Die kurze Geschichte der romantischen Ehe

Die Homo-Ehe ist nur ein kleiner, sogar christlicher Schritt in der Geschichte der Ehe. Die Liebesehe etwa war eine viel größere Revolution. Über die radikalen Wandlungen einer Institution.

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Eine Niederlage für die Menschheit? So hat der Kardinal-Staatssekretär und Papst-Vertraute Pietro Parolin das Ja zur Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe genannt, das am vergangenen Wochenende ausgerechnet aus dem katholischen Irland kam. Derart große Worte kommen sonst eher aus Amerika; die Homo-Ehe zerstöre die Ehe als Institution, wie sie „seit Jahrtausenden“ bestanden habe, argumentieren Gegner der Homo-Ehe gern. Aber auch in Europa sitzt, bei Gegnern wie Befürwortern, die Vorstellung tief: Die Ehe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen ist eine Revolution. Sie verändert „die Ehe“ grundlegend.

Die Ehe – aber welche Ehe? Die, wie wir sie aus den 1950er- und 1960er-Jahren des 20. Jahrhunderts (als Ideal) kennen – verliebt, verlobt, verheiratet, Frau kriegt Kinder und führt den Haushalt, Mann geht arbeiten, und allen geht es gut? Die im Europa des 19.Jahrhunderts, wo trotz Romantik die Zweck- und Zwangsehe der Normalfall war? Oder die im alten Griechenland, wo es vielen als töricht galt, seine Frau zu lieben, und es edle Liebe nur zwischen Männern gab? Was ist mit dem Mittelalter, wo die außereheliche Liebe unter Adeligen als einzig wahre Liebe besungen wurde; oder wo Ehen allein durch den Beischlaf vollzogen wurden, ohne dass es der Kirche eingefallen wäre, sich einzumischen? Was ist mit dem Alten Testament, in dem Jakob Lea heiratet und später ihre Schwester Rahel dazu, diese wiederum Jakob ihre Magd zur Verfügung stellt, weil sie selbst keine Kinder bekommen kann? Was mit Paulus, für den die Ehe eine „Muss halt auch sein“-Einrichtung war für alle, die nicht ehelos bleiben konnten?

Die Idee der Ehe als (möglichst) dauerhafter Verbindung von (romantischer) Liebe, (gutem) Sex und Kinderaufzucht ist in der Geschichte der Menschheit, die ja in der Homo-Ehedebatte gern bemüht wird, unvergleichlich exotischer als beispielsweise die Polygamie. Man kann stolz auf diese Idee sein, selbst wenn sie für viele eine heillose Überforderung darstellt, einen fast unlösbaren Anspruch, der auch an der Institution selbst nagt. Aber alt ist sie nicht. Mag es auch nach großer Umwälzung aussehen, wenn diese Ehe nun auch auf Männer- und Frauenpaare ausgedehnt wird – das eigentlich Erstaunliche ist doch etwas anderes: nicht, dass Männer- und Frauenpaare in diese Institution „eindringen“, sondern umgekehrt, dass sich die Idee der Liebesehe so beharrlich durchgesetzt hat, dass auch Männer- und Frauenpaare Anteil daran haben wollen.


Liebe, eine geistige Verwirrung

So gesehen, kann die Homo-Ehe auch als kleiner Schritt in der Ehegeschichte gesehen werden. Der Wandel von der Zweck- zur Liebesehe seit dem 19.Jahrhundert etwa war unvergleichlich größer. Durch die Zeiten zieht sich in Europa die Sicht der Verliebtheit als geistige Verwirrung, die die Gesellschaftsgefüge bedrohe und nicht so wichtige Entscheidungen wie eine Familiengründung beeinflussen dürfe; die „große Liebe“ zu einem Menschen gefährde die Liebe zu Gott, hieß es auch. Ein Mann, der seine Ehefrau liebe, sei so dumm, dass niemand ihn lieben könne, schrieb Montaigne. Europa war also nicht ganz so anders als China, wo man übermäßige Liebe zwischen den Eheleuten als bedrohlich für die Solidarität mit der Großfamilie ansah. Es gab dort nicht einmal ein Wort für diese exklusive Paarliebe, sodass chinesische Intellektuelle in den 1920er-Jahren ein neues Wort dafür erfanden; für diese in ihren Augen radikal neue Idee, meinten sie, müsse ein auch ein eigener Begriff her.

