„Ich plädiere dafür, auch mit Vollidioten auszukommen“

Der Journalist und Autor Alexander von Schönburg hat eine Verteidigungsschrift auf den Small Talk verfasst. Ein Gespräch.

Alexander Graf von Schoenburg Glauchau in der Radio Bremen Talkshow 3 nach 9 im Studio Diepenau Bre
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Alexander Graf von Schoenburg Glauchau in der Radio Bremen Talkshow 3 nach 9 im Studio Diepenau Bre
Alexander von Schönburg – (c) imago/Future Image (imago stock&people)

Nach der „Kunst des stilvollen Verarmens“ schreiben Sie jetzt über „die Kunst des stilvollen Mitredens“. Wieso?

Alexander von Schönburg: Verstehen Sie es bitte als Resultat einer Kapitulation. Ich wollte ursprünglich ein Buch über all das schreiben, was wir nicht wissen. Ich wollte um die Welt reisen und Wissenschaftler aus allen möglichen Disziplinen dazu befragen, was sie als letzte Geheimnisse ihrer jeweiligen Spezialgebiete betrachten. Nach kurzer Zeit musste ich aber feststellen: Es gibt keine letzten Rätsel, es gibt viel mehr Unwissen als Wissen. Mit jedem Rätsel, das die Wissenschaft gelöst hat, haben sich weitere Rätsel aufgetan. Um es mit Donald Rumsfeld zu sagen: „There are known unknowns. But there are also unknown unknowns.“ Kurz gesagt, die Welt ist so komplex geworden, dass man nur noch ackselzuckend davor steht. Und doch leben wir ja in einer Welt, in der alle glauben, immer und überall mitreden zu können. Mein Buch ist da gewissermaßen Aufschrei und Rettungsanker zugleich, weil ich inmitten dieses Überinformationschaos ein paar Themen benenne, mit denen man sich über Wasser halten kann ohne wie Vollidioten zu wirken, was wir in Wahrheit natürlich alle sind.

Sie teilen diese Themen in drei Kategorien: Pauschalthemen wie Fußball, das Internet oder Kunst. Jokerthemen wie Adel, Jagd und Sex, die durchaus Kontroversen auslösen können und Chloroformthemen wie das FAZ-Feuilleton, New York und Fernsehserien. Bei denen geht es um nichts, aber jeder kann etwas dazu sagen.

Mein Buch ist kein Buch über Smalltalk, es ist Smalltalk. Weil dies heutzutage die einzige angemessene Tonart ist, um über die Themen unserer Zeit zu reden. Alles andere ist Hochstapelei. Wer behauptet, den Durchblick zu haben, kann nur ein Aufschneider sein. Nur im Plauderton, nur im Witz, kann man mit den Ungereimtheiten unseres Daseins  umgehen, der Plauderton ist der einzige Ton, der Rechthaberei und Moralscheißerei ausschließt.

Viele Menschen tauschen sich heute mehr in digitalen als in realen Räumen aus, etwa auf Twitter. Wird dort auch Smalltalk gemacht?

Die sozialen Medien sind das Gegenteil von Kommunikation, weil sie Empathie verhindern. Im Internet können Sie jede x-beliebige Person fertig machen und anspucken ohne dabei auch nur rot zu werden. IRL, in real life, um im Internet-Speak zu bleiben, würden Sie sich so etwas niemals zu trauen. Zu recht. Regeln des zivilen Miteinanders würden einen davon abhalten. In virtuellen Räumen gelten keine Regeln des zivilen Miteinanders.

Wenn aber Smalltalk wie ein Tennis-Spiel ist, bei dem man sich Bälle unterschiedlicher Stärke zuspielt, dann geht das auf Twitter auch recht gut.

Das ist jetzt als ob Sie YouPorn mit echtem Sex vergleichen.

Warum hat Smalltalk einen schlechten Ruf?

