"Sex und Islam sind vereinbar"

23.02.2013 | 18:37 |  von ERICH KOCINA (Die Presse)

Wie denken Menschen im arabischen Raum über Sexualität? Eine Frage, der sich Shereen El Feki angesichts der arabischen Revolutionen genauer gewidmet hat.

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Wie kommt man auf die Idee, über Sexualität im arabischen Raum zu schreiben?

Shereen El Feki: Das hat persönliche und professionelle Gründe. Ich habe ja einen arabischen Hintergrund, mein Vater ist Ägypter, ich bin Muslima. Darüber habe ich in meiner Jugend in Kanada nie nachgedacht. Nach dem 11.September 2001 wollte ich mehr über dieses Erbe erfahren. Und als Immunologin habe ich mich mit HIV beschäftigt. Im arabischen Raum sah es so aus, als würde es kein HIV geben. Als ich genauer schaute, bemerkte ich, dass es einfach keine Daten darüber gab. Dadurch bin ich auf die Sexualität in ihren vielen Dimensionen gestoßen. Letztlich beruhen so viele Dinge darauf, politisch und gesellschaftlich.

In den letzten Wochen hat man viel über Vergewaltigungen auf offener Straße in Ägypten gehört. Ist das nur sexuelle Frustration oder steckt da mehr dahinter?

Sexuelle Belästigung hat es in Ägypten schon lange gegeben, auch während des Mubarak-Regimes. Das liegt unter anderem daran, dass junge Männer keinen einfachen Zugang zur Heirat haben, weil sie keine Jobs haben. Es geht also nicht nur um sexuelle Frustration, sondern um Frustration an sich. Wobei die Übergriffe zuletzt wohl politisch organisiert waren. Wenn man maximales Chaos schaffen will, greift man Frauen an. Es ist ein Mittel für konservative Muslime, die der Meinung sind, dass Frauen nichts auf der Straße verloren haben. Aber auch für jene, die zeigen wollen, dass die Regierung es nicht schafft, für Sicherheit auf der Straße zu sorgen. Sexuelle Belästigung wird auch als Waffe eingesetzt.

Es gibt aber auch Widerstand dagegen.

Das ist der positive Aspekt. Frauen trauen sich jetzt, offener über sexuelle Gewalt zu sprechen. Es gab Demonstrationen von Frauen und Solidarität auf der ganzen Welt. Und es gab Gruppen, die Frauen auf der Straße schützten und mit Information und Service versorgten – auch junge Männer. Es hat sich ein zivilgesellschaftliches Engagement entwickelt. Das konnte man sich vor 15 Jahren nicht vorstellen.

Kann die arabische Revolution der Frauenbewegung zu einem Aufstieg verhelfen?

Der Feminismus in der arabischen Welt hat eine lange Tradition, es gibt einige prominente Vertreterinnen. Auch in den Mubarak-Jahren gab es schon eine starke Bewegung. Aber viele Initiativen wurden als Einmischung aus dem Westen gesehen. In Ägypten gibt es jetzt eine neue Gruppe von Feministinnen, und ich hoffe, dass sie ihre Projekte im neuen Klima umsetzen können. Aber das ist schwierig unter dem islamistischen Regime. Es kommt darauf an, wie sich die moderateren islamischen Gruppierungen in diesen Fragen positionieren. Aber auf lange Sicht bin ich optimistisch, dass die jungen feministischen Gruppen Erfolg haben werden, vor allem, weil sie aus dem Volk kommen und nicht von oben herab initiiert werden.

Im Westen kann man sich oft gar nicht vorstellen, wie verschleierte Frauen und Reden über Sexualität zusammenpassen.

Ich spekuliere jetzt einfach einmal – im Westen assoziiert man Kopftuch ja mit Nonnen. Vielleicht kommt es daher. Aber die Frage ist gar nicht, was muslimische Frauen sich auf den Kopf setzen, es zählt, was sie in ihrem Kopf haben. Und viele meiner weiblichen Verwandten tragen einen Schleier, und trotzdem sind sie erfolgreich, gut ausgebildet und haben Kinder. Und sie haben sonst die gleichen Probleme wie Frauen anderswo auch.

Sie haben über einen Wechsel der Stereotypen geschrieben – der arabische Raum war ja früher bekannt für seine sexuelle Kultur, heute ist er es für seine sexuelle Intoleranz. Woher kommt das?