Auch die Ehe als etwas Religiöses ist eine späte Entwicklung in Europa. Nur weil sie schon früh mit der Verbindung zwischen Christus und der Kirche verglichen wurde, hieß das noch lange nicht, dass die Kirche sich in Eheschließungen einmischte. Bis ins Mittelalter, zum Teil bis in die Neuzeit hinein, war sie eine weltliche Sache, ein Geschäft (mit der Frau als Handelsobjekt) und ein Vertrag, der wieder aufgelöst werden konnte. Geschlossen wurden viele mittelalterliche Ehen im Wirtshaus oder gleich im Bett; man war allein durch den Beischlaf verheiratet („ist das Bett beschritten, ist das Recht erstritten“), bzw. dadurch, dass er öffentlich bezeugt wurde: Das Paar wurde zu Bett geleitet oder ließ sich in der Früh von Familie und Freunden „überraschen“. Wenn ein Priester dabei war, dann nur, um seinen Segen dazuzugeben.


Paarliebe als Religionsersatz

Später bemächtigte sich die Kirche institutionell des Ehelebens – um diesen Zugriff im 20. Jahrhundert wieder zu verlieren. Ideell aber hat die Kirche in gewisser Weise auf ganzer Linie gewonnen. Als die Französin Madame de Staël durch Deutschland reiste, stellte sie staunend und auch bewundernd fest, dass die Idee der romantischen Liebe – der unendlichen, exklusiven Liebe zu einem einzigen Wesen – drauf und dran sei, zu einem Religionsersatz zu werden. Kein Wunder, sie kam ja auch aus dem Christentum. Folglich kann die Kirche die Liebesehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren mit allem, was an Werten darin mitschwingt – von der Treue bis, ja, dem liebevollen gemeinsamen Aufziehen von Kindern – sogar als tollen christlichen Triumph sehen. Zumindest, wenn man von der problematischen Frage absieht, wo diese Kinder herkommen sollen.


Kein Kuss in Bauernehen

Davon abgesehen aber ähnelt eine heutige Ehe zwischen Mann und Frau heutigen gleichgeschlechtlichen Ehen viel mehr als Bauernehen vor zweihundert Jahren – über die man etwa lesen kann, dass der Kuss darin „gänzlich fremd“ gewesen sei. In den USA pochen Gouverneure auf die Heiligkeit der Ehe, die selbst Mormonen sind; als ob sie vergessen hätten, dass ihre Religionsgemeinschaft vor gut einem Jahrhundert um das Recht auf Polygamie stritt und erst nach Jahrzehnten heftigen Ringens darauf verzichtete. Noch ein Beispiel aus den USA: Bis in die 1960er-Jahre verboten manche Staaten gemischtrassige Ehen. Die Denkweise, die dahinter steckt, ist (hoffentlich) von der heute dominierenden Welten entfernt. Auch im Vergleich zu dieser Kluft kann der Unterschied zwischen einer gemischtgeschlechtlichen und einer gleichgeschlechtlichen Ehe klein erscheinen.

Jeder Mensch macht sich wohl aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen ein inneres Bild davon, was Ehe ist und sein soll, und neigt dazu, dieses als naturgegeben zu sehen. Aber die Geschichte zeigt, wie unglaublich flexibel die Ehe selbst innerhalb der westlichen Tradition war, und wie sie immer wieder neu definiert wurde, um zu den Bedürfnissen und Normen einer Gesellschaft zu passen. Da ist es fast erstaunlich, dass sich das Konzept der romantischen, exklusiven, auf (möglichst lebenslange) Dauer angelegten und amtlich als Ehe abgesegneten Paarbeziehung bis heute hält – so sehr, dass sich homosexuelle Paare diskriminiert fühlen, wenn sie darauf verzichten müssen.

HOmo-ehe

1989. Dänemark führt als erstes Land der Welt die eingetragene Partnerschaft für homosexuelle Paare ein.

2001. Die Niederlande erlauben als erstes Land der Welt die gleichgeschlechtliche Ehe.

Mai 2015. In einem Referendum haben sich mehr als 60 Prozent der irischen Wähler für die Zulassung gleichgeschlechtlicher Ehen ausgesprochen.

Juni 2015. Bis Ende Juni soll der Supreme Court of the United States, das höchste US-Gericht, entscheiden, ob die gleichgeschlechtliche Ehe in den ganzen USA geöffnet werden soll.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2015)

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