"Hausfrauen, hört auf, euch zu entschuldigen!"

Die Deutsche Birgit Kelle ist Ende dreißig, hat vier Kinder, einen klugen Kopf und ein gutes Mundwerk. Damit bringt sie frischen Wind in deutschsprachige Feminismusdebatten, jetzt auch mit einem Buch.

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Symbolbild – Clemens Fabry

Sie ist 38 Jahre jung und drauf und dran, ein Fixstern am Horizont deutscher Feminismusdebatten zu werden. Dabei war Birgit Kelle völlig unbekannt, bis sie zur Sexismusdebatte um FDP-Politiker Rainer Brüderle Stellung nahm. Als im Jänner auf der Internetplattform des Magazins „The European“ ihr Artikel „Dann mach doch die Bluse zu!“ erschien, hatte sie offenbar einen gesellschaftlichen Nerv getroffen. Der schlagfertige Text verbreitete sich viral im Netz und wurde so heiß diskutiert, dass er sogar „Social-Media-Phänomen des Jahres“ getauft wurde. Kelle fand die Sexismusdebatte heuchlerisch und aufgebauscht und fragte: „Mit welcher Begründung soll man uns in die Chefetagen vorlassen, wenn wir es nicht einmal schaffen, allein an einer Bar ohne Sexismuspolizei zu bestehen?“

Nun hat die Deutsche unter demselben Titel ein Buch veröffentlicht. Darin spielt die Sexismusfrage freilich eine Nebenrolle, Hauptthema ist ein anderes. Kelle hat vier Kinder, ist für sie lang zu Hause geblieben, habe „unfassbar schöne Jahre“ mit ihnen hinter sich – und ist es leid, sich dafür zu entschuldigen. „Denn sich zumindest ein bisschen schlecht zu fühlen, ist Mindestmaß für eine Hausfrau und Mutter in Deutschland.“

Kelle ist keine neue Eva Herman, die im Heimchen am Herd die „wahre“ Natur der Frau entdeckt hat. Die freie Journalistin mit Jura-Abschluss ist erstens klüger und zweitens ideologisch erfrischend unbekümmert. Sie vermisst nur die Freiheit, die der Feminismus versprochen hat. „Es ist mein gutes Recht, mein Leben so zu leben, wie es mich glücklich macht. Ich habe nur dieses eine. War der Feminismus nicht einst dafür eingetreten, dass ich genau das machen darf? Leben, wie ich es will? Was ist passiert auf dem Weg der gleichen Rechte für alle?“

Das ist kein Uraltplädoyer für das Hausfrauendasein. Birgit Kelle ist das frische Gesicht eines alten Unbehagens, das kein Alter hat. Unbehagen, da man als Frau, die sich entscheidet, mit ihren Kindern länger als das gesellschaftlich als „angemessen“ angesehene Mindestmaß hinaus zu Hause zu bleiben, scheel angesehen wird. Da man in Verdacht steht, faul zu sein, feige, dumm, ein Opfer.

Kelle schreibt nun regelmäßig Kolumnen in „The European“. Hunderte Frauen hätten ihr geschrieben, erzählt sie, halbtags arbeitende Mütter wie Studentinnen, die versuchten, Kinder und Studium zu vereinen. „Manche hatten große Karrieren beendet, um bei ihren Kindern sein zu können. Sie kamen aus allen Altersklassen und aus allen politischen Richtungen. Manche waren kirchlich engagiert, andere überzeugte Atheistinnen.“ Und immer wieder dasselbe: „Sie sprechen mir aus der Seele“ oder „Ich dachte, ich sei die Einzige, die so denkt.“ Das habe sie wütend gemacht. „Diese Frauen hungern nach Anerkennung“, sagt sie.

Luxusmodell für Kleinkinder. Zweifellos zu Recht. Wer wie Birgit Kelle aus Begeisterung mehrere Kinder aufzieht und diese Kinder in ihren ersten drei Lebensjahren bei sich und mit Geschwistern zu Hause aufwachsen lässt, noch dazu als gut ausgebildete, also nach gesellschaftlichem Konsens höchst „förderfähige“ Person, macht für fast kein Geld sehr wertvolle Arbeit. Könnten Kleinkinder Lebensformen im Geschäft kaufen, würden sie wohl ausnahmslos zu dieser Luxusausgabe „bei Mama oder Papa zu Hause“ greifen. Hochpreisig ist sie ja, aber nur für die Eltern selbst. Trotzdem ernten diese Eltern oft nicht einmal die Toleranz, die die Gesellschaft angeblich allen Lebensentwürfen entgegenbringt.

