Unterwegs mit Schriftstellern

LESEN.Was Harald Martenstein und Klaus Nüchtern gemeinsam haben und was ein Dutzend Autoren auf dem Schnellboot von Wien nach Bratislava macht.

Der Twin City Liner ist nicht untergegangen. Und das, obwohl Michael Stavaric an Bord war. Der tschechisch-österreichische Autor hat sich in seinem neuen Roman „Magma“ neben vielen anderen Katastrophen dem Untergang der Titanic gewidmet. Wo es schon im Klappentext heißt: „Warum gehen alle Schiffe irgendwann unter? Warum geht immer alles schief?“

Wie gesagt, untergegangen ist niemand; schief gegangen ist auch nichts. Obwohl das Wetter bei der Leseschifffahrt von Wien nach Bratislava (in Kooperation mit der „Presse“) alles andere als mitgespielt hatte. So mussten die Autoren aus Österreich, Ungarn, Kroatien und Rumänien, die der Einladung von ORF-Literaturjournalistin Katja Gasser und Autor Erich Klein gefolgt waren, nicht nur gegen den lauten Motor des City Liners, sondern auch gegen den starken Regen, der gegen die Fensterscheiben prasselte, anlesen. Wie der in Rumänien geborene, in der Schweiz aufgewachsene Catalin Florescu oder der Kärntner Egyd Gstättner. In Bratislava wurden im nahe der Donau gelegenen Café Reduta bei Haluschka mit Speck die Preisträger des Bank Austria Literaris-Wettbewerbs, der Lyriker Rudolf Jurolek und der Autor Agda Bavi Pain, vorgestellt. Und die Band Dobrek Bistro gab ein kurzes Konzert. Kurz deshalb, weil der City Liner bald wieder die Heimreise antrat. Die Österreicherin Andrea Grill las auf der Rückfahrt Passendes über Grenzüberschreitungen, und Martin Leidenfrost, Kolumnist im „Spectrum“ der „Presse“, über Zugfahrten zwischen Wien nach Bratislava.

Wie unterschiedlich es sich spätnachmittags auf einem Boot und spätnachts in einem kleinen Theater vorliest, davon konnte sich der Ungar László Márton überzeugen, der bei beiden Lesefestwochen-Terminen gebucht war. Márton war Samstagabend nämlich auch einer der (vielen) Autoren, die bei der (langen) „Buch Wien independent Nacht“ bei „brut“ im Künstlerhaus gastierten. Neben ihm traten außerdem die in Wien lebende gebürtige Koreanerin Anna Kim und die ebenfalls in Wien lebende Amerikanerin Ann Cotten auf.


Wobei man „independent“ an diesem Abend auch mit „einem breiten Publikum noch nicht so bekannt“ übersetzen konnte. Zumindest nicht so bekannt wie jene Kolumnisten, die das Hauptprogramm bestritten: Harald Martenstein, Kolumnist der „Zeit“, und Klaus Nüchtern, sein Pendant beim „Falter“, eröffneten gemeinsam den Abend – und lasen dabei Kolumnen des jeweils anderen vor. Und plauderten davor und dazwischen über das Kolumnen-Schreiben. Gemeinsam ist beiden nicht nur eine gewisse thematische Übereinstimmung (Sex, das Dasein als Vater), sondern auch ein gemeinsames Vorbild: Max Goldt. Während Martenstein behauptet, seine eigenen Kolumnen nie in der Zeitung zu lesen („Ich weiß ja, was drinnen steht“), gab Nüchtern, der gerne auch „so eine coole Antwort“ gegeben hätte, zu, seine Kolumne sehr wohl nachzulesen.

Auf die amüsante Doppel-Lesung folgte mit Doris Knecht eine weitere Kolumnistin, ehe es in die Pause ging. Dann machten die Münchner „Dos Hermanos“ Musik und präsentierten ihr Buch „Der Himmel ist blau“. Danach wurde es „independent“. Und sehr spät.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2008)

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