In Neu Delhi traf vergangenes Wochenende Hollywood auf Bollywood. Und das hat, nachträglich betrachtet, ziemlich folgenschwere Konsequenzen – auch von so etwas wie einem kleinen „Clash of Civilizations“ darf in diesem Zusammenhang durchaus die Rede sein.
Mit einem Haftbefehl endete vorläufig der Besuch von US-Schauspieler Richard Gere bei einer Aids-Aufklärungs-Veranstaltung. Dem amerikanischen Darsteller, der zu den absoluten Top-Verdienern seiner Branche zählt, ist für amerikanisch/europäische Verhältnisse kein wirklich schwerwiegendes Delikt vorzuwerfen. Gere hat eigentlich nichts weiter gemacht als öffentlich eine Frau zu küssen. Ziemlich stürmisch zwar und auf offener Bühne, dennoch war es nur ein Kuss auf Wange und Handrücken seiner indischen Kollegin Shilpa Shetty – letzteres hätte allerdings auch bei Benimm-Experte Elmayer zu Manöverkritik geführt.
In Indien hingegen wurde dieser Kuss, der im Fernsehen gezeigt wurde und in allen Zeitungen des Landes abgebildet war, als Missachtung der dort üblichen Gepflogenheiten verstanden. Ein Richter der nordindischen Stadt Jaipur hat deshalb sogar einen Haftbefehl gegen den Schauspieler erlassen. Ihm droht jetzt wegen eines „obszönen Akts in der Öffentlichkeit“ eine Haftstrafe bis zu drei Monaten und eine Geldstrafe.
Gleich danach versuchte Gere, bei einer US-Fernsehshow in die Gegenoffensive zu gehen: „Der Fall wandert erstmal vor ein seriöses Gericht, wo er dann verworfen werden wird.“ Einen Tag später versicherte er in einer schriftlichen Aussendung, dass er „nach fast zehn Jahren wohltätiger Arbeit in Indien“ mit dieser Handlung mit Sicherheit nichts Bösartiges gewollt hatte. Die Umarmung und die Küsse auf die Wange Shettys seien einer Szene aus dem Film „We shall dance“ nachempfunden gewesen.
In dem medialen Trubel kam eine bisher noch recht wenig zu Wort: die geküsste Shetty. Die Schauspielerin hat in den vergangenen Monaten ganz andere, Dinge (freiwillig) mitgemacht: Erst im Jänner nahm sie an der britischen „Big Brother-Show“ mit Prominenten teil (und gewann), obwohl sie dort vor laufender Kamera von ihren Mitbewohnern wegen ihrer Herkunft beschimpft wurde. Sogar der englische Außenminister Gordon Brown hatte damals politisch vermittelt.
Über ihren Sprecher Dale Bhagwagar lies sie nun ausrichten, dass es sich bei dem Kuss um einen harmlosen Vorfall handle und lobte Geres Engagement im Kampf gegen Aids.
Die indische Justiz kümmert das wenig. Gere wurde für nächsten Samstag nach Jaipur zur Einvernahme vorgeladen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2007)
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