Ein guter Tag fährt Straßenbahn

Thomas Weber, Herausgeber der Gratisqualitätsmagazine "The Gap" und "Biorama", hat ein gar nicht langweiliges Buch zum etwas langweiligen Thema Nachhaltigkeit verfasst.

Thomas Weber rät unter anderem: „Miete eine Waschmaschine.“ Das Foto entstand im Wiener Studentenheim Albert-Schweitzer-Haus (9. Bezirk).
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Thomas Weber rät unter anderem: „Miete eine Waschmaschine.“ Das Foto entstand im Wiener Studentenheim Albert-Schweitzer-Haus (9. Bezirk).
Thomas Weber rät unter anderem: „Miete eine Waschmaschine.“ Das Foto entstand im Wiener Studentenheim Albert-Schweitzer-Haus (9. Bezirk). – Die Presse

Die Band Mondscheiner gibt es längst nicht mehr. Unter anderem, weil sich Sänger Manuel Rubey seit einigen Jahren auf die Schauspielerei konzentriert. Trotzdem hätte eines ihrer Lieder das Zeug zur Titelmelodie von Thomas Webers erstem Buch: „Dieser Tag fährt Straßenbahn“ heißt es in dem Gutelaunesong. Er passt deshalb gut zu Webers Ideenfibel, weil er darin beschreibt, was ein guter, umweltschonender Tag ist. Mit der Straßenbahn (oder generell mit öffentlichen Verkehrsmitteln) zu fahren gehört da natürlich dazu.

Der St. Pöltner Residenz-Verlag ist wohl aus mehreren Gründen mit einer Buchanfrage auf Weber zugegangen. Der langjährige Herausgeber des 1997 gegründeten Kultur- und Musikmagazins „The Gap“ ist nicht nur ein profunder Literatur- und Popkenner, sondern interessiert sich auch schon seit Langem – und nicht erst seit der Gründung des Magazins „Biorama“ 2005 – für Themen rund um Landwirtschaft, Tiernutzung und einen ressourcenschonenden Lebensstil. Obwohl er zuerst noch dachte, das Thema Nachhaltigkeit sei nun wirklich schon „totgekaut“, kam ihm dann aber doch schneller als gedacht eine spezielle Buchidee. Vor einigen Jahren hatte er über die Initiative „Ein guter Tag hat 100 Punkte“ des Vorarlberger Unternehmens Kairos und der Designagentur Integral Ruedi Baur geschrieben. Mit einem Koordinatensystem wird dabei „die abstrakte CO2-Verbrauchsmetapher, in der niemand denken kann“, so Weber, verständlich gemacht. Jeder Mensch sollte nur 6,8 kg CO2 pro Tag verbrauchen, um Welt und Klima im Gleichgewicht zu halten. Tatsächlich verbraucht der Industriestaatenbewohner derzeit im Schnitt 450 kg. Aber wer weiß schon, wie viel wir verbrauchen, wenn wir ein Huhn essen, Kaffee trinken, Lift fahren oder uns die Hände beim warmen Luftgebläse trocknen lassen? Das 100-Punkte-System soll dabei helfen, die eigene Tagesbilanz auf der Website einguterttag.org zu berechnen. Ein Huhn aus dem Billigsupermarkt (250 g) schlägt in der Tagesbilanz mit 29 Punkten zu Buche, ein Biohuhn hingegen nur mit 15. Genauso viele Punkte kostet ein Mal Wäschewaschen. Kaffee ist mit vergleichsweise geringen 0,8 Punkten (0,6 bei Biokaffee) eine ressourcenschonende Angelegenheit. Und dass man sich mit der eingangs erwähnten Straßenbahn umweltschonender fortbewegt als mit dem Auto oder Bus, weiß jedes Vorschulkind. Noch weniger Punkte, nämlich null, verbrauchen wir nur beim Radfahren und Zufußgehen.

