Renate Kaufmann: Beate Uhse und Kaffeebohnen

Die Mariahilfer Bezirksvorsteherin hat über ihre unvergesslichsten Erlebnisse geschrieben. Und plant ein Kochbuch.

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Renate Kaufmann. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Natürlich denkt man bei diesem Titel zuallererst an die Mariahilfer Straße: „Begegnungszone“. So heißt das Buch, das Renate Kaufmann, Bezirksvorsteherin des sechsten Bezirks, geschrieben hat. Der Titel sei ihrem Sohn eingefallen, betont die SPÖ-Politikerin. Mit den gleichnamigen Zonen und der viel diskutierten Verkehrsberuhigung auf der Mariahilfer Straße, die zur Hälfte in „ihrem“ Bezirk liegt, habe ihr Buch nichts zu tun.

Tatsächlich kommt die Debatte um die Mariahilfer Straße, wiewohl sie derzeit wohl auch Kaufmanns Berufsalltag beherrscht, gar nicht vor. „Natürlich hätte mich das gereizt“, sagt sie, „Aber dann wäre das Buch politisch geworden und genau das wollte ich nicht.“ Vielmehr will die Bezirkschefin die, wie der Untertitel des Buches ankündigt, „andere Seite der Politik“ zeigen, und zwar als Sammlung kurzweiliger Episoden, Erlebnisse und teils skurriler Momente aus 30 Jahren Bezirkspolitik.

Da ist etwa jene Geschichte, als Kaufmann versucht hat, den Konflikt zwischen Punks und Anrainern zu schlichten. Bewohner beschwerten sich über den Lärm der Punks, die Punks schworen, nicht laut zu sein. Kaufmann wollte sich selbst ein Bild machen und versteckte sich gemeinsam mit dem Mariahilfer Polizeichef stundenlang in der (verspiegelten) Auslage des Beate-Uhse-Sexshops. So konnte sie unbeobachtet die Punks im Auge behalten – und erkannte nebenbei so manchen Bezirksbewohner als Beate-Uhse-Kunden.

 

Kaufmann als Blumendiebin

Ein anderes Mal versuchte sie, einen Blumentrog, den jemand auf einen Radweg geschoben hatte, zu entfernen. Statt ihr dabei zu helfen, fotografierten sie aufmerksame Anrainer als vermeintliche Blumendiebin („Das schick ich an die ,Kronen Zeitung‘“).

Als Bezirkschefin kann es aber auch passieren, dass man spätabends zu Hause von einem Mann gestört wird, der derart hektisch läutet, dass die Gegensprechanlage kaputt geht. Ein Notfall? Nun, er hatte versehentlich ganze Kaffeebohnen gekauft und wollte fragen, ob die Bezirkschefin ihm vielleicht eine Kaffeemühle borgen könnte? Ja, auch das ist Bezirkspolitik.

Kaufmann ist nicht die erste Politikerin, die sich als Autorin versucht. Viele warten allerdings auf das Ende ihrer aktiven Zeit als Politiker. Andere tun es während ihrer politischen Karriere: Prominente ÖVP-Politiker unter Wolfgang Schüssel gaben dereinst ein „Rot-Weiß-Rotes“ Liederbuch heraus Die Kommentare? Durchaus hämisch. Trotzdem versuchte sich Wolfgang Schüssel Jahre später (2006) als Autor eines Gartenratgebers, bei dem er und seine Ministerkollegen Einblick in ihre Pflanzenpflege gewährten. So erfuhr man etwa von den Leiden von Ursula Plassniks Olivenbäumchen.

Denn ja, die Grenze zur Peinlichkeit kann da schnell einmal überschritten werden. Bezirkschefin Kaufmanns Erstling darf man davon ausnehmen: Die Geschichten sind teils amüsant, teils fast absurd, jedenfalls lebensnah. Und es ist gut zu wissen, dass auch eine Bezirkspolitikerin beim Ausfüllen des Parkscheins nicht genau weiß, ob der Samstag nun als Werktag zählt oder nicht. (Ja, tut er.)

Schon seit vielen Jahren hat Kaufmann Erlebnisse notiert, um sie nicht zu vergessen. Als bei ihr 2011 Krebs diagnostiziert wurde, „habe ich während der Chemo ein positives, zukunftsorientiertes Projekt gebraucht“. Da begann sie, die Anekdoten aufzuschreiben. Nach einigem Zögern („Blamieren will sich ja niemand“) ging sie (erfolgreich) auf Verlagssuche.

Die Namen der betroffenen Bezirksbewohner und teils auch der Straßen hat sie geändert. Demnächst geht Kaufmann auf (kleine) Lesetour und liest in Sozialeinrichtungen. Das Geld, das durch das Buch hereinkommt, will sie zur Gänze spenden.

Auf die „Begegnungszone“ könnte demnächst ein weiteres, noch viel unpolitischeres Buch folgen: Als passionierte Köchin und Bäckerin sammelt Kaufmann bereits Rezepte für ein eigenes Kochbuch.

ZUR PERSON

Renate Kaufmann, Jahrgang 1955, arbeitete bis 1978 als Hauptschullehrerin (Deutsch, Werken). Seit 31 Jahren ist sie in Mariahilf als Bezirkspolitikerin tätig, im Jahr 2001 wurde die SPÖ-Politikerin zur Bezirksvorsteherin gewählt.

„Begegnungszone oder die andere Seite der Politik“(echomedia, 14,90 €) heißt Kaufmanns erstes Buch, in dem sie Episoden aus ihrem Leben als Bezirkschefin erzählt. Am Donnerstag, 13. Februar (19 Uhr), stellt sie ihr Buch in der Buchhandlung Thalia (6., Mariahilfer Straße 99) vor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2014)

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