Irgendwie geknickt und (wenn er nicht gerade seine Klarinette bearbeitet) konstant nach unten blickend sitzt Woody Allen mit übereinander geschlagen Beinen auf einem Klappsessel. Ab und zu wippt er im Takt der Musik mit dem Fuß. Manchmal, wenn die Klarinette im Stück pausieren muss, parkt Allen das Instrument auf seinem Oberschenkel und sieht gedankenverloren auf den Boden.
Richtig entspannt wirkt der Meister des satirischen US-Films dabei nicht. Und das, obwohl der gebürtige New Yorker in seiner Heimatstadt jede Woche mit seiner „Eddy Davis New Orleans Jazz Band“ auf der Bühne steht. Schon seit vielen Jahren. Woody Allen wird umringt von einem verschmitzt grinsenden Banjospieler, einem introvertierten Schlagzeuger, einem hoch begabten Pianisten und zwei schrulligen Trompetern. Alle Bandmitglieder (außer Allen) haben rote Haare und tragen stets ein breites Grinsen auf ihren Lippen. Davon kann bei Woody Allen allerdings nicht die Rede sein. Die Mundwinkel könnten gar nicht tiefer hängen.
In Woody Allens Jazz Band spielt auch eine Frau mit. Ein Scarlett-Johansson-Verschnitt (seine jüngste Filmmuse), eine junge Mia Farrow oder eine zierliche Asiatin (wie seine langjährige Ehefrau) hätte man sich vielleicht erwartet. Aber weit gefehlt. In diesem Fall treffen wir auf eine unauffällige, etwas mollige und höchst talentierte Kontrabassistin.
Die Stimmung ist gut. Die Musiker wirken ausgelassen. Die höchstens hundert Zuschauer jeglicher Altersklasse wiegen ihre Köpfe im Takt der Musik. Wir befinden uns in New York, Upper East Side, im Café des „Carlyle Hotel“, das erst im September des Vorjahres nach der Renovierung wieder eröffnet wurde. Hier tritt Woody Allen das ganze Jahr hindurch, bis auf eine kleine Sommerpause, jeden Montag auf, pünktlich um kurz vor 21 Uhr.
Allen spielt seit seiner frühesten Kindheit Klarinette, er hat in seiner Jugend täglich mindestens zwei Stunden geübt. Auch wenn Allen keinerlei Gefühlsregung zeigt und das Publikum völlig ignoriert, spürt man (spätestens als er voller Liebe die Mundstücke seiner Klarinette putzt), dass dem 72-Jährigen das Klarinettenspiel ans Herz gewachsen ist.
Das versprochene Sechzig-Minuten-Konzert wird freiwillig auf knappe hundert ausgedehnt, und auch zu einem Solo von „La Vie en Rose“ lässt er sich von seinem rothaarigen Banjospieler Eddy überreden. Und spätestens als er ganz am Ende des Konzerts ein kleines Liedchen singt – und dabei seine Klarinette verstaut –, liegen ihm die Gäste zu Füßen.
Trotzdem ist Allen, wie sich im späteren Gespräch mit der „Presse“ herausstellt, vor und während seiner Konzerte immer noch sehr nervös. Jedenfalls nervöser als bei den Dreharbeiten seiner Filme. „Vor zehn Jahren habe ich mit Eddy Davis beschlossen, dieses Projekt in Angriff zu nehmen“, sagt Allen zur „Presse“. „Wir beide lieben die Musik von Jimmy Durante und fühlen uns sehr inspiriert dadurch.“
Mittlerweile ist aus dem Trio ein Sextett geworden. Vor einem halben Jahr, kurz nach seinem 72. Geburtstag, ist Woody Allen mit der Band in der Wiener Stadthalle aufgetreten. „Bei dieser Tour ist mir fast das Herz in die Hose gerutscht. Ich weiß gar nicht, warum ich mir das angetan habe, wenn ich schon kaum vor fünfzig Leuten entspannt spielen kann“, sagt er.
Viel mehr ist aus dem Filmemacher nicht mehr herauszuholen. Von Erschöpfung und Menschenscheu angetrieben verlässt er das Lokal auf der Madison Avenue – durch den Hintereingang.
■Woody Allen, geb. am 1.Dez.1935 in Brooklyn, hat sich außer den vielen Filmen, die er schuf („Hannah und ihre Schwestern“, „Stadtneurotiker“, „Celebrity“, „Match Point“), auch immer für Musik interessiert. Ein Mal pro Woche spielt er mit seiner „Eddy Davis New Orleans Jazz Band“ im Carlyle Hotel in Manhattan.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2008)

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