Kelle denkt nicht daran, die ewige Debatte, ab wann Kleinkinder (noch nicht) in die Krippe gehören, neu aufzuwärmen. Sie fordert nur den Respekt vor der freien Wahl der Mutter. Warum werden Väter, die länger „am Herd“ bleiben, beklatscht und Mütter ausgebuht?, fragt sie.

Einst war die Hausfrau ein aufgezwungenes Lebensmodell, längst ist sie es nicht mehr, es sei denn durch Arbeitslosigkeit. Und allein schon wegen des finanziellen Drucks besteht keine Gefahr für die große Hausfrauenrenaissance. Trotzdem sind Angst und Abneigung davor geblieben und führen zu paradoxen Haltungen. So geben sich linke Feministinnen, die alle Mütter so bald wie möglich wieder im Erwerbsleben sehen wollen, laut Kelle als „Steigbügelhalter für einen Kapitalismus übelster Ausprägung“ her, „in dem nur noch derjenige etwas zählt, der zum Bruttosozialprodukt beiträgt.“

Noch etwas findet Kelle befremdlich: „Wie einhellig und pauschal in dieser Sache über Familien mit Migrationshintergrund geurteilt wird, gern auch im Zusammenhang mit ,bildungsfernen‘ Familien – in einem Land, das sonst sehr bemüht ist, jeden Eindruck von Ausländerfeindlichkeit zu vermeiden. Ist eine Mutter, die kein Deutsch spricht, eine schlechte Mutter? Ist ein Vater mit geringer Bildung automatisch ein schlechter Vater?“

Und warum paart sich der Kampf um die Gleichstellung der Frau immer noch so oft mit Zwangsbeglückung und Bevormundung? Wenn es um das Muttersein ging, war die Wahlfreiheit im klassischen Feminismus ja nie so richtig vorgesehen. Dessen Ikone Simone de Beauvoir schrieb: „Keiner Frau sollte es erlaubt sein, zu Hause zu bleiben und ihre Kinder großzuziehen, denn hätten sie diese Möglichkeit, dann würden zu viele Frauen sie nutzen.“ Vielleicht dachte sie an einen vorübergehenden Zwang, bis Frauen wirklich frei entscheiden könnten. Aber viele Feministinnen trauen das Frauen bis heute nicht zu.

„Unpassende“ Studien. Und wenn Studien erscheinen, die nicht ins Bild passen, was dann? 2011 bejahten bei einer Befragung von 800 österreichischen Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren 55 Prozent der weiblichen Befragten die Aussage: „Wenn mein Partner so viel verdient, dass unser Lebensunterhalt gesichert ist, möchte ich Hausfrau sein.“ Studienleiter Peter Filzmaier erklärte das damit, dass „das Familienleben – mit ganz unterschiedlichen, auch modernen Familienbegriffen – in Österreich einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Wert darstellt.“ Dennoch zeigte sich der „Kurier“ überzeugt, die wahren „schockierenden Ursachen“ seien ausschließlich Wirtschaftskrise, Druck der Arbeitswelt und Versagen des Staats bei der Kinderbetreuung.

Noch viel aussagekräftiger war eine ebenfalls 2011 erschienene Studie des Mouvement Mondial des Mères (MMM). 61Prozent der befragten 11.000 europäischen Müttern sagten, sie wollten sich voll auf ihre Kinder konzentrieren, bis diese das dritte Lebensjahr vollendet hätten. 37 Prozent wollten das auch noch bis zum Schuleintritt. Und 70 Prozent wünschten sich Teilzeitarbeit bis zum 18. Lebensjahr der Kinder.

