Die Woche begann für Bundeskanzler Alfred Gusenbauer ein wenig anders als sonst. Er empfing Montag früh zwar eine siebenköpfige Delegation, jedoch keine politische. Angeführt wurde das kleine Grüppchen älterer Herren vom amerikanischen Filmemacher David Lynch.
Ein Künstler im Kanzleramt, das ist an sich noch nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich war aber das Anliegen, mit dem Lynch den Kanzler konfrontierte. Der 61-jährige Eigenbrötler der amerikanischen Filmbranche, der für seine düsteren und verwirrenden Thriller bekannt ist, macht neuerdings Werbung für Transzendentale Meditation. Das heißt, er reist durch Europa und versucht Staatspräsidenten und Regierungschefs bei Kaffee und Kuchen davon zu überzeugen, dass Meditation der Schlüssel zu einer friedlicheren Gesellschaft sei: „Österreich hat acht Mio. Einwohner. Man bräuchte bloß 300 Menschen, die meditieren können und das weitergeben – und die Menschen in diesem Land wären glücklicher“, sagte Lynch nach dem Treffen mit Gusenbauer zur „Presse“.
Die „Friedensmission“, wie Lynch seine Reise nennt, begann er am 1. Oktober beim israelischen Präsidenten Schimon Peres und dessen französischem Kollegen, Nicolas Sarkozy. Der überreichte dem Künstler bei dieser Gelegenheit gleich den Orden der französischen Legionäre.
Der Besuch bei Sarkozy erklärt vielleicht ein wenig, warum auch Kanzler Gusenbauer gerne den Regisseur empfing. Was ein Sarkozy kann, kann ein Gusenbauer natürlich auch. Und der wirkte kurz nach der Unterredung mit dem US-Regisseur zwar am Thema interessiert, aber nicht restlos überzeugt. „Es ist auf jeden Fall eine interessante Idee, dass man in Stress- und Konfliktsituationen durch Meditation ruhiger wird“, sagte er dann zur „Presse“. Vor allem für Kinder sei das sicher hilfreich. Konnte Lynch den Kanzler also überreden, bald an allen österreichischen Schulen Meditationskurse einzuführen? Nein, nein, so weit würde Gusenbauer dann doch nicht gehen: „Das ist sicher kein Projekt, dass man flächendeckend betrachten kann“. Und dass Lynch und seine Mitarbeiter am liebsten schon im Jänner die ersten Meditationskurse in Wien anbieten wollen, hält der Kanzler für ein wenig übertrieben. „Der Zeitpunkt ist sicher utopisch“, sagte er.
Für Lynch hätte das Treffen hingegen nicht besser ablaufen können. Auf die Frage, wie der Kanzler auf seine Ideen reagierte, sagte er mit strahlender Miene: „So good! Ihr habt einen großartigen Kanzler.“ Lynch erschien im Kanzleramt mit dem österreichischen Ayurveda-Mediziner Lothar Krenner, dem Quantenphysiker John Hagelin und Viennale-Direktor Hans Hurch (der Lynchs sehr kurzfristig geplanten Wien-Aufenthalt koordinierte). Gemeinsam unterzeichnete man dann eine symbolische Gründungsresolution für eine private Friedensuniversität in Österreich. Aus dem Kanzleramt hieß es dazu bloß, man habe Lynch zugehört und ihm die österreichische Rechtslage in Bezug auf die Gründung von Universitäten erklärt.
Lynch erzählte danach sehr freundlich, dass er selbst seit 34 Jahren täglich zwei Mal meditiere und fügte hinzu: „Ich möchte 191 Privatuniversitäten in der Welt gründen.“ Bleibt da noch Zeit zum Filme machen? Nun ja, jetzt stünde nur mehr das Treffen mit der deutschen Kanzlerin, Angela Merkel, auf dem Programm. Zu Hause wolle er dann an seinen Bildern weiter arbeiten. Und auf Inspiration für einen neuen Film hoffen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2007)