Schon viel besser“ gehe es ihm mittlerweile, sagt Walter Lutschinger. „Weil ich mich endlich ausgeschlafen habe.“ Die drei Nächte davor habe er kein Auge zugemacht, vor Sorge um seine teuerste Klientin, die Autorin („Wüstenblume“) und UN-Sonderbotschafterin Waris Dirie. Die Erleichterung über die Rückkehr von „Waris“, wie Lutschinger sie stets nennt, ist ihm anzuhören. Auch wenn er bereits ahnt, dass er in den kommenden Tagen nicht zur Ruhe kommen wird, sich weiter viele Fragen wird anhören müssen. Denn alles in allem klingt die Geschichte von Diries Verschwinden immer noch mysteriös – trotz des Happy Ends.
Seit Dienstagnacht hatte sich das frühere Model aus Somalia mit österreichischer Staatsbürgerschaft offenbar in der Stadt herumgetrieben. Weil sie nicht genug Geld bei sich hatte, habe sie in Lobbies von Hotels übernachtet, erklärte Dirie nach ihrem Auftauchen. „Wir sind gemeinsam in Brüssel angekommen, waren aber in verschiedenen Hotels untergebracht“, erzählt Lutschinger. Dirie hätte am Donnerstag bei einer Veranstaltung im EU-Parlament über Genitalverstümmelung sprechen sollen. Nachdem die beiden im Hotel angekommen waren, sei sie noch allein ausgegangen. „Allerdings ohne Geld und Kreditkarten und ihr Handy hat sie auch liegen gelassen.“ Nach dem Besuch in einer nahegelegenen Disco habe sie dann ein Taxifahrer zurück ins Hotel gefahren – allerdings ins falsche Sofitel, nicht in das gebuchte auf dem Place Jourdan nahe dem Europa-Parlament. Man habe zwar in den beiden anderen Brüsseler Sofitels angerufen. Nur habe dort niemand von einer Zimmerreservierung unter dem Namen „Dirie“ gewusst. „Verständlich“, sagt Lutschinger, „aus Sicherheitsgründen buchen wir ihre Hotels immer unter ihrem zweiten Namen Jones.“
Von nun an gehen die Erzählungen der belgischen Polizei und Lutschingers auseinander. Dirie habe in der Hotel-Lobby nicht, wie behauptet, zu randalieren begonnen. Sondern selbst nach der Polizei verlangt, in der Hoffnung sie könne ihr bei der Hotelsuche helfen. Die sei dann zwei Stunden mit ihr durch Brüssel gefahren, worauf sie „nicht sehr feine Aussagen“ (so Lutschinger) getätigt und die Polizei ihr mit Verhaftung gedroht habe. Dirie sei schließlich allein losgezogen. Am Freitag lief sie dann auf dem Brüsseler Grand' Place einem Polizisten in die Hände – nachdem ganz Brüssel und die österreichische Botschaft drei Tage nach ihr gesucht hatten.
Lutschinger habe sie dann vom Polizeipräsidium abgeholt, wo sie nur „sehr locker dagesessen“ sei und meinte: „Jetzt hab ich's doch geschafft“. Lutschinger: „Ich glaube, es kam einfach die Nomadin in ihr durch.“ „Wenn man ihre Geschichte kennt, dann versteht man das ein bisschen“. Sie sei nämlich eine, die stets in zwei Welten lebe und oft Erfahrungen mit Behörden gemacht. „Sie wusste, dass sie uns wieder finden würde. Und ob sie jetzt durch die Wüste oder durch Brüssel marschiert, das ist ihr egal.“
Im Flugzeug zurück nach Wien habe sie ihm ihre vielen Blasen an den Füßen gezeigt, „sie ist wirklich drei Tage lang marschiert“. Die Geschichte, die einige belgische Boulevardmedien verbreiteten, Dirie sei mit einem ehemaligen Räuber und heutigen Fensterputzer durch die Stadt gestreift, der für sie gekocht habe, glaubt Lutschinger nicht. Obwohl sie am Freitag in männlicher Begleitung gefunden wurde, wie die Polizei sagte. „Sie hat nur Wasser in Hotel-Lobbies getrunken, weil sie kein Geld bei sich hatte.“ Und: Drei Tage ohne zu essen, seien für sie kein Problem. „Ich kenne auch ihre Mutter und ihren Bruder, die sind das gewöhnt, drei, vier Tage nichts zu essen. Die haben nicht so ein Hungergefühl.“
Auch die Vermutung, Dirie habe unter Medikamenten- oder Alkohol-Einfluss gestanden, weist Lutschinger zurück. „Nein, also Drogen nimmt sie sicher nicht. Und dass sie früher Alkoholprobleme hatte, ist bekannt, darüber hat sie ja auch in ihren Büchern geschrieben.“ Das sei jetzt aber sicher kein Thema mehr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2008)
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