Man sieht sie selten während der Festspielzeit, die „echten“ Salzburger. Zumindest in den Klatschspalten der Boulevardzeitungen. Denn die vermeintlich schillernden Persönlichkeiten kommen eher nicht aus der Stadt, sondern aus München, Paris oder Wien. Die Salzburger hingegen, die verlassen die Stadt im Sommer. Die anderen müssen arbeiten. In Hotels und Restaurants. Da bleibt keine Zeit, sich auf den roten Teppichen zu zeigen, die während der Festspielzeit ausgerollt sind. Sagt man.
Zum Teil stimmt das. Aber eben nicht ganz. Es gibt auch Menschen, die das ganze Jahr über hier wohnen und zur Festspielzeit da bleiben, Premieren und andere gesellschaftliche Anlässe des Sommers besuchen. Wie zum Beispiel Kay Sperling und seine Frau, die Expertin für alten Schmuck Katharina von Leuhusen. Sperling, eigentlich gebürtiger Innsbrucker und in seiner Jugend sozialisierter Münchner, lebt seit mehr als vierzig Jahren in der Stadt. Genau genommen in der Vorstadt, in Anif. Dort bewohnt er mit seiner Frau das älteste bewohnte Haus, das seit über 100 Jahren im Familienbesitz ist. Teile des Hauses wurden im 14. Jahrhundert erbaut.
In dem 4000 m großen Garten saßen schon viele weit gereiste Salzburg-Fans. Mit Marianne Sayn-Wittgenstein-Sayn ist Sperling seit 30Jahren befreundet, ein „tolles Weib“ nennt er die „Fürstin“. Was Sperling heute vermisst, sind die beinahe „völkerverbindenden“ Treffen, die früher in Salzburg stattgefunden haben, wie er meint. Lange bevor es so etwas wie Sponsoring gab.
Weil er amerikanophil gewesen sei, sagt Sperling, habe er durch Zufall Jo Troy und Dick Colburn kennen gelernt, die beide schon verstorben sind. Letzterer war ein berühmter Anwalt und zudem sehr musikalisch begabt und interessiert. In seinem Salzburger Bauernhaus musizierte er etwa mit Leonard Bernstein und begann Anfang der Siebziger Jahre anderen Amerikanern Salzburg näher zu bringen. Das nannte er „The Salzburg Seminar“. Auf Schloss Leopoldskron, dem ehemaligen Wohnsitz Max Reinhardts, versammelte Colburn damals, „im tiefsten Kalten Krieg“, bis zu 170 Leute aus der ganzen Welt. „Da waren vielleicht drei bis vier Salzburger darunter. Und einer von denen war ich“, sagt Sperling. Neben der Kunst sei immer auch die Politik im Vordergrund gestanden, Henry Kissinger und Willy Brandt seien damals im Schloss Leopoldskron aus- und eingegangen.
Anfang der Achtziger Jahre wurden daraus die „American Friends of the Salzburg Festival“, ein Vorläufer der heute so beliebten Fördervereine von Museen und Kultureinrichtungen, in denen alle zahlenden Mitglieder „Freunde“ heißen. „Da wurden Vorträge vor und nach den Aufführungen organisiert, und die Menschen, die genug Geld hatten, haben eben ein bisschen etwas hier gelassen.“
Sperling hat die Entwicklung dieser amerikanisch-österreichischen Freundschaft über die Jahre hinweg beobachtet. Heute, sagt er, sei das Sponsoring, wie es etwa der Austroamerikaner Donald Kahn betreibe, „nur mehr von Eitelkeiten getragen“. Wehmütig mache ihn das nicht. Zu den Festspielen geht er trotzdem. Und manchmal steht er auf roten Teppichen. Auch wenn ihn nicht jeder (er)kennt.
■Kay Sperling ist gebürtiger Innsbrucker, aufgewachsen in München, lebt in Salzburg. Er gehörte zum engsten Kreis der American Friends of Salzburg Festival. Seit acht Jahren mit Katharina von Leuhusen verheiratet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2008)

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