Londoner Wille zur Lebensfreude „Es gibt in Wien so viel zu feiern“

Eugene Quinn, Ex-BBC-Journalist, findet: Die Wiener sollten endlich ihre Stadt genießen. Am besten mit vielfältigeren Lokalen und mehr Musik.

Eugene Quinn
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Eugene Quinn
(c) Clemens Fabry - Die Presse

Ausgerechnet das Hawelka. Das legendäre Café, das in jedem Führer steht, und in das kaum je ein Wiener geht: Hier will sich Eugene Quinn treffen. „Es ist ein wunderbarer Ort, man kann die Zeitungen nutzen, es gibt keine Musik, dafür diese besondere Art von Ruhe und Intimität.“ Das Kaffeehaus von Torberg und Artmann, Hundertwasser, Qualtinger.

Deren Tradition des gegenseitigen Austauschs wiederzubeleben ist eines der Dinge, die sich Quinn zum Ziel gesetzt hat. Etwa mit „Coffeehouse Conversations“, bei denen sich je ein Wiener und ein internationaler Besucher kennenlernen können. Nebenbei werde dabei auch das Image Wiens aktualisiert. „International glauben viele immer noch, die Stadt sei verstaubt. Dabei ist sie modern und jung – nur die Stadtführungen enden bei 1912.“

Seit fünf Jahren lebt der Londoner hier, er ist mit einer Österreicherin verheiratet, hat mit ihr das Projekt „space and place“ gegründet, das „mit Wien spielen“ will, „neue Verbindungen herstellen, neue Netzwerke“. Etwa am 27. September in Hernals, „dem vielfältigsten Bezirk“, wo man auf dem vernachlässigten Dornerplatz feiert. Vielfalt bedeute mehr, als Muslime ins österreichische Leben zu integrieren, sagt Quinn. Es bedeute auch, dass alte Menschen junge treffen, linke auf rechte, arme auf reiche. Das komme immer seltener vor. „Vor allem das Internet erlaubt Leuten, sich nur noch mit Gleichgesinnten zu umgeben. Es ist wie eine Echo-Kammer. Man hört nur die eigenen Ansichten.“

Genau das will der ehemalige Radiojournalist aufbrechen. Früher war er bei „BBC World Service“ und auf Trends spezialisiert. Und immer auch irgendwie Einwanderer: Sein Vater war ein irischer Bauarbeiter und späterer Philosoph. Nach Wien kam Quinn der Liebe wegen, und er behandelt die Stadt „immer noch wie ein Tourist, ich trete in der Früh aufgeregt auf die Straße“. Und wundert sich dort mitunter über den Grant der Menschen „in der lebenswertesten Stadt der Welt“.

 

Freundlichkeit und Empanadas

Er selbst, sagt Quinn, sei fest entschlossen, „das Leben in Wien zu feiern, auch wenn mir immer wieder Leute sagen, ich müsste nur ein paar Jahre warten und würde denken wie sie“. Dass es Verbesserungspotenzial gäbe, das weiß er längst. Etwa ein wenig „mehr Freude als Angst“, und ein bisschen mehr Freundlichkeit in den legendär unfreundlichen Lokalen und Ämtern. Die komplizierten Verfahren seien es auch, die eine wirklich vielfältige Lokalszene wie in London verhindern würden. „Ein Freund aus Guatemala will ein Empanada-Restaurant aufmachen und scheitert seit Jahren.“ Auch ein gutes Curry-Lokal hätte der Engländer gern – und ein richtiges Rauchverbot. „Österreich wirkt mit seinen Raucherlokalen schön langsam altmodisch. Russen oder Kroaten kommen inzwischen extra deshalb her ...“

Was Quinn vermisst, ist die Lust zu tanzen. „Einmal auf den Körper, nicht auf den Kopf zu hören.“ Er selbst legt im September sieben Mal als DJ auf – etwa beim Streetlife Festival in der Babenbergerstraße. Gern mehr Musik hätte er auch im Straßenleben: „Aus keinem Lokal, keinem Geschäft hört man etwas. Die wichtigste Musikstadt der Welt ist fast immer still.“

Auch die Öffnungszeiten würde der Londoner gern flexibler sehen – Öffnung dann, „wenn Leute, die arbeiten, Zeit haben, ihr Geld auszugeben“. In der Gegend um den Karmelitermarkt, wo er wohnt, schließen die Geschäfte am Samstag zu Mittag. „Dafür könnte ich am Markt selbst im Jänner um sechs Uhr Früh einkaufen. Das ist verrückt. Das passt einfach nicht zum Wochenend-Rhythmus vieler Leute.“

Apropos Wochenende: Quinn staunt, wie sehr sich die Hauptstädter aufs Wochenende außerhalb freuen. „Wien ist auch am Sonntag spektakulär. Es ist doch schade, wenn man in einer Stadt arbeitet, aber nicht wirklich lebt. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, zu einer Stadt zu gehören.“

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AUF EINEN BLICK

Eugene Quinn stammt aus London und ist Mitbegründer der Gruppe „space and place“. Eines seiner Projekte sind „Coffeehouse Conversations“ zwischen Wienern und Besuchern, regulär einmal pro Monat im Café Ministerium und derzeit in einer abgewandelten Gratisversion in Kooperation mit einer Reiseagentur im Café Landtmann. Anmeldung: www.spaceandplace.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2014)

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