Im Palais der dunklen Erinnerungen

28.03.2013 | 18:13 |  von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

Der Innenarchitekt Philip Hohenlohe hat sein erstes Buch geschrieben: eine abgründige Geschichte über Gesellschaftsschichten und die NS-Zeit.

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Der grüne Salon im Innenstadtpalais einer altösterreichischen Adelsfamilie, das Sofa in der Wohnung eines ehemaligen Gestapo-Offiziers, ein Gobelin, der ein unheimliches Eigenleben entwickelt: Häuser und Möbel, Einrichtungen und Stimmungen bekommen ein eigenes Gewicht, wenn ein Innenarchitekt Romane schreibt.

Genau genommen seinen ersten Roman geschrieben hat. Titel: „Das Gespensterpalais.“ Philip Hohenlohe sitzt in seinem Salon in einer Erdgeschoßwohnung im Haus der Familie im dritten Wiener Gemeindebezirk, „einem Historismusbau aus 1870“, der an einen venezianischen Palazzo erinnert. Dackel Ep hat auf einem der Sofas Platz genommen. Türkisfarbene Wände, alte Möbel, der Boden ein wenig kühl.

Mit 26 ging Hohenlohe – Jahrgang 1952, drittes von sechs Kindern, Gault-Millau-Herausgeber, Bruder Karl ist der Jüngste – nach New York. Er studierte Film und Filmdesign, wurde Produktionsdesigner bei Low-Budget-Produktionen, gründete dann eine Firma für Interior Design. Erst vor zehn Jahren kam er wieder zurück. Er hatte geheiratet und eine Tochter bekommen, „und wollte sie nicht in New York aufziehen“.

Beruflich entpuppte sich die Rückkehr als schwierig. „Innenarchitekt in Wien zu sein ist ein hartes Brot. Wien hat nicht die Kultur wie Frankreich, Italien oder auch New York.“ Als Reaktion begann er zu schreiben, „als eine Art, meine ganzen Ressentiments gegen Wien, ob berechtigt oder unberechtigt, abzuladen“. Von der „Provinzhauptstadt Europas“ spricht seine Hauptfigur Elisabeth Lavo (mit Betonung auf dem O), Innenarchitektin wie Hohenlohe, ähnlich bissig, wie er es mitunter sein kann, aber im Gemeindebau aufgewachsen und entschlossen, eine Dame von Welt zu werden – in ihrer Erinnerung. Lavo ist am Ende ihres Lebens angekommen, gezeichnet von Alkohol und Psychopharmaka, in die Psychiatrie am Steinhof eingeliefert, wo längst Vergessenes an die Oberfläche dringt. Es geht um Wien in der Nazi- und Nachkriegszeit, bevölkert von Tätern, Mitläufern und den Gespenstern der Toten.

Einen Roman noir nennt es Hohenlohe. Es ist sowohl Gespenstergeschichte als auch Gesellschaftsroman, in dem jede Schicht ihre Schwächen zeigt. Drei Jahre hatte er die Geschichte im Kopf. „Es hat eine Zeit gebraucht, bis ich mich getraut habe. Beim ersten Buch ist man verunsichert – man wäre dumm, wenn nicht.“ Oft habe ihn der Mut verlassen, dann wieder sei er hineingekippt. „Es war wie eine Selbsthypnose.“ Inzwischen plant er schon den nächsten Roman, über die Nachkriegszeit: „Da gibt es als Ikone den Dritten Mann, aber sonst nicht viel.“

Das graue Wien der Nachkriegszeit, das hat Hohenlohe selbst erlebt, bevor er mit zehn in ein deutsches Jesuiteninternat gekommen ist. „Ein Horror“, sagt er heute – zum Internat; aber auch die Stadt wollte er eigentlich hinter sich lassen. „Ich habe die Mentalität hier nie toll gefunden“, sagt er. Und verspüre doch auch eine gewisse Liebe: „Es ist ein kleiner Fleck auf dieser Welt, wo nicht viel passiert – auch im positiven Sinn.“

Den Geschmack allerdings, den hätten die Wiener, findet zumindest er, nun nicht gerade erfunden. Kopflastig seien sie, wenig sinnlich, auch keine Selbstdarsteller. „Und ich finde es interessanter, wenn sich die Leute selbst darstellen.“ Natürlich auch über ihren Wohnraum, der immer etwas über die Person aussagt – und sie auch beeinflusst. „Ich glaube, dass Räume eine Wirkung haben, auf die Psyche und die Gesundheit der Menschen.“ Weshalb er auch den Steinhof so mag: „Das Gelände dort ist eines der schönsten überhaupt.“

Auf einen Blick

Philip Hohenlohe wurde 1952 in Wien geboren, ging mit 26 nach New York. Seit 2001 lebt er wieder in Wien. Er arbeitet als Interior Designer und fürs Dorotheum. „Das Gespensterpalais“ ist sein erster Roman (Metroverlag, 200 S., 19,90 Euro). Lesungen: 5.April, Thalia Landstraße, 12.April mit Andrea Eckert, Dorotheum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2013)

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