Kabarettist Gery Seidl: "Perfektion ist langweilig"

Früher hat er auf dem Bau gearbeitet, wagte dann den Schritt auf die Bühne: Mit "Bitte. Danke." eröffnet Gery Seidl heute das Wiener Kabarettfestival.

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(c) Ernesto Gelles

Der Mann kann sich in Rage reden, über unfähige Handwerker schimpfen und grantelnde Ober („Wenn man niemandem etwas bringen will, dann darf man doch bitte nicht Kellner werden!“). Über das Waldviertel („Das halbe Jahr friert man dort, und die zweite Hälfte ist Winter“) und, nun, im Grunde, so ganz allgemein über das Leben als Ehemann.

Auf der Bühne gibt der Kabarettist Gery Seidl in seinem aktuellen Programm „Bitte.Danke.“ einen Antihelden, der von seiner Frau genötigt wird, aus der Stadt ins Waldviertel zu übersiedeln. Immer wieder tritt er mit seinem sehr wütenden inneren Ich („dem Herrn Seidl“) in Dialog, seinem kleinen inneren Wutbürger sozusagen.

Abseits der Bühne redet sich Seidl zwar nicht unbedingt in Rage, aber spricht immer noch sehr, sehr viel. Die Figur, die er auf der Bühne darstelle, sei „natürlich nahe an mir“, erzählt er bei einem Kaffee im Wiener Museumsquartier. „Das ist mein Anspruch ans Kabarett. Natürlich könnte ich auf die Bühne gehen und die Leute mit Lügen überschütten, aber das wäre nicht authentisch.“ Ein Kabarettprogramm „lebt aber auch von der Überhöhung: Ich wollte einen Antihelden spielen, weil die lustiger sind. Was perfekt ist, finde ich langweilig.“

Somit lässt sich die Figur Seidl auf der Bühne natürlich nicht mit dem echten Seidl gleichsetzen: So war es gar nicht seine Frau (die auch nicht Andrea heißt), die raus aus der Stadt wollte, sondern Seidl selbst („Das Landei bin ich“). Gebaut hat man auch nicht im Waldviertel, sondern im Wiener Umland – in der Nähe von Klosterneuburg, wo Seidl auch aufgewachsen ist.

 

Unterricht bei Herwig Seeböck

Nach der HTL arbeitete der gebürtige Wiener (Jahrgang 1975) zunächst auf dem Bau als Abschnittsbauleiter, ehe er seiner großen Passion – die Leute auf der Bühne zu unterhalten – nachgab und auf Kabarettist umsattelte. Ein großer Schritt. Aber einer, den er – da „schuldenfrei und kinderlos“ (mittlerweile hat er eine Tochter) – riskierte. „Ich habe gewusst: Entweder ich bleibe jetzt Bauleiter und frage mich mit 50, warum ich es nicht gewagt habe“, sagt er, „oder ich wage es jetzt.“

Einen ersten Versuch hatte er davor unternommen und sich als Schüler am Reinhardt-Seminar beworben. Doch als er dort mit einem unfreundlichen Portier konfrontiert war, „hab ich in der Sekunde gewusst: Dort hab ich nichts verloren.“ Nach der Matura nahm er schließlich bei seinem Mentor, dem legendären Herwig Seeböck, Schauspielunterricht. Gelegentlich sieht man ihn auch in TV-Serien („Schnell ermittelt“), er ist aber auch als Werbefigur und -sprecher („Gertiii!“) tätig.

Hauptsächlich tourt er als Kabarettist durch das Land, zwischendurch macht er auch in Deutschland halt. Dort muss er als Schnellredner zwar „etwas langsamer sprechen“, das deutsche Publikum kann auch nicht mit allen Dialektwörtern etwas anfangen, „die lasse ich aber bewusst drinnen und erkläre ihnen dann: Ein ,Gösngitter‘ ist ein Moskitonetz“. Gewisse Bilder, etwa jenes des dauergrantelnden Kellners oder die typischen Paarprobleme (Wiedererkennungswert: hoch) funktionieren auch in Deutschland. Sehr wien-spezifisch ist wiederum seine Abrechnung mit der Buslinie 13A: „Bei den Wiener Linien stellen sie alle ein, die für die Formel 1 zu lange Haare haben.“

Heute, Montag, eröffnet Seidl das Kabarettfestival im Wiener Rathaus mit einem Teil seines vierten Soloprogramms. Angefangen hat er im Duo (mit Gerhard Walter) und hätte auch wieder Lust auf einen Bühenpartner und Stichwortgeber: „Im Kopf hab ich das schon, ich muss es nur noch aufschreiben.“ An sich schätzt er aber, das Publikum für sich allein zu haben: „Wenn du allein auf einer Bühne stehst und das Haus ist voll: Das ist für mich das größte Privileg überhaupt.“

AUF EINEN BLICK

Gery Seidl eröffnet heute, Montag (19.30 Uhr), das Wiener Kabarettfestival im Rathaus (Arkadenhof), den zweiten Teil des Abends bestreitet der künstlerische Leiter, Viktor Gernot. Bis inklusive Sa., 26. Juli, stehen unter anderem Thomas Stipsits (22.7.), Klaus Eckel (24.7.) und Andreas Vitásek (25.7.) auf der Bühne. Infos und Karten unter: www.wienerkabarettfestival.at

Mit seinem Programm „Bitte.Danke.“ ist Gery Seidl zudem ab 8. August in Österreich auf Tour, alle Termine finden sich unter: www.geryseidl.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2014)

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