Alle haben Angst, seicht zu wirken. Das ist ein Erbe unserer bildungsbügerlichen Tradition. Von einem Gombrich raunte man noch, er hätte angebliche sämtliche Bücher seiner Zeit gelesen, die Enzyklopädisten der Aufklärung hatten noch den Anspruch, das gesamte Wissen der Welt in einem Werk zu sammeln, von Fragen der Philosophie und Anatomie bis hin zur Kunst des Marmeladeneinkochens. Am Ende landeten sie mehr als 70.000 Texten in 35 Bänden. Wie viele Bände müssten es heute sein, um das ganze Wissen der Welt zu sammeln? Wahrscheinlich wurden, während wir gerade sprechen, mehr Informationen online gestellt als in den letzten 10.000 Jahren Menschheitsgeschichte zusammen genommen aufgeschrieben wurde. Es gab eine Zeit, da sprachen kluge Menschen mit Autorität. Das ist vorbei. Heute gestehen kluge Menschen sich vor allem ihre Ahnungslosigkeit ein.

Wie sieht es wirklich mit aktuellen politischen Themen wie der Ukraine-Krise, Islamlischer Staat, Pegida aus. Soll man darüber reden?

Das sind ja noch die einfachen Themen. Kompliziert und langweilig wird es bei wirklichen Politikthemen wie Energieversorgung, Pensionsversicherung, Euro-Kurs der EZB... Blicken Sie da etwa durch?

Das Heikle an politischen Debatten ist ja auch, dass man schnell erfährt, welche Weltanschauung und mitunter welche radikale das Gegenüber hat.

Ich plädiere dafür, auch mit Vollidioten auf Dinnerpartys auszukommen. Mit Leuten zu plaudern, die auf der gleichen Wellenlänge liegen, ist keine Kunst. Zivilisiert und taktvoll zu bleiben, wenn der Gegenüber ein Langweiler oder ein Scheusal ist, das ist die Kür.

Wie entkommt man einer langweiligen Konversation?

Da hilft nur die paradoxe Intervention: Mit voller Aufmerksamkeit zuhören. Ein echten Gesellschaftslöwen zeichnet übrigens aus, dass er gerade scheinbar uninteressanten Menschen besondere Aufmerksamkeit schenkt und Nervensägen mit ganz ausgesuchter Herzlichkeit begegnet, allein schon um dadurch deren Charmedefizit auszugleichen.

Was langweilt Sie derzeit?

Das meiste. Langweilige Themen sind üppig. Man sollte eher über das Wenige reden, was nicht langweilt.

Und was ist das bei Ihnen?

Ich bin im Moment ganz besessen von Houellebecqs neuem Buch. Ich lese es nicht nur langsam und genüsslich, ich lese auch alles, was darüber geschrieben wird, die Rezeption und ich begebe mich in die Neben-Avenuen, die sich darin eröffnen. Vom Wallfahrtsorts Rocamadour habe ich zum Beispiel dank Houellebecq das erste Mal erfahren. Jetzt will ich da unbedingt hin. Dann natürlich die geheime Hauptperson des Romans: Joris-Karl Huysmans! Dessen Buch „Gegen den Strich“ kommt ja als geheimnisvolles „yellow book“ im „Bildnis des Dorian Gray“ vor. Ein völlig vergessener Autor. In meinem „Kunst des stilvollen Verarmens“ spielt Huysmans Figur Des Esseintes natürlich auch eine Rolle, aber bislang war Huysmans eigentlich nur Eingeweihten ultra-katholischer Untergrund-Literatur ein Begriff.

Österreicher versus Deutsche: Wer ist der geübtere Smalltalker?

Das liegt nahe, das ist wirklich fishing for compliments.

Wieso? Wir vertragen durchaus Kritik.

Österreich profitiert nun mal davon, dass dass hier lange Zeit das Zentrum osteuropäischer und jüdischer Intelligenz war. Und so eine Hofkultur wie die in Wien gab es in Deutschland auch nie. Der olle Wilhelm hat ja versucht, Wiens Glanz zu kopieren, aber das scheiterte am Geschmack. Typisch für Deutschland ist nicht die große, zentralistische Hofkultur, typisch für uns sind all die Mini-Höfe unter denen Orte wie Darmstadt oder Braunschweig das Höchste der Gefühle waren. Diese vielen kulturellen Zentren haben auch ihren Reiz, aber es dann doch etwas anderes als Paris, London oder Wien.

