Was der Sommer 2002 für Anna Netrebko war, könnte der heurige Sommer für Ailyn Pérez bedeuten: Der Durchbruch inner-, aber vor allem außerhalb der Opernwelt. So wie für Netrebko die Rolle der „Donna Anna“ in „Don Giovanni“ bei den Salzburger Festspielen den Beginn ihrer Ära als der Popstar der Oper einläutete, könnte sich der (vor Netrebko nicht sonderlich Opern-affine) Boulevard diesmal auf Pérez stürzen.
Die bringt dazu einige Parallelen zu La Anna mit: Nicht nur, dass die 27-Jährige ganz offiziell in Netrebkos Fußstapfen tritt und für sie in „Roméo et Juliette“ einspringt. (Netrebko musste wegen ihrer Schwangerschaft absagen.) Pérez wird auch ein ähnlich großes Talent konstatiert. Nicht zu vergessen, und das ist in Sachen Medienaufmerksamkeit wahrscheinlich noch wichtiger: Sie sieht gut aus. Ja, Netrebko sogar ein bisschen ähnlich mit ihren dunklen Augen und ihrem Auftreten, in dem man keinen Anflug von Star-Allüren erkennen kann.
Wie auch? Noch ist Pérez kein klingender Name. Episoden wie jene Putzfrau-wird-Operndiva-Geschichte, mit der der Netrebko-Hype gefüttert wurde, kursieren über die Amerikanerin mit Latino-Wurzeln bisher nicht. Was sich aber ändern kann, hat sie erst einmal einen Plattenvertrag – und damit eine PR-Maschinerie hinter sich. In Sachen Popularitäts-Steigerung ist Pérez jedenfalls auf einem guten Weg: Seit kurzem ist sie im Ensemble der Met, ab Samstag mit Placido Domingo auf Tournee. Es folgt eine Japan-Tour mit den Salzburger Festspielen. Und dann – wartet Salzburg.
Ihr Debüt bei den Festspielen hat eine weitere Sopranistin, die als Netrebko-Nachfolgerin gilt, bereits hinter sich: Kate Royal, 28. Die schöne Britin ging im Vorjahr in Salzburg allerdings unter. Da war die Masse mehr mit Netrebkos Absage beschäftigt als mit Royals Arien.
Dabei wird die Britin in ihrer Heimat längst als neuer Star der Opernwelt gehandelt. Wie Netrebko wird sie von der Masse geliebt, von Kritikern gelobt. Von beidem ein bisschen zu viel, vielleicht. Bei ihrem Auftritt im Wiener Konzerthaus vor wenigen Tagen waren die Erwartungen wohl zu hoch: Die Kritiken vielen nicht nur positiv aus. Und das Interesse der Medien ist Royal gar nicht so recht. Sagt sie. Foto-Shootings sind ihr unangenehm, gleichzeitig hat sie, wohl um eine junge Generation anzusprechen, eine eigene My Space-Seite. Auf You Tube sind fast 200 Opernausschnitte von ihr zu finden, Netrebko hält bei 362. Vergleiche mit der großen Anna werden beiden, Royal und Pérez, nicht erspart bleiben.
Die hatte den Vorteil, dass ihr Aufstieg zum Pop-Opernstar neu war. Vergleiche? Gab es kaum. Und wenn, dann hinkten sie. Denn José Carreras, Placido Domingo und Luciano Pavarotti, die vor ihr gemeinsam den Massenmarkt bedienten, waren Männer. Und Maria Callas, auf die sie immer wieder angesprochen wurde und dabei enerviert mit den Augen rollte, war schon zu lange tot.
Das Phänomen Netrebko – existierte vor der schönen Russin schlicht nicht. Und danach? Kommt die Ära Royal, und vielleicht auch Pérez. Man wird sehen. Sommer 2008, wie gesagt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2008)

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