Janko Ferk: "Kafka kann auch sehr witzig sein"

Der Schriftsteller und Richter Janko Ferk spricht mit der "Presse" über die Beschimpfungen, die er als Kärntner Slowene zu erleiden hatte, den Katholizismus und die "Befreiung" seiner Heimat.

Janko Ferk Kafka kann
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Janko Ferk Kafka kann
Ferk – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Sie haben sich wahrscheinlich über den Ausgang der Kärntner Wahl gefreut?

Janko Ferk: Ich habe mich so gefreut wie wahrscheinlich mehr als zwei Drittel der Kärntner. Es war ein Befreiungsschlag. Die nationalistischen Kärntner haben in der Vergangenheit immer davon gesprochen, dass Kärnten frei und ungeteilt ist. Heute genügt es zu sagen: Kärnten ist frei.

 

Aber ist es sportlich nicht ein wenig wertlos, Gerhard Dörfler zu besiegen? Jörg Haider hätte man seinerzeit besiegen müssen.

Es ist nicht Gerhard Dörfler besiegt worden. Es ist ein System besiegt worden. Ein Räderwerk, bei dem Menschen mitgelaufen sind – und diese Leute sind in ihrem Lauf Gott sei Dank gestoppt worden.

Aber hat Dörfler nicht auch Gutes getan? Immerhin stehen nun 164 neue zweisprachige Ortstafeln in der Landschaft.

Ob er etwas Gutes getan hat? Das ist ein bisschen eine Autobahn-Frage, wenn Sie wissen, worauf ich anspiele. Es ist aber eine Schande, dass sozialdemokratische Politiker es nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren Mehrheiten nicht zustande gebracht haben, diese Ortstafeln aufzustellen. Es ist eine Schande, dass diese Frage ein Politiker lösen musste, der lange als politisches Schmuddelkind galt. Aber eigentlich ist es nicht wichtig, wer die Frage gelöst hat. Sondern, dass sie gelöst ist. Und sie ist weitgehend gelöst. Ich rechne die Ortstafellösung aber nicht nur dem scheidenden Landeshauptmann als Verdienst an, sondern es gibt einen, der sie tatsächlich mit viel Geschick und guter Taktik zu einem Ende gebracht hat: Staatssekretär Josef Ostermayer.

Haben Sie in der Vergangenheit, etwa in Ihrer Jugend, darunter gelitten, anderssprachig, also Kärntner Slowene zu sein?

Nein, weil ich in einer zweisprachigen Gegend aufgewachsen bin, einen zweisprachigen Unterricht hatte. Gelitten habe ich einzig in einer Phase, in der man mehr oder weniger wehrlos ist, so zwischen zwölf und fünfzehn, wenn ich im Bus oder Zug beschimpft wurde. Als „Tschusch“. Mir ist gesagt worden, ich solle Kärnten über die Karawanken verlassen. Meistens haben mich solche Leute beschimpft, die aus assimilierten Familien kamen, die also quasi ein schlechtes Gewissen hatten. Ein wirklicher deutschsprachiger Kärntner hätte dazu keinen Grund gehabt.

Haben Sie die sogenannte Kärntner Urangst je nachvollziehen können?

Ich weiß bis heute nicht genau, was die Kärntner Urangst ist.

 

Jene vor dem kommunistischen Jugoslawien etwa.

Ich halte diese Ängste für eine absolute Dummheit, weil es nach 1955 keine Versuche gegeben hat, irgendetwas zu annektieren, schon gar nicht das wirtschaftlich uninteressante Südkärnten. Tatsache ist aber, dass sich nach dem Zerfall Jugoslawiens, der päpstlichen Zerstörung des Ostblocks und dem Beitritt Sloweniens zur EU in Kärnten viel geändert hat. Ohne diese Phänomene wäre auch eine Ortstafellösung in dieser Form nicht möglich gewesen.

Apropos päpstlich: Kärntner Slowenen gelten gemeinhin als sehr katholisch. Sie auch?

Ich glaube, dass sie auch sehr katholisch sind. Weil die Kirche der einzige seriöse Verbündete in der Abwehr der Assimilation war. Nur in der Kirche hatte das Slowenische eine Gleichberechtigung – bis zu einem gewissen Grad.

Glauben Sie an Gott?

Als aufgeklärter Mensch unterliegt man zyklischen Denkbewegungen: Man glaubt einmal an ihn, dann wieder weniger. Ich habe Phasen, in denen ich an Gott glaube, und Phasen, in denen ich glaube, dass es aus naturwissenschaftlichen Erwägungen einen Gott nicht geben kann. Spaßhalber könnte man auch sagen: Eine vernünftige Papstwahl wäre jetzt ein Gottesbeweis.

 

Wie wäre es mit Christoph Schönborn?

Das wäre die schlechteste Lösung. Weil er nicht einmal vor seiner eigenen Türe aufkehren kann – wenn ich an die Pfarrerinitiative denke, bei der er nicht einen Schritt weitergekommen ist. Ich halte in Österreich nur einen Bischof für papstfähig, der aber leider kein Kardinal ist: Egon Kapellari – allein aufgrund seiner Intellektualität.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Literatur viel mit dem Tod. Warum?

Es gibt in der Literatur nur zwei Themen: Eros und Thanatos. Und mit diesen Themen beschäftige ich mich.

Sie gelten als großer Verehrer von Franz Kafka, was sich auch in Ihrem literarischen Werk widerspiegelt. Ist Ihnen das nicht manchmal zu trist?

