Unfälle passieren und natürlich auch beim Film. Dass gleich elf Statisten bei Dreharbeiten zu Fall (und anschließend ins Krankenhaus) kommen, ist dann aber doch eher ungewöhnlich. Am Sonntag ist genau das in Berlin-Mitte passiert. Bei den Dreharbeiten zu jenem Film, den Nachrichtenagenturen mittlerweile nur mehr den „Tom-Cruise-Film“ nennen, stürzten elf Menschen in einer Kurve von einem Lastwagen, einer wurde schwer verletzt. Die Dreharbeiten mussten abgebrochen werden.
Bis zum Unfall drehte der amerikanische Regisseur Bryan Singer in der deutschen Hauptstadt seinen Film „Valkyrie“, indem er die Geschichte von Claus Schenk Graf von Stauffenberg und dessen erfolglosem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 nacherzählt. Den Widerstandskämpfer spielt der Amerikaner Tom Cruise, der deswegen seit Wochen in Berlin weilt (am Wochenende aber angeblich nicht am Set gewesen sein soll) und die Bewohner der Stadt zumindest ein bisschen (die Touristen dafür umso mehr) in hektische Aufregung versetzt. Kein Wunder also, dass die deutschen Zeitungen mehrheitlich vom „Tom Cruise-Film“ berichten. Zu Berichten gab es in jüngster Zeit genug. Wer in den Nachrichtenagenturen das Stichwort „Stauffenberg“ eingibt, bekommt mehr als 80 Treffer und zwar nur seit Anfang Juni.
Der Unfall am „Valkyrie“-Set vor dem deutschen Finanzministerium in der Wilhelmstraße ist also nur ein weiterer kleiner Zwischenfall in einer Reihe von Schwierigkeiten.
Erste Unkenrufe wurden bereits lange vor dem Drehstart laut, als Berthold Stauffenberg, Claus Stauffenbergs 72-jähriger Sohn, in einem Interview mit der „Süddeutschen“ erklärte, Tom Cruise „soll seine Finger von meinem Vater lassen.“ Zornig ist Stauffenberg junior vor allem deshalb, weil Cruise bekennender Scientologe ist. Es sei für ihn einfach befremdlich, dass so jemand seinen Vater verkörpern soll.
Wobei Berthold Stauffenberg grundsätzlich eher nicht mit Schauspielern zufrieden ist, die seinen Vater gespielt haben – „Valkyrie“ ist nicht der erste Film, der das Hitler-Attentat aufarbeitet. Auch Sebastian Koch habe ihm nicht gefallen, der deutsche Schauspieler verkörperte den Widerstandskämpfer in der jüngsten deutschen Stauffenberg-Verfilmung: „Ich ärgere mich jetzt noch, dass ich damals zur Premiere nach Berlin gefahren bin“, sagte Stauffenberg zur „Süddeutschen“.
Mit der Film-Besetzung hat auch der eigentliche Streit im Vorfeld der Produktion zu tun. Eigentlich hätte nämlich Thomas Kretschmann Stauffenberg spielen sollen. Weil aber Tom Cruises Studio, United Artists, den Film produziert, hat sich der Amerikaner mit dem Blendamed-Lächeln kurzerhand selbst als Hauptdarsteller besetzt. Der Deutsche Kretschmann, der seit Jahren in Hollywood lebt und sich mit Rollen in Kriegsdramen, wie „Stalingrad“, „U-571“ und „Der Pianist“, einen Namen gemacht hat, fühlte sich brüskiert. Gegen Hollywoods Mächtige kam er aber nicht an. Ein kleiner Trost für Kretschmann könnte aber sein, dass in weiterer Folge einige Kollegen „Valkyrie“-Angebote ausschlugen: Tobias Moretti zum Beispiel und die Deutsche Alexandra Maria Lara.
Tom Cruise ist die Negativ-Publicity derweil ziemlich egal. Er zeigt sich mit seiner Frau Katie Holmes und Tochter Suri ungewöhnlich offen in Berlin. Sogar so offen, dass auch seriöse Zeitungen, wie „Die Welt“, eine Art Top Ten der Plätze, „wo man die Cruises ganz bestimmt antrifft“, veröffentlicht hat. Da steht zum Beispiel, dass die Schauspieler-Familie im Regent am Gendarmenmarkt wohnt und gerne im Edel-Schuppen „Borchardt“ isst, das (sehr praktisch) gleich um die Ecke vom Regent liegt und wo derzeit (ebenfalls sehr praktisch), wegen der Sommerpause im Bundestag, nicht so viel los ist. Das alles und der obligatorische Knut-Besuch im Berliner Zoo bestätigen aber zumindest, dass Tom Cruise an diesem Wochenende wirklich nicht selbst am Set war. Mit dem Unfall hat er also nichts zu tun.
Valkyrie (Regie: Bryan Singer) erzählt das erfolglose Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944, das unter dem Decknamen Operation Walküre geplant wurde. Die Rolle des Widerstandskämpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg übernimmt Tom Cruise, was im Vorfeld für große Aufregung (wegen dessen Bekenntnis zu Scientology) sorgte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2007)
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