Leere Räume und falsche Idyllen

Der renommierte Geograf Werner Bätzing entwirft dramatische Szenarien für den Alpenraum, die heftigere Diskussionen entfachen - nicht nur mit den Naturschützern. Aber der Alpenforscher entwickelt auch Wege und schreibt Wanderliteratur.

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(c) Bloomberg (Akos Stiller)

Wenn man so viel über die Alpen forscht und schreibt wie Sie, gibt es dann noch einen weißen Fleck auf der Landkarte?

Werner Bätzing: Um Himmels willen, ich kenne bei Weitem nicht jedes Alpental. Meine Strategie ist eine andere: Ich konzentriere mich auf wenige Gebiete. Dazu gehört das südliche Piemont, wo ich den Prozess der Entvölkerung seit 1977 untersuche. Und dann das Gasteiner Tal, wo ich seit 1984 zu verstehen versuche, wie Massentourismus tickt. Ich bin auch öfters im Berner Oberland und komme natürlich dort und da hin. Aber wichtig für alpenweite Aussagen sind vor allem die Strukturdaten auf Gemeindeebene, anhand derer sich Entwicklungen ablesen lassen.

Zuletzt waren Sie im Ötscherland in die Landesausstellung involviert, haben dort auch einen Wanderweg entwickelt. Nun sollen die Impulse weitergeführt werden.

In den vergangenen 140 Jahren blieb die Bevölkerungszahl dort stabil. Was außergewöhnlich ist, weil wir im Alpenraum entweder eine starke Tendenz zur Verstädterung oder zur Entsiedlung verzeichnen. Zunehmend unterschreiten die Gemeinden eine kritische Schwelle, unter 600 Einwohnern wird's schwierig für kommunale Infrastruktur. Aber die Ötscherregion hat es über hundert Jahre verstanden, Impulse von außen aufzugreifen und umzusetzen – im Gewerbe, der Industrie, der Wasserkraftnutzung, der Mariazeller Bahn. Man hat sich Modernisierungen nicht verweigert, wie ich es etwa vom Piemont kenne. Aber man hat sie auch nicht bis zum Exzess betrieben – keine großen Spezialisierungen, keine großen Skigebiete, keine Industriereviere, keine großen Stauseen. Alles im kleinen Rahmen. Diese Entwicklung bezeichne ich als „gebremste Modernisierung“. Jetzt gilt es, an das Modell mit neuen Voraussetzungen anzuknüpfen.

 

Klingt optimistisch, wenn man bedenkt, dass Sie in Ihrer Streitschrift mehrere Zukunftsszenarien für den Alpenraum entwerfen, die alle nicht gut aussehen. Was bedroht die Identität des Alpenraums?

Die dezentrale Besiedlung hat in den Alpen einst zu großem kulturellen Reichtum und zu großer ökologischer Vielfalt geführt. Heute konzentriert sich die Bevölkerung immer stärker auf die zentralen Talachsen, wo lange Siedlungsbänder entstehen. Die Seitentäler werden zu Wildnisregionen, zu verbuschenden, verwaldenden Landschaften, die sehr schnell sehr öde werden.

 

Was ist falsch, Raum aufzugeben, in dem kaum oder keine Menschen mehr leben?

Es gehen Kultur, Geschichte und Vielfalt verloren. Der Staat hat die Verantwortung für sein gesamtes Territorium, auch für abgelegene Gebiete. Das war lang selbstverständlich. Am selbstverständlichsten noch in Österreich, wo diese Idee auf den „aufgeklärten Absolutismus“ zurückgeht. In der Schweiz etwa diskutiert die Wirtschaft bereits über die „alpine Brache“: Ob man die Alpen noch braucht oder die Gelder nicht besser in die Wirtschaft in Zürich steckt. Das halte ich für grundfalsch.

 

Man glaubt doch, es sei im Sinne der Natur, wenn sie sich frühere Siedlungsgebiete zurückholen darf. Keine gute Entwicklung?

Nein, denn die schützenswerten und vielfältigen Landschaften sind nicht reine Natur, sondern Kulturlandschaften. Damit Kleinräumigkeit und wichtige biologische Potenziale erhalten bleiben, braucht es die Zusammenarbeit mit den Bauern und eine nachhaltige Bewirtschaftung, Naturschützer waren bis Ende der 1980er der Meinung, Natur schützen heißt: Mensch raus. Dann fand ein Wandel statt, indem man den Menschen miteinzubeziehen begann. Seit Kurzem fängt man wieder an, den Wildnisgedanken zu forcieren.

Sie beobachten, dass die Entwicklung der Städte stark zulasten des Landes gehen . . .

Ich thematisiere das gern am Beispiel München und seinem Konflikt mit Garmisch-Partenkirchen um die Winterspiele 2022. Da nutzt die Stadt den Alpenraum für seine Olympiabewerbung. Und für die Gemeinde bedeutet das weitere Verstädterung, daher waren die Leute vor Ort dagegen. Die Metropolen in der Nähe des Alpenrandes versuchen, die Alpen in ihren Ergänzungsraum zu verwandeln. Dabei werden all die Funktionen in die ländlichen Orte verlegt, für die in der Stadt kein Platz ist: teures Wohnen mit guter Aussicht, Freizeit, Sport. Das geht zulasten der Landwirtschaft, der kleinen Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe, die durch die Filialbetriebe aus den Metropolen verdrängt werden. Der Fremdenverkehr geht zurück, weil aus touristischen Betten normale Miet- oder Eigentumswohnungen werden.

Ist es den Alpenbewohnern denn vorzuwerfen, sich an der Stadt zu orientieren?