Nein, Kafka ist in keiner Weise trist. Kafka kann auch sehr witzig sein.

 

Echt?

Es sind zuletzt zwei Bücher erschienen: „Der komische Kafka“ und „Spaß mit Kafka“. Es ist bekannt, dass sich Kafka oft vor Lachen nicht halten konnte, wenn er aus seinen Werken las. Es ist mir auch mit Josef Winkler so gegangen, wenn wir eine Lesung hatten, dass die Leute bei seiner Literatur von Anfang bis Ende gelacht haben. Und er gilt gemeinhin auch nicht als Komiker.

Warum schreiben Sie lieber auf Deutsch?

Ich würde nicht sagen, dass ich lieber auf Deutsch schreibe. Ich schreibe Prosa im Wesentlichen auf Deutsch und Lyrik auf Slowenisch. Es ist aber so, dass das Deutsche mehr wahrgenommen wird.

 

Warum wurde das Volksgruppen-Thema bisher literarisch eigentlich so wenig verarbeitet – wenn man vom „Dorf an der Grenze“ oder Maja Haderlap einmal absieht?

Das Thema ist noch zu frisch. Es wird schon noch aufgearbeitet werden, aber erst in zehn oder fünfzehn Jahren – als geschichtliches Phänomen. Das kann man mit der DDR vergleichen, wo während des lebendigen Prozesses nicht darüber geschrieben und das Thema erst später aufgearbeitet wurde. In einen lebendigen Prozess greift die Literatur eigentlich nicht ein.

 

Sie sind Richter und Dichter, wie passt das zusammen – außer dass es sich reimt?

Es passt zusammen, weil sich sowohl der Richter als auch der Dichter immer mit dem Machtmittel Sprache zu beschäftigen hat.

 

Da Sie Richter am berühmten Landesgericht Klagenfurt sind: War man hier jahrelang zu lasch im Umgang mit den Kärntner Politikern und neigt nun möglicherweise zu Überreaktionen? Das Ersturteil im Fall Uwe Scheuch – sechs Monate unbedingt – wurde beispielsweise aufgehoben und danach kam er dann mit einer bedingten Strafe davon.

Ich bin stolz darauf, Richter am berühmten Landesgericht Klagenfurt zu sein. Die Gerichte können aber immer nur dann über Verfahren entscheiden, wenn die Staatsanwaltschaft Straftatbestände zur Anklage bringt. Zu den Urteilen ist zu sagen: Wir leben in einem Rechtsstaat und ich bin sehr froh darüber, dass Urteile überprüft werden, dass es Instanzen gibt, und es allenfalls zu anderen Entscheidungen kommt.

Was halten Sie von der Generalprävention? Ist es gerecht, wenn jemand nicht nur für das verurteilt wird, was er angestellt hat, sondern stellvertretend – sozusagen als abschreckendes Beispiel – auch für das Böse in der Gesellschaft an sich?

Ich denke, dass in erster Linie schon die Spezialprävention zur Anwendung kommen muss. Aber: Urteile, die auch eine gesellschaftspolitische Auswirkung haben, sollten auch eine generalpräventive Intention verfolgen, damit aufgezeigt wird, dass gewisse Dinge im Rechtsstaat nicht akzeptabel sind.

Was ist der Sinn von Strafe? Abschreckung? Vergeltung? Läuterung?

Strafe ist für mich – und jetzt spreche ich nicht als Richter – die Wiederherstellung der zurzeit gestörten Ordnung. Sie darf aber nie Vergeltung sein.

Der legendäre SPÖ-Justizminister Christian Broda träumte einst von einer gefängnislosen Gesellschaft. Eine Illusion?

Ich glaube nicht. Ich denke, dass es in den nächsten Jahrzehnten sicher noch andere Strafformen geben wird. Weil sich der Strafvollzug durch die Jahrhunderte immer mehr humanisiert hat. Wenn man bedenkt, dass es vor 500 Jahren im Wesentlichen nur zwei Möglichkeiten gab – Rübe ab oder Freispruch – und wir heute schon bei der Fußfessel angelangt sind, dann wird sich auch der Strafvollzug noch weiter entwickeln. Etwa in Richtung mehr gemeinnützige Leistungen.

 

Haben Sie schon einmal jemanden zu Unrecht verurteilt?

Ich glaube und hoffe nicht. Meine Maxime ist wie bei einem Arzt: Ich möchte niemandem Schaden zufügen.

Steckbrief

Janko Ferk wurde am 11. Dezember 1958 in St. Kanzian am Klopeiner See geboren. Er ist Richter für Zivilverfahren am Landesgericht Klagenfurt. An der Uni Klagenfurt ist er Honorarprofessor für Literaturwissenschaften.

Ferk hatte mit einer Arbeit über die „Rechtsphilosophischen Aspekte in Kafkas Romanfragment ,Der Prozess‘ und anderen Arbeiten“ promoviert. Kafka ist auch sein literarisches Vorbild. Ferk schreibt Prosa und Lyrik. Seine bekanntesten Werke: „Eine forensische Trilogie“, „Brief an den Staatsanwalt“, „Recht ist ein ,Prozess‘“, „Wie wird man Franz Kafka?“ und eine Biografie über den Grünenpolitiker Ulrich Habsburg-Lothringen.

Am 12. März um 19 Uhr liest Janko Ferk in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2013)

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