Endlich 40! Die besten Jahre liegen vor dir

23.02.2013 | 18:36 |  von NORBERT MAYER UND ERICH KOCINA (Die Presse)

Der britische Zoologe und Autor David Bainbridge lobt in »Wir Middle Ager« die Mitte des Lebens. Der Biologe führt gewichtige Gründe an. Außerdem kann man sich dann auch endlich das Cabrio leisten, das man schon als Kind immer haben wollte.

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Wann befindet sich der Mensch in des Lebens Mitte? Ist dieser Abschnitt wirklich ein höllisch finsterer Wald, wie in Dantes „Inferno“? Komiker Denis Norden meinte einmal: „Das mittlere Alter hat man erreicht, wenn man für jeden Urlaub auch einen Pullover mit einpackt.“ Das ist eine treffende, aber subjektive Begründung.

Der britische Autor David Bainbridge hingegen nähert sich dem Thema Mittelalter über die Naturgeschichte. Wenn er über seine Altersgruppe spricht, klingt es anfangs wie eine typische Klage: „Ich bin jetzt über 40, meine Haut ist nicht mehr so elastisch wie früher. Mein Bauch wächst, und auch die Weitsichtigkeit“, sagt der Zoologe aus Cambridge. Kurz: „Ich bin das Klischee der mittleren Jahre,“ behauptet der noch immer jugendlich wirkende Mann bei der Vorstellung der deutschen Übersetzung seines Buches an der Universität Oxford. Aber seine Einleitung trügt. In „Wir Middle Ager“ stimmt der Autor das Loblied „unserer besten Jahre“ an. Das Gehirn baue nicht ab, sondern spiele seine ganze Erfahrung aus. Das Denken funktioniere in vieler Hinsicht sogar schärfer als in der Jugend. Die Middle Ager seien wichtig, weil sie eine Fülle an komplexem kulturellen Wissen an die jüngere Generation weitergeben können.

Bainbridge analysiert aus der Sicht eines Evolutionsbiologen, doch der unmittelbare Grund für sein fünftes Buch war ein ganz persönlicher, ein Detail aus dem Alltag, das ihn schockierte: „Ich wollte ein Kabel in den Computer stecken, konnte aber den Steckplatz nicht mehr scharf sehen. Mich hat erstaunt, wie schnell es mit dem Verlust der Sehkraft gehen kann.“ Da habe er sich eben auf die Suche gemacht und wollte den Sinn der mittleren Jahre ergründen. „Sie sind bis jetzt kaum erforscht. Mir wurde bei meinen Studien bewusst, dass in der Tierwelt nur beim Menschen das mittlere Alter vorkommt, vielleicht noch bei Orcas. Bei allen anderen Tieren gibt es die Reproduktionsphase, bald danach den Tod.“


Erfolgreiche Jäger. Bei den Menschen lebe man aber auch nach 40 meist noch mindestens zwei Jahrzehnte in den mittleren Jahren weiter, und diese Phase muss für die Biologie gute Gründe haben. Im fünften und sechsten Lebensjahrzehnt sterben nur acht Prozent der Menschen. Ihr Altern ist, vermutet Bainbridge, kein Abnutzen wie bei einer Maschine, sondern ein kontrollierter Prozess: „Jedes Lebewesen hat eine ungefähre Lebensspanne. Jäger und Sammler sind vor 15.000 Jahren wahrscheinlich genauso alt geworden wie wir heute.“ Viele wurden 70, 80, 90 Jahre alt. Es ist also für die Natur zielführend, dass wir so alt werden. Mit spätestens 120 ist dann aber bis heute endgültig Schluss. Das lange Alter entspringt Jahrmillionen der Evolution, es ist keine moderne kulturelle Leistung.

Was also passiert noch ab 40, neben all den Nachteilen wie spröder Haut, Falten, schlechten Augen, mehr Gewicht (im Schnitt circa 1Gramm pro Tag)? „Wie in allen Phasen ist auch die Entwicklung hier eine kontrollierte“, sagt Bainbridge, „wesentlich gehört in diesen Abschnitt, dass die Produktivität des Menschen steigt. Beim Mann erreicht sie mit 45 einen Spitzenwert.“ Das sei für eine Gruppe von Jägern und Sammlern immens wichtig, denn die Fertigkeiten der Alten nützen den Jüngeren, so wie ihnen auch deren Erfahrungen helfen: „Der Mensch braucht sehr lange zum Erwachsenwerden, 20Jahre lang verbraucht er mehr Kalorien, als er erjagen kann.“

Die Adoleszenz, eine Erfindung der Evolution vor mindestens 300.000 Jahren, bewirkte den großen Sprung nach vorn fürs Gehirn. Für diesen Luxus war es günstig, dass reife Jäger das Vierfache an Beute erzielten. Zwar sind sie körperlich bereits etwas schwächer, die Muskeln schwinden, das Fett wächst, aber Erfahrung und Umsicht machen dieses Manko mehr als wett.


Die Essenz des Sex. Und die Liebe? „Je oller, desto doller!“ Sie steht im Fokus des Biologen. Die letzten sechs von 18Kapiteln beschäftigen sich mit ihr: „Wie oft also haben nun Menschen mittleren Alters Sex? Sagen wir einmal so: öfter als jüngere Leute wahrhaben wollen.“ Weil die Fortpflanzung keine Rolle mehr spiele, stehe nun die Essenz des Sexualverhaltens im Vordergrund, jetzt komme dabei der rein zwischenmenschliche Aspekt zum Tragen.

