Glücklich sein. Das kann sie. Zumindest sehen ihre feinen Gesichtszüge stets danach aus, nach tief empfundenem Glück. „Finden Sie?“, fragt Maria Schrader, nachdem sie im halb vollen Café Ritter erst einmal zur Ruhe kommen muss, ihre Zigaretten hervorkramt und ein stilles Mineralwasser bestellt.
Mit dem Handy am Ohr war sie kurz davor im Café angekommen, und hatte das Gespräch mit einem herzlichen „Gehab‘ Dich wohl“ beendet. „Entschuldigung, das musste sein“, sagt sie dann, „das war eine Freundin, mit der ich seit 20 Jahren nicht mehr geredet habe“. Die Freundin am Telefon ist Erni Mangold, eine von Schraders Professorin am Wiener Max Reinhardt Seminar Mitte der Achtziger Jahre.
Jetzt ist Maria Schrader (42) wieder in Wien, natürlich nicht zum ersten Mal seit 20 Jahren, dafür gleich zwei Mal in vier Tagen. Anfang der Woche war sie nur für ein paar Stunden in der Stadt, um dem ORF ein Interview zu geben, drei Tage später ist sie wieder da. Dazwischen stand sie am Kölner Schauspielhaus in Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ in der Inszenierung von Karin Beier als Véronique Houillé auf der Bühne. 24 Stunden später steht sie im dunklen Vorführsaal des Haydn Kinos auf der Mariahilfer Straße und präsentiert den Film „Liebesleben“, ihre erste Regiearbeit. Am gleichen Abend zeigt Arte den Film Rosenstraße, in der Schrader eine der Hauptrollen spielt. Es läuft also sichtlich gut für Frau Schrader.
Das Café Ritter kennt Maria Schrader noch und es hat sich in den vergangenen 20 Jahren auch kaum verändert. Findet sie. Aber ansonsten sei „Wien viel schicker geworden“, sagt sie. Ein echtes Ritual habe sie nicht, wenn sie nach Wien kommt. Diesmal war sie im Kunsthistorischen Museum, ging einmal durch die Innenstadt und hat Geschenke beim Demel (nicht im Sacher) gekauft und sich dann ein paar Stunden im Hotel Triest ausgeruht. „Aber es gibt natürlich Orte, zu denen ich fast eine heimatliche Verbundenheit spüre.“ Wie die Penzinger Straße Nummer 52, dort hat sie „in einem typischen Seminaristenhaus“ ihre ersten zwei Wiener Jahre verbracht, bevor sie später in die Porzellangasse übersiedelte. All diese Orte würde sie gerne besuchen, aber die Zeit reicht dafür diesmal nicht.
Seit Wochen reist sie mit „Liebesleben“ durch Europa. Der Film, und vor allem die Hauptfigur Jara, sei ihr in den vergangenen Jahren sehr ans Herz gewachsen. „Meine Tochter war im Kindergarten, als ich damit angefangen habe und jetzt ist sie in der vierten Klasse“, erzählt Schrader. Die Vorlage zum Film stammt von der um sechs Jahre älteren Autorin Zeruya Shalev, mit der Schrader 2001 auf Lesereise durch Deutschland tourte: „Die Idee zum Film kam von Zeruya. Sie hat gesagt, ,wenn das verfilmt werden würde, dann müsstest Du die Hauptrolle spielen‘“.
Kurz danach begann Schrader das Drehbuch zu schreiben. „Und erst als nach einem Jahr die erste Fassung fertig war, habe ich gedacht, jetzt möchte ich es doch selbst machen.“ Gedreht wurde schließlich im Jahr 2005. „Man kann das Schauspielen und das Regieführen nicht vergleichen. Das ist zwar der gleiche Arbeitsplatz, aber ein vollkommen anderer Beruf“, sagt sie rückblickend und fügt hinzu: „Das Spielen ist meine Heimat.“
Bei der Filmpremiere im Haydn Kino sind auch die Schauspieler Karlheinz Hackl und Michaela Rosen zu Gast, alte Bekannte aus der Zeit in Wien. Der kurze Doppel-Besuch in der Stadt hat Schrader gefallen. „Ich würde gerne wieder einmal hier arbeiten“, sagt sie und lächelt glücklich.
Maria Schrader, geb. 1965 in Hannover, besuchte von 1983 bis 1986 das Max Reinhardt Seminar in Wien, begann aber schon während des Studiums am Theater und in Filmen zu spielen und verließ die Schule noch vor dem Abschluss. Nach Hauptrollen in Filmen wie „Aimée und Jaguar“ und „Rosenstraße“ führte sie bei „Liebesleben“ zum ersten Mal Regie. Schrader lebt mit ihrer 9-jährigen Tochter in Berlin.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2007)

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