Im Dienst der Migrantinnen

Vor rund 30 Jahren wurden zahlreiche Migrantinnenorganisationen gegründet. Viel hat sich seither geändert – doch ihre Arbeit wird nach wie vor gebraucht.

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Gamze Ongan – Die Presse

Das Jahr 1984 ist das Jahr eins nach Bruno Kreisky. Die Ära der SPÖ-Alleinregierung geht zu Ende, Fred Sinowatz hat als Regierungschef die FPÖ als Juniorpartner. Sechs Jahre zuvor wurden die Wiener Frauenhäuser gegründet, seit rund neun Jahren gilt die Fristenregelung und die Sozialdemokratin Johanna Dohnal bekleidet – wie unter Kreisky auch – das Staatssekretariatsamt für Frauenfragen. Vergewaltigungen innerhalb der Ehe stehen zu diesem Zeitpunkt noch nicht unter Strafe, das Binnen-I ist noch Fantasie und die Anzahl der Frauen im Parlament mehr als überschaubar. Die Frauenbewegung in Österreich ist noch jung. In diesem Jahr wird auch der Verein Peregrina gegründet. Dem Sozialministerium unter Alfred Dallinger ist das eine willkommene Entwicklung.

Obfrau Gamze Ongan steht heute in einem großen Raum mit riesigen Fenstern – Peregrina befindet sich im Kulturzentrum WUK – und zeigt auf die kleinen Schwarz-Weiß-Bilder etlicher Frauen, die an der Wand hängen. Die anderen Räume sind bunt gestrichen, Sessel aus Bast stehen herum, Schreibtische und noch mehr Bilder. Peregrina ist ein „Nebenprodukt“ der Frauenbewegung. Als in den 1980er-Jahren österreichische Parteien und Organisationen immer selbstbewusster und selbstverständlicher für Frauenbelange eintreten, zieht die Emanzipation an vielen Migrantinnen vorbei; sie werden nicht erreicht, es gibt sprachliche Hürden. Seit 30 Jahren also beraten die Mitarbeiterinnen von Peregrina Migrantinnen, und ihre Arbeit sei nicht weniger geworden, sagt Ongan.

„Ganz zu Beginn waren es Frauen aus der Türkei, dann kamen immer mehr aus dem Iran und Ex-Jugoslawien“, erklärt Ongan. Vor allem Kriegsflüchtlinge aus Bosnien haben traumatisiert die Beratungszimmer aufgesucht. „Seitdem bieten wir auch psychologische Beratung an.“ Wie die Ursprungsländer der Frauen – in der Zwischenzeit werden vermehrt Frauen aus Tschetschenien und afrikanischen Ländern betreut – haben sich auch die Problemfelder geändert. Vor allem in den vergangenen Jahren sei Armut extrem gestiegen, so Ongan. Ihre Klientinnen arbeiten oft in unqualifizierten Branchen, viele von ihnen haben einen Uni-Abschluss. Zudem seien die Sozialleistungen stark an den Aufenthaltsstatus gebunden – und dieser an die Deutschkenntnisse, die die Frauen mit dem Sprachdiplom B1 vorweisen müssen.

Viele Frauen bestehen die Kurse, die bei Peregrina auch angeboten werden, neben Arbeit und Kinderbetreuung nicht. Scheidungen sind ebenfalls ein Thema, oft in Zusammenhang mit Gewalt in der Ehe, aber auch Gesundheit und Arbeitssuche. Die Beraterinnen haben immer denselben Zugang zu den Frauen: „Natürlich muss man interkulturell sensibel sein“, sagt Ongan, „aber es ist ein Mythos, dass man Frauen aufgrund ihrer Kultur unterschiedlich begegnen muss.“ Und noch etwas habe sich in den vergangenen drei Jahrzehnten geändert: „Heute sind die Frauen nicht am Ende, wenn sie kommen. Sie sind besser informiert.“


Betroffene von Zwangsheirat.
In den 1980er-Jahren wurden im Fahrwasser der Frauenbewegung mehrere Vereine gegründet, die sich der Belange der Migrantinnen angenommen haben – auch in ihrer Muttersprache. Im Jahr 1985 haben mehrere Südamerikanerinnen in Wien den Verein Lefö gegründet, der vor allem Anlaufstelle für Sexarbeiterinnen war; heute ist das Angebot weiter gefasst. Der Wiener Verein Orient Express hingegen bietet Beratungen unter anderem für Betroffene von Zwangsheirat an.