Die Alpenbewohner haben oft das Gefühl, sie brauchten eine forcierte Modernisierung, um Anschluss an die städtische Welt zu haben. Sie haben eine Heidenangst davor, abgehängt und ghettoisiert zu werden. Aber wenn sie mit Großprojekten die städtische Welt aufs Land holen wollen, dann endet das meistens im Desaster.

 

Dabei möchte man meinen, dass die Städter die Alpen in neuem Licht betrachten, wo sie plötzlich in Dirndl und Lederhose herumlaufen und Magazine voller Landidyllen kaufen.

Ja, grauenvoll. Hier erfolgt eine Kolonisierung des Landes und der Alpen durch Stereotype, die nicht funktionieren, weil es in diesen Klischeebildern nie Probleme gibt. Dabei sind die Alpen voll von Problemen, und die gehören auch mit in eine ehrliche Tourismuswerbung. Wenn ich für einen Weitwanderweg im Piemont Werbung mache, um dezentralen Tourismus zu fördern, muss ich auch darauf aufmerksam machen, dass das Gebiet stark entvölkert ist, die letzten Kneipen und Läden geschlossen sind.

In Österreich ist man gleich böse, wenn man Bausünden und Massentourismus benennt.

Weil es offensichtlich ein großes Sehnsuchtspotenzial in unserer postmodernen Gesellschaft gibt, das sich in Zerrbildern einer falschen Idylle manifestiert. Aber mit einer Scheinwelt kann man nicht langfristig erfolgreich werben. Deshalb muss man gegensteuern, wie das etwa im Ötschergebiet bewusst gemacht wird, und die Region mit allen Ressourcen und mit all ihren Schwierigkeiten präsentieren.

Lang dachte man, im Tourismus liegt das Heil der Alpen. Zählt das noch?

Die Nachfrage stagniert seit rund 30 Jahren, trotzdem wird weiter ausgebaut. Mit dem Ergebnis, dass die kleinen Anbieter vom Markt verschwunden sind, die mittleren langsam in die Krise geraten und die Gefahr besteht, dass wenige Große übrig bleiben. Das ist problematisch. Erstens hat der Tourismus früher sehr viele dezentrale Arbeitsplätze geschaffen. Zweitens entwickelt sich dieser konzentrierte Tourismus zu einer Art Ghetto, abgekoppelt von der realen Alpenwirtschaft und -kultur. Ressorts werden oft mit Geldern von außerhalb geschaffen. Durch die ökonomische Fremdbestimmung fließen die Gewinne aus den Alpen ab, in Frankreich und Italien massiv, in Österreich relativ gesehen am wenigsten. Zugleich gibt es Besucher, die an den Alpen als Lebensraum eigentlich kein Interesse haben. Das ist eine Form des Tourismus, der sie kaputt macht.

Abwanderungsregionen mit Flüchtlingen zu besiedeln, ist das eine gute Idee?

Vor allem in Italien, wo es große Zonen der Abwanderung gibt, wird darüber diskutiert. Ich bin sehr skeptisch, denn es sollen keine Flüchtlingsghettos entstehen, sondern Menschen integriert werden. Die Bevölkerung in diesen Regionen ist klein, daher verträgt es nur relativ wenige Neuzuzügler. Zudem ist die Frage, wie lang es brauchen würde, bis Flüchtlinge aus einem anderen Klima und Kulturraum in den Alpen Fuß fassen und dort etwa Landwirtschaft betreiben. Dazu braucht es sehr viele Voraussetzungen. Flüchtlinge müssen integriert und gleichmäßig übers Land verteilt werden. Da gehören die Alpen genauso dazu, aber sie können nicht die große Lösung sein.

Gibt es überhaupt ein freundliches Szenario, das Sie für die Alpen sehen?

Indem man erkennt, wie grundfalsch diese neoliberale Idee ist, nur Metropolen könnten wirtschaftskräftig und innovativ sein. Die Alpen müssen genauso als wichtiger und gleichwertiger Lebens- und Wirtschaftsraum betrachtet werden, und sie müssen ihre eigenen Ressourcen ins Zentrum stellen. Im direkten Umfeld existiert doch ein sehr großer kaufkräftiger Markt: 60 bis 70 Millionen Menschen, die Qualitätsprodukte aus dem Alpenraum wegen ihrer hohen Qualität schätzen. Und es gibt viele Beispiele dezentraler Ansätze für neue Qualitätsprodukte. Die Schwierigkeit ist, dass viele Initiativen oft zu vereinzelt sind. Da ein Netzwerk und ein alpenweites Label zu schaffen würde die Sache sehr stärken.

Steckbrief

Werner Bätzing,geboren 1949, war bis 2014 Professor für Kulturgeografie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Bätzing gilt als der internationale Alpenforscher schlechthin. Sein Basiswerk „Die Alpen“ (C.H. Beck, München) wurde 2015 überarbeitert und neu aufgelegt.
Mit seiner Streitschift über die Zukunft der Alpen „Zwischen Wildnis und Freizeitpark“ (Rotpunktverlag, Zürich 2015), hat er heftige Diskussionen entfacht. Oft ist Bätzing wissenschaftlicher Berater, u. a. bei der Internationalen Alpenschutzkommission Cipra. Zuletzt war er in die niederösterreichische Landesausstellung „Ötscher:reich“ involviert.

Unterwegs.
Bätzing entwickelt im Alpenraum auch Wege mit (wie etwa am Ötscher) und schreibt Wanderbücher. Tipp: „Grande Traversata delle Alpi“, eine Route von der Schweizer Grenze bis zum Mittelmeer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2015)

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