Haben alle diese Frauen ein deformiertes Bewusstsein? Flüchten sie alle vor einer zu harten, Frauen benachteiligenden Arbeitswelt? Oder sind unter ihnen doch einige oder viele, die einfach gern länger bei den Kindern bleiben möchten – ganz einfach, weil sie es wollen? Ja, und könnte es sein, dass es immer im Durchschnitt mehr Frauen als Männer geben wird, die das wollen, ganz gleich, wie viel Bewusstseins- und Systemveränderung man betreibt?

Birgit Kelle berichtet von einer Debatte mit der Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, die ihr vorwarf, „ich sei gar nicht frei, selbst zu entscheiden, ich sei gefangen in einer Illusion. Folgt man ihrer Argumentation, dann bin ich als freiwillige Hausfrau und Mutter eine Art Geisel mit ,Stockholm-Syndrom‘“, die mit ihrem Peiniger (dem Ehemann, dem System) kollaboriere.

Das erinnert an das herrliche Gespräch zwischen dem norwegischen Komiker Harald Eia und einer Genderforscherin in Eias viel beachteter Reportage „Gehirnwäsche“. Nachdem Eia die Dame mit Studien konfrontiert hat, die zeigen, wie unterschiedlich Buben und Mädchen sich vom Babyalter an etwa gegenüber Spielzeug verhalten, fragt er sie, ob dieses Material ihre Sichtweise ändere. Aber nein, antwortet sie, „nein. Ich habe eine theoretische Basis, so könnte man es sagen. Und darin ist kein Platz für Biologie.“

Weg mit dem H-Wort. Am besten wäre es wohl, könnte man den belasteten Begriff Hausfrauen überhaupt abschaffen, wenn es um Mütter geht, die sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen wollen. Das Wort ist zu sehr mit alten Lebensformen, mit Hilflosigkeit und Zwang assoziiert. Birgit Kelle hat offenbar kein Problem damit, betont aber ebenfalls: „Nur wenige Frauen sind heute wirklich Hausfrauen, wie sie in den Geschichtsbüchern stehen. Manche sind es nur für einige Jahre, andere für längere Zeit. Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, dann steckte ich zeitweise in jeder dieser Schubladen. Manchmal erfolgte der Wechsel im Wochenrhythmus. Ich bin es leid, von Schublade zu Schublade zu springen, je nachdem, in welche mich andere gern stecken wollen, um ihr Klischeedenken zu kultivieren. Kuchenbacken und Geschichtenvorlesen hindern mich nicht daran, Geld zu verdienen und meine Autoreifen selbst zu wechseln. Ich kann beides, denn ich bin eine Frau. Was von alledem ich jedoch lieber mache – mit Verlaub, das entscheide ich selbst.“

H-Debatte

Eva Herman. Die ehemalige deutsche Fernsehmoderatorin sorgt seit 2006 immer wieder für Debatten über Frau- und Muttersein. Herman bezichtigte den Feminismus, die Frauen zwischen unvereinbaren Rollen aufzureiben. Dass „Mutter und Kind in den ersten drei Jahren zusammengehören“, bezeichnete sie als „Naturgesetz“.

Elisabeth Badinter, prominente französische Feministin, veröffentlichte 2010 ihrBuch „Le conflit“ („Der Konflikt“). Darin warnte sie, dass der Trend zum Stillen und zur Betonung des „Mutterinstinkts“ die Ziele der Frauenbewegung gefährde.

Kristina Schröder, die deutsche Familienministerin, kritisierte 2012 im Buch „Danke, emanzipiert sind wir selbst“ Feministinnen wie Alice Schwarzer und „Strukturkonservative“ wie Eva Herman, weil sie bestimmen wollten, wie „das richtige Frauenleben auszusehen hat“.

Birgit Kelle hat wie Herman beschlossen, längere Zeit mit den Kindern zu Hause zu bleiben, will ihren persönlichen Lebensentwurf aber niemandem aufdrängen. Sie fordert im Gegenteil wie Schröder, dass jeder nach seiner Fasson selig werden dürfe. Somit müsse die Gesellschaft auch Hausfrauen jene Toleranz entgegenbringen, die sie so lautstark gegenüber allen Lebensentwürfen propagiere.