Hat Weber also nur eine gute Idee gefunden und nacherzählt? So einfach hat er sich das nicht gemacht. Sein Buch basiert zwar auf der Eingutertag-Idee, will aber vor allem Lust auf nachhaltiges Leben machen, frei von Reformhaus-Romantik oder „rustikalem Vintage-Retro-Leben“. Weber zieht seine eigenen Schlüsse und stöberte neue und zum Teil sogar für ihn, den „Biorama“-Experten, unbekannte Initiativen auf, die den nachhaltigen Lebensstil nicht nur erleichtern, sondern auch nach einem schönen Wochenend- oder Urlaubsprogramm klingen. Weber rät etwa, jeder Mensch sollte sich einen Bauern suchen. Also einen Landwirt, bei dem man Obst, Gemüse oder Tierprodukte bezieht und mit dem man auch eine Gesprächsbasis hat.

Bei Webers insgesamt 30 Handlungsanleitungen überraschen gerade jene rund um Haltung und Nutzung von Tieren. Anders gesagt: Strenge Veganer wird Webers Buch vermutlich enttäuschen. Im Kapitel „Zelebriere den Tierfreitag“ erläutert er die Idee von Kochbuchautorin Katharina Seiser, einmal pro Woche bewusst auf tierische Lebensmittel zu verzichten. Den Rest der Woche können Fleisch und Tierprodukte aber ruhig auf dem Speiseplan stehen. Auch die Auseinandersetzung mit der Jagd empfiehlt Weber. „Würden alle acht Milliarden Menschen auf Fleisch oder überhaupt auf tierische Produkte verzichten, hätten wir ein riesiges Problem.“ Pflanzenfressende Nutztiere wie Rinder und Ziegen würden dem Menschen schließlich dabei helfen, Landschaften zu nutzen. Der Mensch kann frisches Gras oder Heu nicht verdauen.


Iss Innereien. Feinschmecker werden den Vorschlag „Iss Innereien“ gern beherzigen. All jenen, die bisher Herz, Leber oder Niere mit Naserümpfen abgelehnt haben, erklärt Weber, wie wichtig es ist, alle Teile eines Tieres zu essen. Überraschend ist auch der Ratschlag „Iss bedrohte Tiere“: „Nur die Pflanzen und Tiere, die wir nutzen, werden wir tunlichst erhalten wollen.“

Ohne erhobenen Zeigefinger oder Insiderangeberei rät Weber also zu unkonventionellen („Miete eine Waschmaschine“ oder „Werde Bauer auf Zeit“) und auch bekannten („Radle zur Arbeit“, „Repariere, anstatt wegzuwerfen“) Nachhaltigkeitsmethoden für den Alltag. Für manche mag das Endprodukt eine „Gutmenschenfibel“ sein. Thomas Weber stört das nicht. „Da ich kein Problem damit habe, als Gutmensch bezeichnet zu werden. Ich weiß nicht einmal, was das ist.“ Zudem ist er selbst nicht in allen Bereichen vorbildlich. „Ich habe ein Auto, aber ich fahre auch Rad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln.“

Kann der zweifache Vater und viel beschäftigte Herausgeber von zwei Magazinen seinem letzten Ratschlag „Lebe intensiver, arbeite weniger“ wirklich folgen? Er versucht es zumindest. Um das Buch zu schreiben, habe er etwa „die WM ausgelassen“. Kein großer Verzicht für den wenig Fußballinteressierten. „Ein Match anzusehen kann Teil eines intensiven Lebens sein, aber manchmal heißt intensiver zu leben auch, auf etwas zu verzichten.“ Schon mehr geschmerzt hat ihn, dass er ein Jahr lang „de facto keine Belletristik“ gelesen habe. Das hole er jetzt nach.

In seinem Buch will Weber den Lesern vor allem klarmachen, dass es sich lohnt, bei Themen wie Jagd, Fleischkonsum, Energieverbrauch oder Freizeitgestaltung genauer hinzusehen und sich die Kreisläufe von Lebensmittelproduktion und Tierhaltung bewusst zu machen. Nicht alles, was sinnvoll oder umweltschonend klingt, ist gut – und umgekehrt.

Buch und Termin

„Ein guter Tag hat 100 Punkte“ von Thomas Weber (Residenz, 224 Seiten, 18 Euro).

Buchpräsentation am 28.10., 19h, Wien 9, Hartliebs Bücher, Porzellangasse 36.

Thomas Weber, Martin Strele und Katharina Seiser (Initiatorin des „Tierfreitags“) diskutieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2014)

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