Wilde Obstpflücker in der Stadt

Oft unentdeckt und trotzdem für jeden zu sehen, stehen Obstbäume mitten in der Stadt. Mittlerweile werden diese von einer kleinen Gruppe von Obstpflückern regelmäßig geerntet.

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Obstpfluecker – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der Baum ist nicht einmal schwer zu finden. Hunderte Menschen gehen täglich an ihm vorbei. Manche sitzen in Liegestühlen unter ihm, andere breiten die Decken aus, auch die Hunde verrichten hier ihr Geschäft. Doch der Baum hat – auf den zweiten Blick – viel mehr zu bieten. Hunderte reife Maulbeeren hängen auf seinen Ästen – zur freien Entnahme, mitten im Votivpark, mitten in Wien.

Einer, der den Baum regelmäßig erntet, heißt Peter A. Krobath. Der freie Journalist und Künstler organisiert seit vergangenem Jahr mit seiner Initiative StadtFruchtWien Erntetouren durch die Stadt. Die Route von Krobath führt vom Votivpark (ein Kriecherl- und ein Maulbeerbaum) über den Schönbornpark (sechs Kriecherlbäume) bis zum Donaukanal, wo ein Apfelbaum steht. Das Obst können die Stadtpflücker für sich selbst sammeln, ein Teil wird auch der Grünsternküche, die zum Sommerkino im Augarten gehört, zugestellt.

Mit seinen Touren forciert Krobath eine Bewegung, die sich in den vergangenen Jahren durchaus angekündigt hat. Seit Gemüsebeete und Pflanzen durch das Urban Gardening in den Städten zunehmen, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch das Obst mehr Aufmerksamkeit bekommt. Denn Obstbäume sind – wenn auch für viele überraschend – durchaus in der Stadt zu finden.

In Deutschland gegründet bietet etwa die Website Mundraub.org einen Überblick über Obstbäume im öffentlichen Raum. Über 7000 Fundorte, vorwiegend in Deutschland und den Nachbarländern, sind mittlerweile auf der Homepage zu finden.

In und um Wien sind etwa 160 Obstbäume markiert, ein Haselnussstrauch im zwölften, ein Kirschbaum im zweiten, ein Zwetschkenbaum im Gestrüpp im vierten Bezirk. Die Bäume können von jedem User in der Plattform eingetragen werden. Obwohl bereits vier Jahre alt, verzeichne die Plattform jeden Tag zehn bis 20 neue Fundorte, sagt Konstantin Schroth von Mundraub.org.

Bedenkenlos essen? Auch für Peter A. Krobath war Mundraub.de ein weiterer Anstoß, um sich mit Obstbäumen in der Stadt zu befassen. „Solange der Baum nicht direkt neben der Straße steht, kann man das Obst bedenkenlos essen. Bei uns gehen die Leute aber daneben in den Supermarkt und kaufen Obst aus Südafrika, während es auf den Bäumen verfault“, sagt er, während er eine Maulbeere vom Baum im Votivpark (immerhin auch fast neben der Straße) fischt. Schnell wäscht er die Maulbeere mit ein bisschen Wasser. „Das Abwaschen muss sein“, sagt er. Dann steckt er sie in den Mund.

Pflücken darf man die Früchte ganz legal. „Solange man die Bäume beim Ernten nicht beschädigt“, heißt es aus dem Stadtgartenamt. Wie viele Obstbäume es gibt, erfasst die Stadt nicht. Viele werden es wohl nicht sein – zumindest nicht im Stadtzentrum. Anders ist das etwas außerhalb. In Steinhof zum Beispiel, wo rund 1400 Obstbäume stehen. Zum Großteil Kirschen-, Äpfel- und Birnenbäume – die von jedem geerntet werden dürfen.

„Die Bäume wurden mit dem Bau des Otto-Wagner-Spitals gepflanzt“, erzählt Hannes Lutterschmied, Leiter der Forstverwaltung Lainz „Zum Teil zur Selbstversorgung, zum Teil zur Beschäftigungstherapie.“ Ein Großteil der Bestände sei bis heute erhalten. Und ebenso beliebt. „Man muss schnell sein, unser Förster hat von den Kirschen heuer selbst nur drei erwischt“, sagt er. Der Rest wurde von Passanten gepflückt.

Recht auf Marmelade. Laut Krobath haben vor allem Studenten und ältere Menschen wieder Spaß am Obstpflücken in der Stadt gefunden. Sonst sei das Obstpflücken in der Stadt vor allem in Migrantengruppen gut verankert. „Mir ist zum Beispiel erzählt worden, dass manche Putzfrauen die Weinblätter von öffentlichen Gebäuden zupfen“, erzählt er. Die hätten nämlich noch ein Auge dafür, was zu essen sei und was nicht. Seine eigene Initiative übt sich mittlerweile in verschiedenen Erntetechniken. Mit Obstpflückgeräten oder einem Tuch, das unter dem Baum gespannt wird. Dann klettert einer rauf und rüttelt.

Abgesehen von den Erntetouren will sich StadtFruchtWien auch politisch für mehr Obstbäume einsetzen. Vergangenes Jahr hat seine Gruppe etwa versucht, Obstbäume in der Nähe des Alten AKH zu pflanzen. Darüber sei die Stadt gar nicht erfreut geworden. „In Wien sind Obstbäume nicht so erwünscht“, behauptet Krobath. Weil sie zu viel Arbeit verursachen, das verfaulte Obst wiederum manche Anrainer ärgern würde. Im Herbst will er trotzdem eine Petition für mehr Obstbäume starten. Bürger sollen die Patenschaft für die Bäume übernehmen und sie regelmäßig ernten, damit das Obst nicht verfault. „Recht auf Marmelade“, nennt er sein Projekt, weil die aus dem Obst verhältnismäßig einfach zu kochen sei.

Suchanleitung

Mundraub.org heißt die Plattform, die 2009 von jungen Deutschen ins Leben gerufen wurde. Darauf können die User Obstbäume auf öffentlichen Plätzen markieren. In Zukunft sollen auch Privatbesitzer ihre Obstbäume für die Ernte freigeben können.

StadtFruchtWien setzt sich für Obstbäume in der Stadt ein und veranstaltet regelmäßig Erntetouren, damit reifes Obst nicht ungenutzt verfault. stadtfruchtwien.wordpress.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2013)

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