Ein buntes Publikum, das artig in Gebetsbänken sitzt und auf den Auftritt von Rainhard Fendrich wartet: Mörder, Vergewaltiger, Diebe. 120Männer, alle zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt – manche von ihnen werden den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen. Bunt auch die Kulisse: Der Hochaltar der Anstaltskirche der Justizanstalt Stein ist rot-blau erleuchtet, grelle Scheinwerfer werfen Schemen an die Kirchenwand. Monochrom nur der Protagonist des Abends: Fendrich erscheint ganz in Schwarz in dem zur Bühne umfunktionierten Altarraum.
Schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe: So wie Countrylegende Johnny Cash 1968 als „Man in Black“ im US-Gefängnis Folsom auftrat, hat der 53-jährige Fendrich am Montag für die Insassen von Stein gespielt – das Programm seiner aktuellen Tour von „Es lebe der Sport“ bis „I Am from Austria“.
Die Idee für den Auftritt stammt von Anstaltsseelsorger Leszek Urbanowicz, der immer wieder „Events“ für die Häftlinge im Sinne eines „menschlichen Strafvollzugs“ organisiert – auch die Shaolin-Mönche und der Kabarettist Alexander Bisenz zeigten ihre Programme schon in der Anstaltskirche, dem größten Raum des Gefängnisses. Nun sollte ein Musiker eingeladen werden – und die Insassen wünschten sich Fendrich.
Der Sänger, Ende 2006 zu einer Geldstrafe wegen Kokainkonsums verurteilt, sagte zu – er habe keine Berührungsängste: „Wenn unser Publikum nicht zu uns kommen kann, kommen wir zum Publikum“, sagt Fendrich. Mit Band spielt er unentgeltlich eine Stunde lang für 120 der 700 Insassen von Stein, die sich das Konzert durch gute Führung „verdient“ haben, zusätzliche Beamte sorgen für ein ruhiges Konzert. Vor der Vorstellung hält Fendrichs Du-Freund, der Salzburger Weihbischof Andreas Laun, eine Andacht – und wünscht viel Spaß.
Und die Stimmung ist gut: Fast andächtig falten einige Insassen die Hände auf den Bänken, genießen still Momente jenseits des Haftalltags. Andere singen mit, johlen, gröhlen, applaudieren.
Fendrich, der erst vor kurzem ein neues Live-Album präsentiert hat, verzichtet auf Showeffekte, gibt professionell sein Best-of zum Besten, singt von der „Havarie“ und dem „Strand von Malibu“. Die Frechheit, mit der Cash dem Gefängnis „to rot and burn in hell“ gewünscht und sich mit dem Publikum solidarisiert hatte, ist Fendrich fremd – sein Auftritt könnte genauso auf einer von hunderten anderen Kleinbühnen stattfinden: brav, ohne Überraschungen, fast schon steril in seiner Routinehaftigkeit.
Andererseits: Während Cash das Folsom-Konzert aufzeichnete und mit diesem Album sogar die Beatles überholte, bleibt Fendrich nur ein von Häftlingen handgefertigtes Metallkreuz – nicht unpassend für den Mann, der im vergangenen Jahr ins Stift Heiligenkreuz in Klausur gehen wollte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2008)

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