Spürt man den historischen Vorteil wirklich noch? Die Wiener sind doch viel direkter und uncharmanter.

Das zeichnet alle wirklichen Großstädte aus, dass die Ureinwohner jeden Fremden, die in der Überzahl sind, verachten. Die Berliner können genauso unverschämt sein wie die Wiener. Übrigens gehe ich in Wien am liebsten in die Kaffeehäuser, in denen ich unverschämt behandelt werde, zum Beispiel in den Bräunerhof. Ich empfinde die Verachtung des Obers hier als großen Trost angesichts der „Hi, ich bin Sandy, wie heißt du, was kann ich für dich tun“-Kultur.

Wir sind mitten in der Ballsaison. Sind Bälle überhaupt ein gutes Smalltalk-Pflaster?

Ich komme ja aus der Provinz. Meine Familie kommt aus Sachsen. Für mich hat der Begriff Ballsaison in Wien etwas Einschüchterndes. Aber dann sieht man in den Zeitschriften die Bilder von diesen Bällen und man stellt fest, das sind riesengroße, geschmacklose Veranstaltung, die rein potemkinsche Funktion haben und mit authentischem Glamour nichts zu tun haben.

Kann man beim Tanzen gut Smalltalken?

Tanzen ist wie Smalltalk, nur intensiver. Zündstufe zwei sozusagen. Letztlich hat wahrscheinlich jeder zwischenmenschliche Kontakt, der prickelt, etwas mit Eros zu tun.

Ihre oberste Regel für den Smalltalk ist: Einem darf nichts peinlich sein.

Stimmt. Wenn Sie schon in einen Fettnapf treten, dann sollten Sie es mit Panache tun. Fehltritte seiner Mitmenschen bemerkt man am besten gar nicht und für die eigenen entschuldigt man sich nicht, weil man damit erst die Aufmerksamkeit darauf lenken würde, „qui s’excuse s’accuse“, hieß es bei uns immer. Wie man das Trainieren kann? Man muss sich immer wieder gesellschaftlichen Desastern ausliefern, dann verlieren sie ihren Schrecken.

Und wie gewöhnt man sich das Recht haben wollen ab?

Das ist ein großes Geheimnis. Ich meine die Frage, warum es uns so schwer fällt, einzugestehen, Unrecht zu haben. Ich glaube fast, das hat etwas mit dem Tod zu tun. Als ob das Gefühl, im Unrecht zu sein ein bisschen wie Sterben sei.

Unlängst hat in der Presse ein Riedel-Erbe erzählt, dass er nicht mit Menschen reden würde, die den Unterschied zwischen Pinot Noir und Cabernet nicht kennen. Ist das in Ordnung?

Es ist vor allem ein fantastisches Statement, weil es Widerspruch auslöst. Von solchen Sätzen lebt ein guter Smalltalk.

Der Wein ist bei Ihnen kein Smalltalk-Thema.

Die gesamte Genusskultur nervt mich. Ich esse und trinke auch gerne, aber diese Vernarrtheit in das Essen und das rechte Glas zum rechten Wein finde ich parvenuhaft. Genuss macht nur Spaß, wenn man dabei nonchalante bleibt und dem ganzen nicht so eine Bedeutung beimisst.

Wo liegt die Grenze zwischen Smalltalk und Diskussion?

Smalltalk kann immer nur der Auftakt zu einem guten Gespräch sein. Mein liebstes sind gute Streitgespräche, mit einem Drink in der Hand statt mit Messer zwischen den Zähnen natürlich. Aber Diskussionen, bei denen man den Dingen auf den sogenannten Grund gehen will, finde ich meist ermüdend.

Kommt man zu Weihnachten oder sonst im Kreise der Familie mit Smalltalk weiter?

Smalltalk ist eine unterschätzte, wichtige Kulturtechnik unserer Zivilisation, eine die im Zeitalter der elektronischen Kommunikation bedroht ist – aber es gibt einen einzigen Ort, an dem Smalltalk überhaupt nicht weiterhilft. Die Familie. In der Familie kennt jeder Deinen Bullshit, da kann man niemanden blenden. Deswegen ist Familie ja so ein wunderbarer Ort, und zugleich manchmal ein Ort des Horrors.

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2015)

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