Take Five: Ein Kuriosum der Stadt schließt

Mit dem Take Five in der Annagasse verliert Wien eine bewährte Auslage des Bling-Bling. Der Reiz des Proll-Chics scheint einigermaßen verflogen zu sein.

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(c) imago stock&people

So wirklich schade ist es ja nicht um diese altehrwürdige Insel proletarischer Ausgehkultur. Dennoch war das Take Five ein Kuriosum. Das zuletzt von einer eher sterilen Anmutung geplagte Nachtlokal war jahrzehntelang die bevorzugte Labstelle für Edelproleten, Halbwelt- und Ostblock-Schönheiten in der Innenstadt. Hier hatte Edelmetall in Form von dicken Brüllern, schweren Braceletterln und, wenn es denn sein musste, auch güldenen Zähnen noch Geltung.

Die Damen, die hier verkehrten, gaben eher wenig auf Intellekt und Emanzipation. Ihnen war nach richtigen Kerlen, also jenen, die sich aus dem Substandard zu Villen- und Rolls-Royce-Status hochgefightet hatten. Natürlich kamen vereinzelt auch Poseure: hormongesteuerte Habenichtse, die den Autoschlüssel mit Ferrari-Anhänger auf die Bar pfefferten, dann aber den Aufriss mit einem ungewaschenen VW-Passat heimkarrten. Der Name Take Five klang der Stammklientel im Normalfall zu exotisch. Lieber sagten sie Fünferl zu ihrer Stammhütte. Das „l“ war selbstverständlich eines nach Meidlinger Façon.

In den 1970ern schlichtete sich an den Wochenendabenden praktisch tout Vienne in den Kellerräumlichkeiten der Annagasse 3. Die praktizierende Working Class schlüpfte ganz links in die Tenne, wo ein Eskapsimus gepflegt wurde, der Schlagerseligkeit und romantische Liebessehnsucht einschloss. Die Jeunesse dorée pilgerte ins in der Mitte des Gebäudes situierte Montevideo. Die Musik war hier ähnlich hochmögend wie das Publikum, dem ein gewisser Conny de Beauclair Einlass gewährte. Ganz rechts schließlich lockte das Take Five, das statt auf einen Aristo-Empfangschef klassisch auf einen imposanten Muskel setzte.

Die wechselhafte Geschichte des Entertainments an diesem Ort hob vor exakt 120 Jahren an. 1894 wurde im St. Annahof ein mehrstöckiges Revuetheater nach Vorbild der großen Pariser Häuser realisiert. Bald stellte sich heraus, dass zu groß dimensioniert wurde. Bereits 1910 wurde in den über 1000 m großen Ballsaal eine Zwischendecke eingezogen. Durch Parzellierung entstanden kleinere Etablissements wie das Max-&-Moritz-Theater, in dem sich ein junger Hans Moser erste Meriten erwarb. Die Nazis benannten den Vergnügungskomplex in Triumph-Tanzpalast um.

Nach dem Krieg verlegte sich das Interesse wieder auf das Sündhafte. Das Spektrum der Lustbarkeiten an diesem Ort reichte von Modeschauen für mollige Damen über gepflegte Perlweinrunden in der Adebar bis hin zu sündhaftem Swing eines Fatty George, der im ganz links befindlichen Teil des Riesenkellers sein Fatty's Jazz Casino eröffnete. Aus ihm wurde bald das Tabarin, ein Lokal, in dem sogar die große Jazzsängerin Ella Fitzgerald singen sollte. Der Jazz wurde bald vom Schlager abgelöst. Die unvergessliche Schlagerkombo Die Bambis übernahm das Tabarin schließlich und nannte es fortan Tenne.

Auch der rechte Teil des Gebäudes verbrauchte reichlich Mieter. Erinnerungswürdig ist jedenfalls die Melodies Bar, in der sich spätere Granden wie Cissy Kraner, Hugo Wiener und Maxi Böhm Pointen um die Ohren fetzten. 1959 eröffnete schließlich das Trio Niki Czernin, Alfi Windisch-Graetz und Thomas Hörbiger an dieser Stelle den Playboy-Club, der ab 1962 als Take Five (nach dem Jazzwelthit von Dave Brubeck) zum Champagnisieren lockte.

Siebzehn Jahr, blondes Haar

Von seinem Anteil am Lokal konnte sich der 2011 verstorbene Thomas Hörbiger, Sohn des berühmten Schauspielers Paul Hörbiger, keine goldene Nase verdienen. Er begann, wie sein Vorbild Joachim Fuchsberger, Texte für Udo Jürgens zu schreiben, die durchaus vom Nachtleben jener Jahre inspiriert zu sein schienen. „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ etwa oder auch die Durchhaltehymne „Immer wieder geht die Sonne auf“ strahlen etwas von jener Weisheit ab, die einem Kater so abgerungen werden kann. Der letzte, in die Insolvenz getriebene Take-Five-Betreiber wollte nun nichts mehr von einer neuerlichen Morgenröte wissen. Ganz nüchtern wird jetzt das Inventar versteigert.

AUF EINEN BLICK

Take Five: 1959 als Playboy-Club eröffnet, seit 1962 unter Take Five bekannt, lockte der Club Halbwelt und Neureiche in die Annagasse 3 im ersten Bezirk.
Im Frühjahr 2015 wird ein italienisches Delikatessengeschäft in denselben Räumlichkeiten eröffnen. Das ist ein besseres Schicksal, als es der Tenne widerfuhr, in die seit Jahren ein Burger-King eingemietet ist. Der Inventarabverkauf findet noch die ganze Woche zwischen 14 und 19 Uhr im Take Five statt. Am 19.12. folgt eine große Abschiedsparty in der Casanova Bar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2014)

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