„Früher hatten wir die finanzielle Sicherheit nicht“, so Ongan. Man habe nie gewusst, ob man nach Silvester noch einen Job hat, zumal Vereine wie Peregrina oft nach temporären Projekten subventioniert werden. Heute wird der Verein mit 18 Mitarbeitern sowohl vom Bund, als auch von der Gemeinde Wien erhalten, in Teilen auch von der EU. „Was wir noch gern ausbauen würden“, sagt Ongan, „ist die psychologische Beratung.“ Ein durchaus schwieriges Thema in Österreich, zumal es an Psychologen fehlt, die die Muttersprachen der Klientinnen beherrschen: „Eine Therapie muss man in der Muttersprache machen.“ Wie solle man sich sonst erklären?

Kaum jemand kennt dieses Problem so gut wie Aslihan Karabiber. Als sie zu Beginn der 1980er-Jahre beginnt, mit Migrantinnen zu arbeiten, gibt sie Schreib- und Lesekurse. Ihre Kolleginnen, die die vornehmlich türkeistämmige Klientel im Park oder auf den Straßen ansprechen, bieten Nähkurse an, später wird es Lernbetreuung für die Kinder der Frauen geben.

„Miteinander lernen“ heißt jener Verein, der 1983 gegründet wurde und seine Räumlichkeiten heute in Ottakring hat, in einem unscheinbaren Zinshaus, in dem Karabiber in den Therapieraum führt. Eigentlich sei sie für ihr Doktoratsstudium in Pädagogik nach Wien gekommen, erzählt sie. Bei der Arbeit mit Migrantinnen habe sie aber bemerkt, dass viele Frauen psychologische Unterstützung brauchen, diese aber kaum erhalten können. Sie lässt sich zur Therapeutin ausbilden, und als sie zu arbeiten beginnt, ist sie unter den ersten Therapeuten in Österreich, die türkisch sprechen. Das Leben im Ausland, finanzielle Not, Schwierigkeiten in der Ehe oder mit den Kindern und Arbeitslosigkeit sind die Themen, die von den Klienten angesprochen werden. Weil österreichweit auch die Anlaufstellen fehlen, fährt Karabiber alle drei Wochen nach Innsbruck und bietet dort Therapiestunden auf türkisch an.

„Es gibt Frauen“, sagt Karabiber, „die seit 15 Jahren in Wien leben und noch nie am Karlsplatz oder im Stephansdom waren.“ Bei vielen Migrantinnen – etwa aus der Türkei – sei der Lebensraum eng und die Möglichkeiten beschränkt. Diese Frauen wollen die Mitarbeiterinnen des Vereins „Miteinander lernen“ ansprechen – daran habe sich in den vergangenen 30 Jahren kaum etwas geändert. Gegründet wird der Verein von mehreren aktiven Frauen, die die Frauensolidarität auch für Migrantinnen beanspruchen: „Dritte Welt bei uns“, heißt der Slogan damals. Was mit Nähkursen beginnt, wird später zum Beratungs- und Therapiezentrum ausgebaut. Die Kurse seien noch immer brechend voll, erzählt Karabiber. Nur habe der Verein für die Therapie noch immer keinen Kassenvertrag, was ihre Arbeit erschwere.

Die Vereine selbst haben in den vergangenen Jahrzehnten auch interne Veränderungen durchgemacht. Anfänglich habe man amateurhaft gearbeitet, sagt Karabiber; man sei auch ideologisch verhaftet gewesen, vielleicht auch weniger flexibel. Und nun wartet man vor allem auf den nächsten Generationenwechsel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2014)

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