Der Chef von Wiens kleinster Oper

26.03.2013 | 18:28 |  Von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

Stefan Fleischhacker ist Tenor, betreibt das winzige Musiktheater Leo und pfeift. Den ganzen Tag privat – und in seinem ersten Soloprogramm.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Man nehme die Landstraßer Hauptstraße, dann die malerische Biedermeierpassage durch das Hotel Mercure zur Ungargasse. Dort wende man sich nach links: Eine unscheinbare, beige Geschäftsauslage – das ist das Leo. Früher war es einmal eine Bäckerei – die Reste der Wandmalerei im ehemaligen Verkaufsraum, nunmehr Foyer, zeugen davon. Heute ist das Leo die wohl kleinste Oper von Wien.

Ihren Direktor hört man längst, bevor man ihn sieht: Ein Pfeifen, leicht, virtuos, es klingt so natürlich, dass man eher an einen Vogel denkt als an einen schmalen, aber doch gestandenen Mann. Stefan Fleischhacker ist Tenor – und Kunstpfeifer. Er pfeift, seit er denken kann. Eine seiner ersten Erinnerungen hat er an seine Mutter. „Sie hat gelacht, weil ich so falsch gepfiffen habe.“ Später haben sich die Eltern aufgeregt, weil er dabei so laut war. „Den ganzen Tag und ununterbrochen. Das mache ich heute noch. Nur vielleicht nicht mehr so laut.“

Und mittlerweile richtig. Mit 14 hat er sich seine Technik angeeignet. „Weil ich die Königin der Nacht reproduzieren wollte“, die er auf Platte bekommen hatte, erinnert er sich. Ernst genommen habe er die Sache freilich nicht: „Wie viele Sachen: Man tut es einfach.“ Violinkonzerte, Opernarien, französische Chansons – „ich hab sie alle wahllos nachgepfiffen.“

Mit Kunstpfeifen, im 19.Jahrhundert zur Zeit der Brüder Schrammel höchst beliebt, verbindet man im heutigen Wien ja vor allem noch die Baroness Lips von Lipstrill; seit ihrem Tod 2005 galt der Grazer Hans Hofmann als einer der letzten Vertreter dieser Kunst. Als Lipstrills Erbe sieht sich Fleischhacker nur bedingt. Er hat die Ikone der Schwulenszene in den Achtzigern einmal in der Rosa Lila Villa gesehen. „Ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass das etwas mit mir zu tun hat. Von der Einstellung her war sie die Frau Kammersängerin. Das hat mich nicht interessiert.“


Dem bedächtigen 49-Jährigen ist das Pfeifen vielmehr persönliches Bedürfnis. „Ich habe ständig Musik im Kopf“, erklärt er, „die kann nicht da drinnen bleiben“, die müsse raus. Seit 20 Jahren nutzt er sein Können als Einlage im Kabarett, das es neben Oper und Wienerlied im Leo gibt. Die Idee, das Pfeifen gezielter zu betreiben, ist viel jünger, konkret wurde sie erst im Herbst. Da hat Fleischhacker in seinem Maximal-50-Zuschauer-Theater die Zauberflöte inszeniert; er sang den Tamino und pfiff, wie einst als Teenager, die Königin der Nacht. „Das war der erste Schritt“, hin zu einem Soloprogramm, von dem er sich lange nicht vorstellen konnte, „dass es jemanden interessiert“. Dabei hat er selbst inzwischen bemerkt, dass die Musik (auch wenn man sie nicht kennt) beim Pfeifen gut transportiert werde, „weil man beim Pfeifen keine technischen Schwierigkeiten hat“.

Nun tritt er, am 3.April, als „Eleonore von Pfiff“ im Theater Akzent auf. Nicht, weil er Wert darauf legen würde, als Frau aufzutreten, sagt er. „Aber das Repertoire ist ein reines Sopranprogramm.“ Er verstecke sich dabei auch ein wenig hinter den Figuren. Das war, sagt er, „als Kind mein Zugang: Die Flucht in eine andere Welt“. Jedes Stück des Abends ist eine eigene Szene, die Kostüme hat er selbst genäht.

Kein Zufall: Nach der Schule hatte Fleischhacker erst in Mailand Bühnenbild studiert. Nach vier Jahren bekam der Tiroler eine Art „Heimweh nach Wien“, er packte seinen Plattenspieler ein und zog um. In der Hauptstadt machte er erst einmal alles: Er war Tellerwäscher und Küchenhilfe, führte Touristen durch die Staatsoper, war Requisiteur in der Josefstadt und hörte Mitte der Neunziger von jemandem, „der in einem Keller sein eigenes Theater gegründet hat. Da wusste ich: Das will ich auch.“ Einen Kohlenkeller und eine Tapetenwerkstatt später residiert sein „Letztes erfreuliches Operntheater“ nun in der alten Bäckerei. Am 23.Mai hat „Eleonore von Pfiff“ auch hier einen Termin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

AnmeldenAnmelden