Wie also sollen sie leben, diese fast Alten, von denen sich heutzutage nur ein Drittel mittelalterlich fühlt, von denen die 50-Jährigen in der Industriegesellschaft die höchste Kaufkraft haben? Bainbridge rät ihnen, diese Lebensphase nicht als Krise, sondern als Fließgleichgewicht zu sehen, als ideale Zeit für Stabilität.


Nicht mehr stressen lassen. Klaudia Winkler passt genau in das Bild, das Bainbridge von der Generation der Middle Agers zeichnet. Die 43-jährige Wienerin genießt all die Vorzüge, die ihre derzeitige Lebenssituation bietet. „Seit ich 40 bin, bin ich entspannter, weil ich mich nicht mehr durch Faktoren von außen stressen lasse.“ Als Assistentin der Geschäftsführung in einer Werbeagentur hat sie einen gewissen sozialen Status erreicht, ist im Team gut etabliert – und kann noch dazu ihre Erfahrung ausspielen. „Mit 24 Jahren muss man schon reinbeißen“, meint sie. Gerade die ersten Jahre im Job, die seien hart. Da man als junger Berufsanfänger noch nicht die Abgeklärtheit hat. Da man sich die Kompetenz und das Standing im Unternehmen erst erarbeiten muss. Und da man oft auch noch nicht wagt, auch einmal einfach nein zu sagen. Diese Zeiten hat Winkler hinter sich. „Ich schaue, dass ich jeden Tag um sechs Uhr raus gehen kann.“ Nachsatz: „Weil ich in meinem Leben ohnehin schon endlos Überstunden geleistet habe.“

Es geht nicht mehr nur darum, möglichst viel zu arbeiten, um Positionen zu kämpfen. Es wird wichtiger, das Leben wirklich zu leben. „Ich genieße meine Freizeit viel mehr“, sagt sie. „Ich treffe mich mit Freunden oder lese ein Buch. Was ich nicht mehr brauche, ist Halligalli.“ Auch gutes Essen hat plötzlich einen höheren Stellenwert. Abends gibt es ein Glas Wein auf der Couch, vielleicht mit leiser Musik im Hintergrund. Die Unruhe früherer Zeiten, als allein zu Hause zu sein etwas Beklemmendes hatte, die ist dahin. Was aber nicht bedeutet, dass Einsamkeit für Middle Ager zum Normalzustand wird. Ein weiterer Vorteil für sie: Viele Dinge, die man schon als Junger machen wollte, sind jetzt auch möglich. Das neue Auto, die große Wohnung, der Urlaub in einem guten Hotel. „Ich verdiene jetzt viel mehr als vor zehn Jahren“, sagt Winkler, „muss mir nicht groß Gedanken machen, dass am 15.des Monats kein Geld mehr da ist.“ Auch wenn das nicht jeder so von sich sagen kann – in der klassischen Erwerbsbiografie wird es nach wie vor rund um den 40.Geburtstag komfortabler. Und man ist in der Regel auch fit genug, um das genießen zu können.

Das mit dem tollen Auto hat übrigens auch Bainbridge so gemacht. Mit Anfang vierzig schaffte er sich einen himmelblauen Sportwagen-Klassiker an, ein gebrauchtes Lotus-Cabrio. „Ich wollte dieses Auto schon, als ich acht war.“ Wer weiß, vielleicht darf es mit 50 sogar ein richtiger Aston Martin sein.

Mitte des lebens

David Bainbridge (*1968) studierte Zoologie und Veterinärmedizin, er lehrt Klinische Anatomie der Nutztiere in Cambridge, ist Autor populärer Wissenschaftsbücher: „A Visitor Within: The Science of Pregnancy“ (2000), „The X in Sex: How the X Chromosome Controls Our Lives“ (2003), „Beyond the Zonules of Zinn: A Fantastic Journey Through Your Brain“ (2008), „Teenagers“ (2009).

»Wir Middle Ager. Unsere besten Jahre« (übersetzt von Dieter Fuchs) ist eben auf Deutsch erschienen. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 344 S., 23,60 Euro. Zur Präsentation dieses Buches und weiterer Publikationen britischer Autoren lud der deutsche Verlag zu einer Reise nach Oxford ein. Unter den Gästen war auch Norbert Mayer von der „Presse“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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4 Kommentare

nachvollziehbar:

das lotus cabrio aus kindheitstagen.
das bild vom vw - naja - mir als "betroffenem" hauts sozusagen das aug ein.
schiach und obendrein schleichwerbung

"Das Cabrio, das man sich schon als Kind leisten wollte"

Dazu das Bild von einem Auto aus Wolfsburg- so günstig kann Werbung für Autohersteller auch sein...

Das müßte man den

österreichischen Arbeitsmarkt beibringen. Denn hier hat man im Lande ab 40 schon schwer einen Job zu bekommen, ab 50 gilt man als unvermittelbar.
Wobei eines ist biologisch bewiesen, bei 45 erreicht man die höchste geistige Leistung und das wollen die österreichischen Firmen offenbar nicht. Sie wollen lieber jung und billig haben.

Re: Das müßte man den

Billig ist das einzige was heute noch zählt.

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