Freud-Enkelin Sophie: „Ich habe sein hartes Herz geerbt“

Sophie Freud ist eine der Letzten, die aus erster Hand berichten kann: von der Judenverfolgung in Österreich und ihrem Großvater Sigmund.

Sophie Freud: „Es ist leichter, Menschen zu lieben, nachdem sie gestorben sind.“
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Sophie Freud: „Es ist leichter, Menschen zu lieben, nachdem sie gestorben sind.“
Sophie Freud: „Es ist leichter, Menschen zu lieben, nachdem sie gestorben sind.“ – (c) Stanislav Jenis

„Mein Großvater liebte eigentlich nur seine Hunde“, sagt Sophie Freud. Die 91-Jährige ist nach Wien gekommen, um von ihrer Jugend in Wien, ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten und der berühmten Familie zu berichten.

Sophie Freud, geboren im August 1924, ist die Tochter von Sigmund Freuds ältestem Sohn, dem Rechtsanwalt Jean-Martin Freud. Mit ihrer Mutter Ernestine „Esti“ Freud konnte sie sich 1942 über Frankreich in die USA retten, wo sie das College besuchte, eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin absolvierte und bis heute lebt. Den Großteil ihres Lebens hat sie den Namen ihres Mannes – Loewenstein – getragen und das F für Freud nur nachgestellt geführt. Von 1978 bis 1992 lehrte sie als Professorin Sozialpädagogik und Psychologie an der School of Work am Simmons College in Boston.

Auch heute gibt sie dort noch einzelne Kurse. Die 91-Jährige ist erstaunlich fit für ihr Alter, sowohl geistig als auch körperlich. „Ich bin sehr diszipliniert“, sagt sie dazu. Sie gehe immer noch je dreimal in der Woche eine Stunde schwimmen und spazieren.

Seit ihrer Scheidung Ende der 1980er-Jahre ist sie regelmäßig zu Besuch in Wien und trägt seither nur noch den Namen Freud. Diesmal ist sie anlässlich einer neuen Gesprächsreihe des Psychosozialen Zentrums Esra gekommen. Historiker Peter Huemer versucht, Freud dem Publikum zunächst als Zeitzeugin der jüdischen Kulturblüte im Wien des Fin de Siècle und der Judenverfolgung im Dritten Reich näherzubringen. Am meisten dreht sich das Gespräch jedoch um die komplizierten Familienverhältnisse im Haus des Begründers der Psychoanalyse.

 

„Distanziert, aber auch liebevoll“

Sophie Freuds Beziehung zu ihrem 1939 verstorbenen Großvater lässt sich demnach in eine private und eine wissenschaftliche Ebene teilen: Privat sei Sigmund Freud eine verehrte Figur in der Familie gewesen. Er habe ein „hartes Herz“ gehabt, was für die Familie Freud typisch sei, und sei eher distanziert gewesen, aber auch liebevoll. Auf der anderen Seite habe Sophie Freud mit ihrem Studium kritische Distanz zu den Theorien ihres Großvaters gewonnen. Als Professorin wurde sie sogar eine seiner schärfsten Kritikerinnen. So behauptete sie 2006 noch, Sigmund Freud sei „einer der falschen Propheten des 20. Jahrhunderts“. „Heute würde ich das nicht mehr so sagen.“ Das Alter mache sie milder.

Doch auch jetzt noch sieht sie die Arbeit ihres Großvaters kritisch. „Alle berühmten Menschen stehen auf den Schultern von anderen. Mein Großvater hat nur präzisiert und gut geschrieben, was schon in der Luft lag.“

Schließlich will Huemer noch wissen, woher Freuds Zorn auf den Großvater komme – und verbindet damit die private mit der wissenschaftlichen Ebene. So habe Sigmund Freud Huemer zufolge seine Schwiegertochter Ernestine als „im ärztlichen Sinne verrückt“ bezeichnet. Außerdem sei er zusammen mit seinem Sohn Jean-Martin, nachdem sich dieser von Ernestine getrennt hatte, im Jahr 1938 nach London geflüchtet und habe Ernestine und ihre Tochter Sophie allein in Paris zurückgelassen.

Das habe Sophie Freud ihrem Großvater nie verziehen, suggeriert Huemer. Die Professorin widerspricht nur teilweise. „Sie analysieren mich gut, Herr Huemer.“ Das Publikum lacht. Freud lacht auch – und doch: Sie habe eben, wiederholt sie, das „harte Herz“ ihres Großvaters geerbt.

Zur Person

Sophie Freud. Die Enkelin Sigmund Freuds wurde am 6. August 1924 in Wien geboren. 1938 floh sie zusammen mit ihrer Mutter aus dem nationalsozialistischen Wien und gelangte später über Frankreich in die USA. Von 1978 bis 1992 war sie Professorin an der School of Social Work in Boston. Seitdem lehrt und forscht sie dort weiter. Am Sonntag war sie im Stadtsaal auf der Mariahilfer Straße zu Gast. Der Erlös der Veranstaltung kommt dem psychosozialen Zentrum Esra zugute, das in Wien Opfer des NS-Terrors sowie deren Nachkommen betreut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2016)

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