Birgit Kelle im Wortlaut

„Dann mach doch die Bluse zu“ ist im Adeo Verlag erschienen – ein Auszug daraus:

Aus feministischer Sicht bin ich eine wirklich traurige Gestalt, die über ihren Kindern gluckt, ihnen selbst gekochtes Essen aufzwingt, und das auch noch zu Hause! Ich bin es leid, das immer wieder zu erklären, zu entschuldigen, zu rechtfertigen. Es ist mein gutes Recht, mein Leben so zu leben, wie es mich glücklich macht. Ich habe nur dieses eine. War der Feminismus nicht einst dafür eingetreten? [...]

Das Frauenkollektiv ist tot, sollte es überhaupt jemals existiert haben. Es gibt nicht die Frau und auch nicht den einen „Frauenwillen“. [...] Der Zwang ist geblieben, nur die Aufseher haben gewechselt. Besser gesagt, die AufseherInnen [...].

Mussten wir uns früher also von Männern erklären lassen, was das Richtige für uns Frauen ist, müssen wir uns das heute von anderen Frauen gefallen lassen. [...] Mussten wir einstmals darum kämpfen, aus dem bürgerlichen Leben ausbrechen zu dürfen, müssen wir heute darum ringen, in diesem bleiben zu dürfen. Mussten wir früher darum kämpfen, berufstätig sein zu können, müssen wir heute dafür streiten, bei unseren Kindern bleiben zu dürfen.

Ein glückliches Dasein als Mutter und Ehefrau ist auf diesem Weg einfach nicht vorgesehen. Ganz im Gegenteil, es ist sogar ein Verrat an der Frauensache. [...] So schrieb etwa die amerikanische Feministin und Politikwissenschaftlerin Jane Mansbridge realistisch: „Wenn auch nur zehn Prozent aller amerikanischen Frauen Hausfrauen bleiben, so würde dies die traditionelle Sichtweise auf das, was Frauen tun sollen, bestärken und andere Frauen ermutigen, ebenfalls Hausfrauen zu sein, zumindest, wenn ihre Kinder klein sind ... Dies bedeutet, wie auch immer eine einzelne Feministin über Kindererziehung oder Hausarbeit denkt, so hat doch die Bewegung als Ganzes viele Gründe, Frauen von der Vollzeithausarbeit abzubringen.“

Noch Fragen? Es darf eben nicht sein, was nicht sein soll. Ich dürfte mich doch der Frauenbewegung anschließen, bekam ich einmal von einer Leserin zu hören [...]. Ja, ich dürfte mich doch in meinem Kampf für das Glück von Müttern netterweise anschließen, oder besser gesagt hinten anstellen bei der großen feministischen Sache. Was sie und auch viele andere Frauen dieser Generation offensichtlich nicht einmal ansatzweise begriffen haben: Ich bin längst Teil der Frauenbewegung, ich bewege mich nur in eine andere Richtung. [...]

Von mir aus soll doch jede Frau leben, wie sie will. Wenn sie Karriere machen möchte, dann nur zu, wir brauchen die Frauen in der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Politik. Wenn sie beides haben will, Kinder und Karriere, auch gut, dann sollten wir ihr helfen, das Ganze zu bewältigen. Und wenn sie Hausfrau und Mutter sein will? Dann lasst sie doch, und gebt ihr die gleiche Unterstützung für ihren Lebensweg, die ihr allen anderen Frauen auch zugesteht.

Aber genau daran hapert es, und deswegen bin ich an diesem Punkt absolut liberal. Da es nicht darum gehen kann, anderen Frauen einen bestimmten Lebensentwurf aufzudrängen und sich in der Rabenmutter/Heimchen-am-Herd-Diskussion aufzureiben, sondern darum, jede ihren eigenen Weg gehen zu lassen. So, wie Friedrich der Große es einst formulierte, dass jeder nach seiner Fasson selig werden soll.

An diesem Punkt sind die Konservativen übrigens weitaus liberaler als die sogenannte moderne Linke oder diejenigen, die sich dafür halten. [...] Selbst die verstocktesten Konservativen nehmen [...] inzwischen nahezu widerstandslos hin, dass die Gesellschaft sich verändert, sie müssen Toleranz aufbringen, um selbst noch konservativ sein zu dürfen in einem Land, in dem sie sonst als überholt abgestempelt werden. Adeo Verlag

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2013)

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