor ein kritischer Mensch. Nur habe ich gesehen, dass meine Ideale im Christentum gut aufgehoben sind bzw. daher kommen. Das heißt nicht, dass ich ein rechter Knochen geworden bin. Es gibt unter den Jünger Jesu etliche, die eher dem linksradikalen Lager zuzurechnen sind.


Wie kommen Sie darauf?

Das ist Fakt. Einige der Jünger haben von einem politischen Umsturz geträumt. Man kann es aber auch anders sagen: Das Christentum an sich ist eine revolutionäre Bewegung und weit kritischer als viele andere Bewegungen. Ich habe gesehen, dass unsere Kultur nicht zu höchsten Höhen aufsteigt, seit wir uns davon entfernen. Im Gegenteil. Der Grundwasserspiegel unserer Zivilisation nimmt ab.


Wie haben Ihre Frau und Ihre Söhne auf Ihre neue Entwicklung reagiert?

Begeistert waren sie nicht. Natürlich ist es seltsam, wenn der Mann, der Vater ein Kruzifix an die Wand hängt.


Sie haben Ihre Söhne taufen lassen. Sind sie noch Mitglied der Kirche und religiös?

Ja, absolut. Einer mehr, der andere weniger. Beide haben schon in der Schule mitbekommen, dass es provoziert und Widerstand auslöst, wenn man katholisch ist. Sie haben daher ein ganz anderes Bewusstsein. Für sie ist das nichts Angepasstes oder Reaktionäres.


Sie schreiben, es sei ungleich spannender, nicht so zu leben, als ob Gott nicht existieren würde. Was ist so aufregend?

Als gläubiger Mensch spüre ich Freiheit und Unabhängigkeit im Denken. Ich habe eine andere Dimension zur Verfügung. Wenn ich die nicht hätte, wäre ich eben nur befangen in meiner Karriere, im Alltagskram und den tausend Dingen rundherum, die mir die Luft zum Atmen nehmen.


Vielleicht sagen Sie in 20 Jahren: Mein Christsein war ein Irrtum?

Das ist ausgeschlossen. Dafür gehe ich diesen Weg schon zu lange. Das Christentum ist 2000 Jahre alt und hat sich immer wieder bewähren müssen. Die Lehre Christi wurde richtig hart getestet. Sie hat bestanden. Um es pathetisch auszudrücken: Ich mache jede Woche eine neue Gotteserfahrung.


Was war Ihre Gotteserfahrung der letzten Woche?


Dass es möglich ist, mit immer weniger werdenden Kräften Fragen zu beantworten und Dinge auszudrücken. Ich hatte Anfragen vom Staatsfernsehen aus Moskau bis hin zu Zeitungen aus Argentinien und Chile, insgesamt sicher weit über 100.


Gibt es eine Situation mit Joseph Ratzinger, an die Sie sich besonders gerne erinnern?

Ich hab für unser Buch „Gott und die Welt“ eine Woche mit ihm im Kloster Monte Cassino verbracht. Wir haben Tür an Tür gewohnt, in der Abgeschiedenheit hoch oben auf einem Berg, eingebunden in eine Klostergemeinschaft. Es war faszinieren zu sehen, wie er mit Menschen umgeht und welch bescheidenes Leben er führt.


Er aus Bayern, Sie aus Bayern – hat das zur Verbundenheit beigetragen?


Man versteht sich besser, wenn man die gleiche Sprache spricht. Manchmal war die Abschrift der Tonbänder gar nicht unproblematisch, weil wir doch sehr ins Bayerische verfallen sind. Wir stammen aus dem gleichen Bistum.


Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Ihnen sei die Kritikfähigkeit abhandengekommen, wenn es um den bayerischen Papst geht?


Das ist leicht beantwortet: Da muss man sich nur meine Interviewbücher mit Benedikt XVI. anschauen. Ich wahre eine Grunddistanz und bemühe mich, die Sache ohne ideologische Brille zu betrachten. Ein Grundsatz, der nicht für alle Medienleute gilt.


Wie meinen Sie das?

Ich will das gar nicht vertiefen. Wir werden medienmäßig längst von Praktikanten regiert. Da schreiben unerfahrene Billigkräfte unter Zeitdruck die großen Geschichten. Und es gibt an verantwortlicher Stelle offenbar niemanden mehr, der diesen Irrsinn bremst.


Wird der Papst jemals wieder in seine Heimat zurückkommen?

Er ist mittlerweile halber Römer, verbringt schon den Großteil seines Lebens dort und fühlt sich auch wohl in dieser Stadt. Er hat schon vor langer Zeit angekündigt, dass er nicht mehr nach Bayern zurückkehren wird. Das wäre allein schon wegen der Sicherheitsmaßnahmen gar nicht möglich.


Sie sind als Experte des Bayerischen Rundfunks, der die letzte Generalaudienz und die letzten Stunden des bayerischen Papstes live übertragen wird, in Rom. Was wird in Ihnen vorgehen, wenn Papst Benedikt am 28. Februar um 17 Uhr den Helikopter besteigt und in den Abendhimmel entschwindet?


Das ist ja nicht das Ende. Der Papst geht, sein Werk bleibt. Aber ich werde mir das sicher nicht anschauen. Da weiß ich jetzt schon, dass mir dieses Bild ans Herz geht.

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