Kann man seine jüngere Schwester verachten, weil sie einem stets die Aufmerksamkeit anderer stiehlt? Und kann man unter der Berühmtheit der eigenen Schwester leiden, obwohl man selbst bekannt und durchaus erfolgreich ist? Man kann, wie das zwischen Gespanntheit und starker Nähe pendelnde Verhältnis der italienischen Halbschwestern Bruni zeigt.
Die eine, Valeria Bruni-Tedeschi, ist Schauspielerin und wird von Kritikern heute zur Königsklasse französischer Darstellerinnen gezählt. Die andere, Carla Bruni-Sarkozy, war Model, ist Sängerin und seit kurzem die neue Première Dame Frankreichs.
Was die beiden verbindet ist die gemeinsame Kindheit (mit dem älteren Bruder Virginio) im Turiner Renaissance-Schloss Castagneto Po. Eine wohlhabende Kindheit, die 1973 jäh gestört wird. Die reiche Industriellenfamilie Bruni-Tedeschi flieht von Turin nach Paris – aus Angst vor den Entführungen der Roten Brigaden. „Eine etwas andere Emigration. Nicht aus Armut, sondern aus Reichtum“, sagt Valeria heute. Carla ist damals fünf, Valeria neun. Die beiden wissen damals auch (noch) nicht, dass Carla nicht die Tochter von Familienpatron Alberto Bruni-Tedeschi ist. Vielmehr aus einer Liaison ihrer Mutter, der talentierten Pianistin Marisa Borini, mit dem 13 Jahre jüngeren Maurizio Remmert, dem Mitinhaber des Pirelli-Konzerns entstammt. Erst am Totenbett ihres (Stief-)Vaters 1996 erfahren sie, dass sie Halbschwestern sind.
Da ist das Verhältnis der Schwestern aber schon ein distanziertes. Die Theater- und Filmkarriere der scheuen Valeria kommt nur schleppend ins Rollen, die jüngere Schwester erobert derweil die internationalen Catwalks. Während sich die eine plagt, aus sich herauszukommen, verkauft die andere der ganzen Welt bereitwillig ihren Körper – mitunter sogar nackt. Wer von Valeria spricht, hängt immer ein „die Schwester von Carla Bruni“ an, umgekehrt passiert das hingegen nie.
2003 kommt Valerias große Chance. Sie präsentiert ihre erste Regiearbeit „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr“ und stellt den Film, in dem sie auch die Hauptrolle spielt, ein Jahr später auch bei der Viennale vor. In Wien wird sie zunächst vorsichtig, danach (wie immer in Österreich) umso vehementer als „Star“ (ab)gefeiert. In Frankreich aber hat ihr Schwester Carla auch damals die Show gestohlen. Kurz bevor Valeria ihren Wechsel ins Regiefach verkündet, veröffentlicht Carla ihr erstes Album „Quelqu'un m'a dit“, das in Frankreich hymnisch gefeiert wird.
Nicht zufällig erzählt Valeria in ihrem Regiedebüt von einem reichen Mädchen aus gutem Haus, das aus Italien fliehen muss, unter seiner Herkunft leidet und ein schlechtes Gewissen wegen ihres Reichtums hat. Bruni-Tedeschi gibt danach in Interviews zu, dass ihr Film starke autobiografische Züge hat – die Schwester Carla heißt im Film Bianca.
Als Valeria kurz im Vorjahr vor Weihnachten ihre zweite Regiearbeit „Actrices“ (in der sie wieder die Hauptrolle spielt) vorstellt, verpatzt die kleine Schwester abermals den großen Auftritt. Sie zeigt sich erstmals mit Nicolas Sarkozy (den ihre Schwester zuvor einen „Diktator“ nennt) – im Pariser Disneyland. Die große Bruni und ihr kleiner Film sind da (wieder einmal) weniger interessant.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2008)

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