Das hat mit Kolonialismus zu tun. Der führte in den 1920ern zum Aufstieg der Muslimbrüder. Und der wirtschaftliche Verfall Ägyptens führte zur traditionell islamischen Interpretation. Konservative islamische Kulturen bekamen nach und nach mehr Einfluss, vor allem aus Saudi Arabien.

Also ist Islam mit einem offeneren Zugang zur Sexualität vereinbar?

Ich bin Muslima, und ich bin gläubig. Und ich bin mir sicher, dass Islam und sexuelle Rechte auch in einem islamischen System zusammenpassen können – vorausgesetzt, die Menschen haben auch die Freiheit, für sich selbst zu denken.

In ihrem Buch vergleichen Sie Wilhelm Reichs Schilderungen der europäischen Gesellschaft mit der ägyptischen heute. Etwa 30 Jahre nach seinem Buch „Die sexuelle Revolution“ von 1936 erlebte der Westen tatsächlich eine sexuelle Revolution. Kann man das auf die arabische Welt umlegen?

Es geht nicht um sexuelle Revolution, sondern um eine Neubewertung der Sexualität. Menschen in der arabischen Welt diskutieren jetzt auch andere Tabus in der Gesellschaft. Menschen beginnen Fragen zu stellen über die Rolle des Islam im gesellschaftlichen Leben. Und wer die Autorität hat, über richtig und falsch zu entscheiden. Momentan fehlt den Menschen noch die Freiheit, sich auszudrücken. Die sexuelle Revolution im Westen war auch eine Entwicklung von Strukturen und Institutionen, die das Recht des Individuums erkannt haben. Das haben wir in der arabischen Welt noch nicht. In Ägypten existiere ich nicht als Individuum, ich bin nur Teil meiner Familie. Wenn ich etwa in Kairo in Probleme gerate, rufe ich als Erstes meinen Onkel an, weil ich mich in dieser Hinsicht nicht auf den Staat verlassen kann. Da ist es noch viel zu früh, über eine sexuelle Revolution zu reden.

 

Kann man zusammenfassen, wie es um die Sexualität im arabischen Raum steht?

Das kann man nicht generalisieren bei 350 Millionen Menschen. Aber was ich sagen kann, ist, dass es kaum Forschung darüber gibt. Wir wissen nur Bescheid über sexuelle Aspekte in kleinen Gruppen, etwa bei Männern, durch die Forschung zu HIV. Aber über die Masse der verheirateten Männer und Frauen wissen wir so wenig. Wir brauchen so etwas wie einen „Kinsey Report“ für den arabischen Raum. Wenn es solche Daten gibt, können wir uns von der derzeitigen Diskussion lösen, in der Sexualität immer nur als Problem gesehen wird.

Steckbrief

Shereen El Feki
ist Tochter eines Ägypters und einer Waliserin. Sie wuchs in Kanada auf und lebt heute in London und Kairo.

Karriere
El Feki studierte Immunologie, war stellvertretende Vorsitzende der von den UN eingesetzten Global Commission on HIV and the Law. Als Journalistin arbeitete sie unter anderem für den „Economist“ und „Al Jazeera“.

Buchtipp

Sex und die Zitadelle.Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt.
Von Shereen El Feki, Hanser Verlag,
25,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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7 Kommentare

Shereen El Feki

geistige Onanie

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"Sex und Islam sind vereinbar"

Das mag schon sein, ist mir aber egal.

Was sicher NICHT vereinbar ist:

Islam und Menschenrechte
Islam und Demokratie
Islam und Religionsfreiheit

Und was interessiert uns dieses Thema im Westen?

Diese beiden Gesellschaftssysteme haben noch nie irgendwo zusammengepasst und werden es auch niemals.

Nur allzu viele Feldversuche müssen als gescheitert betrachtet werden.

Daher lassen wir den Sex der Mslmänner im Orient und alle sind zufrieden

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hammerüberschrift.

angesichts der kinderzahlen in islamisch dominierten ländern wäre man da ja selber nie draufgekommen. aufdeckungsjournalismus vom feinsten, sozusagen...

kann jemand ...

solche rotzfrechen Pipen zum Kuschen bringen?

conclusio

im islam ist fast alles super.

und wenns nicht super ist, ist der westen, der kolonialismus, der was auch immer, nur nicht der islam schuld.

Re: conclusio

War genau mein Eindruck, immer ist irgendwie der böse dekadente Westen Schuld, auch nach 100 oder 1.000 Jahren.

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